Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-05-07 · Heft 36 (7.5.1894) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 36 (7.5.1894)
Date
1894-05-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448444--38466-2486575
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

656 Sofia, im April. In Folgendem theile ich den Wortlaut des Gesuches mit, welches seitens des Consistoriums der sephardischen Gemeinde dem Ministerpräsidenten, Herrn Stambulow, in Angelegenheit von 6,eingewanderten jüdischen Familien überreicht wurde. Daffelbe lautet in deutscher, fast wörtlicher Uebersetzung: An den Ministerpräsidenten Herrn Stefan Stambulow in Sofia. Herr Ministerpräsident! Ich beehre mich die vorliegende bescheidene Bitte zu überreichen, vollkommen überzeugt, daß Sie, Herr Ministerpräsident, bei Ihrer bekannten Toleranz und Gerechtigkeit und der bewiesenen Menschen- und Freiheilsfreundlichkeit meine Bitte berücksichtigen werden. Sechs hebräischen Familien, türkischen Uuterthanen, die aus Mazedonien hierher kamen, wurde seitens der hauptstädtischen Polizei, wahrscheinlich auf Grund einer böswilligen Denunziation, der strenge Befehl ertheilt, Bulgarien im Verlauf von 7 Tagen zu verlassen. Die Häupter der betreffenden Familien sind arbeitsliebende Handwerker, welche von der Händearbeit und im Schweiß des Angesichts ihre Familien kümmerlich ernähren. Diese emigrirten deßhalb aus Skopie, weil ihr Handwerk in der industriearmen Türkei sie nicht ernähren konnte. Sie kamen nach Bulgarien, in ein Land, in welchem die Freiheit das hervorragendste Prinzip der Regierung ist, es ermuthigten sie ferner hierher zu kommen die Grundgesetze der Verfassung, welche dem Sklaven selbst die Freiheit verbürgt, so er den bulgarischen Boden betritt. Die Denunziation, daß die BedauernSwerthen russische Emigranten wären, ist nicht wahr — denn obschon dieselben russischer Herkunft sind, sind sie nicht erst jetzt aus Rußland ausgewandert, sondern schon vor mehreren Jahren, haben während dieser Zeit in der Türkei gelebt und die türkische Unterhanenschaft angenommen. Herr Ministerpräsident, Sie, der Sie von der ganzen gebildeten Welt als liberaler Mann anerkannt werden, bitte ich für die 6 armen Familien um eine Gnade. Sie können es wohl nicht zugeben, daß aus dem fortschrittlichen und freiheitlichen Bulgarien unschuldig Verfolgte herausgetrieben und dem Hunger und dem Elende preisgegeben werden. Unter dem Ministerium des Herrn Stefan Stambulow verfolgt man wohl nicht unglückliche und unschuldige Hebräer, bloß deßhalb, weil ihnen die Vorsehung keinen eigenen Flecken Erde zugetheilt hat. Die Bulgaren, die ebenso viel als wir Hebräer durch eine lange Reise von Jahren dulden mutzten, werden Sie um so eher lobpreisen, wie Sie für die Schwachen eintreten. Ganz Europa wird diese That der Toleranz loben, wie alle Thaten Ihrer weisen Regierung. Und wir treue und ergebene Unterthanen Bulgariens werden Gott anfiehen, auf daß er seinen reichen Segen auSschütte auf dieses ueliebte Land, dessen liberalen Ministerpräsident wie alle Unternehmungen der Regierung, für deren Gedeihen wir jeden Augenblick unser Blut auf dem Altäre der Nation zu opfern bereit sind. Mit aller Hochachtung Ihr ganz ergebener Abraham Davidschon Lewi, Vertreter deS Grandrabbin, H. M. Affaof, Secretär. Dieses Gesuch hat, wie das .Jüd. Vbl." berichtet, vollen Erfolg gehabt. Herr Abraham Davidschon Lewi aber hat seine Pflicht als Jude gethan, hat der inneren Stimme Rechnung getragen und die Aversion gegen die „TedeScoS" unterdrückt. Mrs. Linna Gottheil in New Pork, Gattin deS Prof. Richard Gottheil vom Columbia-Kollege, wurde durch eine Auszeichnung geehrt, welche noch keiner Frau in den Vereinigten Staaten verliehen wurde. Die französische Akademie hat Frau Gottheil den Titel eines Ollieier äe l'^caäemie l?rancaise verliehen in Anerkennung ihrer großen Dienste um die französische Sprache. MrS. Gottheil ist in Beyrut (Syrien) geboren und wurde in Paris erzogen, wo sie mit 16 Jahren an der Ecole Superieur promovirte. Mit Hilfe der Alliance gründete sie eine Schule in ihrer Geburtsstadt und später in Aleppo in Mesopotamien. Budapest. Frau W twe Ignatz Baumgarten verstarb dieser Tage im 77. Lebensjahre. Die Verblichene war die Gattin Ignatz Baumgarten's, eines durch Reichthum, Ansehen und Interesse für die jüdische Wissenschaft hervorragenden Mannes, eines tüchtigen Hebräisten. In letzter Stunde bewies sie noch, welch eifriger Mitglied des Pester israel. Frauen-Vereines sie gewesen, indem sie demselben 10,000 Gulden bestimmte. Feuilleton. Dir Sabtmtmner. Erzählung von Bernard Auerbach. (4. Fortsetzung.) V. Der Morgen graute. In der „Gasse" war schon ein lebhaftes geschäftiges Treiben zu bemerken. Im Gegensätze zu der außerhalb der Ghettothore herrschenden Feiertagsruhe begann innerhalb derselben eine, an einen Jahrmarkt gemahnende, rührige Thätigkeit, denn Sonntags strömten die Kauflustigen aus den andern Stadttheilen herein, um aus dem feilgebotenen Trödlerkram, der billiges und nützliches Allerlei enthielt, manches Preiswerthe einzukaufen. Die meisten Händler waren zum Frühmorgengottesdienste geeilt, damit sie noch rechtzeitig ihre Buden und Tische aufstellen und die Verkaufs - objekte in möglichst auffallender Gruppirung darauf ordnen könnten. Geschäftig hin und her eilend, um den Leuten einen billigen und schmackhaften Imbiß darzubteten, sah man Lebensmittelverkäufer, wie „Zettel Dolkesbacherin", die auf einer Terrine böhmische Dalken und in einem Körbchen allerlei Aqua vitae feilbot, oder „Rachel Kuchenbackerin", deren Fladen weit und breit sich eines gewissen Renommees erfreuten. Bele war gleichfalls auf ihrem „Standplatze" „Unter den Schuppen" erschienen und begann, nach allen Seiten spähend, um des erwarteten Reb Leb Gorres ansichtig zu werden, ihr „Stückelgeschäft" zu sortiren. Ihr „Waarenlager" bestand aus einem Haufen von allerlei Flitterkram, aus Leinwand und Tuchabfällen bis zu einzelnen Seidenstücken, die vielleicht ehemals Beftandtheile der Ballrobe einer gefeierten Schönheit gewesen sein mochten, um jetzt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.