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Der Israelit · 1894-05-07 · Heft 36 (7.5.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 36 (7.5.1894)
Date
1894-05-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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657 auf dem Wege der Alles nivellirenden „Gaffe" für den Kopfputz einer Bäuerin verwendet zu werden. Hindel, die alte Freundin Malkes, stand helfend Bele zur Seite, denn vorsorglich hatte Bele's Mutter sie hingeschickt. Jetzt sah Bele den alten Leb Gorres von der Ecke der gegenüber befindlichen Gaffe daherschreiten. Ungeachtet seines Alters ging der auf einen Stock sich stützende Mann noch rüstig daher und hatte bald den Standplatz Beles erreicht. Bele richtete sich auf, dem Alten ein „Gut Morgen, Reb Leb", zurufend, dann ihn scharfanblickend sagte sie: „Wer hat euch, Reb Leb, den Hut so verkehrt aufgesetzt?" Dabei griff sie dreist den verwundert stehen gebliebenen Gorres nach dem Hute, lüftete diesen ein wenig, und rasch mit einem Rucke die Denkriemen von seinem Haupte abziehend, eilte sie damit, ehe noch der verblüfft dastehende Greis das Fehlen derselben bemerken konnte, in schnellstem Laufe davon. Leb Gorres, der seinen Dreispitz wieder fester auf den Kopf drückte, glaubte anfangs, es handle sich um einen schalkhaften Streich; als er aber die Denkriemen vermißte, erhob er ein Geschrei: „Lauft ihr nach, Bele Paffowitz hat meine Tfilin gestohlen, haltet sie." Bald war um ihn eine Menschenmenge versammelt, und als Leb Gorres zitternd, in Wuth und Aufregung von dem an ihm begangenen Raube erzählte, ließen sich fast allenthalben Stimmen der Entrüstung und des Unwillens vernehmen. Einige sprachen sogar die Ansicht aus, Bele Paffowitz sei wahnsinnig geworden, denn man habe nie von dieser sonst ruhigen Frau etwas Unziemliches gehört oder gesehen, ein Anderer trat beschwichtigend zu dem Alten und gab ihn den Rath, sich in „Schul" vom Schammes ein anderes Paar Tfilin zu entlehnen. Leb Gorres zog es vor, begleitet von zwei seiner Verwandten, heimzukehren. Bald hatte die Menge sich zerstreut, und das durch diesen Zwischenfall gestörte geschäftige Treiben nahm wieder den gewohnten Gang. Nur der Redseligkeit der Frauen blieb es überlassen, das Vorgefallene nach ihrer Weise zu commentiren und die seltsamsten Vermutyungen über die Ursache des von Bele verübten Attentates und über Leb Gorres laut werden zu lassen, wobei sie auch in allerlei Variationen über das beliebte und unerschöpfliche Thema des „Familientralsches" sich ergingen. Jossef Paffowitz war nach beendetem Morgengebete auf dem Wege nach seiner Wohnung, als er Rösel Gerrin in athemloser Hast auf ihn zueilen sah. — Sie ging wie Fassung suchend eine Weile neben ihm her, der verwundert sie anblickte. „Joffes", sagte sie mit vor Aufregung zitternder Stimme, „geht gleich zu euerem Weibe und verlangt von ihr die Tfilin, die sie dem alten Leb Gorres entwendet hat." — „Was sagt ihr", rief Jossef, der seinen Ohren nicht zu trauen schien, „meine Bele hat Tfilin entwendet? Ihr müßt euch irren, das kann mein Weib nicht gethan haben." Rösel erzählte dem staunenden Joffes den Vorfall. „Sie muß", meinte Joffes hierauf, „in Leb Gorres denjenigen vermuthen, der mich für euere Partei gewonnen hat, und wollte ihm vielleicht einen Streich spielen." „Nein", erwiederte ihm Rösel, „da steckt etwas Anderes dahinter, denn ich darf es euch sagen; in unfern Tfilin ist auch ein Sod unserer Lehren enthalten, und deßhalb beschwöre ich euch, mich schickt Reb Leb Gorres, daß ihr ihm die Tfilin gleich verschafft — die dürfen nicht entfremdet werden. —" „Wie soll ich", entgegnete Paffowitz, „mein starrsinniges Weib dazu bereden, ich habe mit ihr, seit sie aus meinem Hause geflohen, noch nicht sprechen können, und jetzt muß ich gleich nach dem Frühstück zu dem Rebbe Leb Loser, sie hat mich, wie mir sein Meschores sagte, beim Rebbe verklagt und vorladen laffen." Beide waren mittlerweile zu Joffefs Wohnung gelangt, als Rösel mit einem Male ausrief: „Joffes geht nicht hin zum Rebbe, mir ahnt nichts Gutes daraus für euch und für uns." „Was denkt ihr", erwiederte Jossef, „ich muß gehorchen, wenn der Rebbe mich vorladet, und ich werde hingehen. Gleich nach dem Frühimbiß werde ich zum Rebbe gehen, und wenn es ihm gelingen wird mich mit meiner Frau ausznsöhnen, so soll es mein Erstes sein, euch die Tfilin zu verschaffen — denkt nur nicht gar zu schlecht von meiner Bele." — „Redet nur nichts von den Tfilin in Gegenwart des Rebbe", bat Rösel, „ihr dürft nicht vergessen, daß ihr uns angehört, und" fügte sie schärfer betonend hinzu, „ihr kennt das Wort: Leben und Tod ist in der Gewalt der Zunge." Jossef nickte zustimmend und reichte, sich verabschiedend, Rösel die Hand. Bele war eiligen Laufes unbemerkt zur Wohnung des Rebbe gelangt, wo sie schon ihre Mutter Malke antraf, welche zeitlich Morgens vor der Rückkehr des Rabbi aus der Synagoge hingeeilt war und mit leicht begreiflicher Unruhe ihre Tochter erwartete. Das erste Wort der Blinden war die an ihre Tochter gerichtete Frage: „Hast du die Tfilin?" Bele bejahte es, und nun bat Malke den Sohn des Rabbi, daß sie mit ihrer Tochter in ein abseits gelegenes Zimmer geführt werden möge, um dort die Ankunft des Rabbi erwarten zu dürfen.

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