Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 34-35 (1.5.1894)
- Date
- 1894-05-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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638 > Vermischtes. < Berli«, 16. April. Unter Betheiligung einer stattlichen Anzahl seiner Mitglieder hielt der Verein „Freunde der Taubstummen — Jedide Ilmim" am 15. April im Saale des Brüder-Vereins seine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Der Direktor der jüdischen Taubstummen-Anstalt in Weißensee, Herr M. Reich berichtete über die Thätigkeit deS Vereins im abgelaufenen Geschäftsjahre. Dem Verein sind am 23. Juli v. I. Korporationsrechte verliehen worden. Trotz der ungünstigen Zeitverhältnisie sind die Mittel reichlicher zugegangen als in all' den Vorjahren. Die Mitgliederzahl ist bereits auf 2400 gestiegen, unter denen Berlin allein mit 825 und einem Beitrag von 6573 Mk. figurirt. In der Anstalt befinden sich gegenwärtig 31 Zöglinge, 19 Knaben und 12 Mädchen, die von drei Lehrern und einer Erzieherin unterrichtet werden. In engem Zusammenhänge mit der allgemeinen Ausbildung steht der ReligionS- und hebräische Unterricht; auch dem Handfertigkeits-Unterricht wird Aufmerksamkeit gewidmet. — Redner verweist im Verlaufe seines Berichtes auf die erhebliche Anzahl von taubstummen jüdischen Kindern, deren Aufnahme in die Anstalt, wenn die Mittel es gestatteten, eine große Wohlthat wäre, und appellirt an die Versammlung ihre Wirksamkeit immer mehr zu entfalten, sowie ihn auch darin zu unterstützen, die Zöglinge nach dem Verlassen der Anstalt, wo sie eine besiere Bildung als die Kommunalschüler genießen, bei tüchtigen Lehrmeistern unterzubringen. Aus Neu-Süd-Wales berichtet man: Aldermann Samuel Landauer wurde zum fünften Male zum Mayor (Bürgermeister) von Endal gewählt. Auch Narrander Newcastle und Lismore haben jüdische Bürgermeister gewählt. Ke» Ul* t»„. Kine jüdische Wucherei. Ium hundertjährigen Geburtstage des Stifters der „Bibliotheka Rosenthaliana“. Nach dem Holländischen des »Nieuw Israelietisch Weekblad«. Amsterdam, 13. April. Am 13. April dieses Jahres waren es 100 Jahre, daß Leser Rosenthal das Licht der Welt erblickte. Rosenthal erwarb sich dadurch einen dauernden Namen, daß er während seines ganzen Lebens eine große Reihe werthvoller Bücher, zum größten Theile aus Hebraica und Judaica bestehend, sammelte. Diese Sammlung bildet nunmehr unter dem Namen „Bibliotheka Rosenthaliana" eine Abtheilung der Amsterdamer Universitätsbibliothek. Leser Rosenthal wurde im Jahre 1794 zu Nasielsk in Rußland (Gouvernement Plok) geboren. Zu 18 Jahren begab er sich nach Berlin, um sich daselbst wissenschaftlichen Studien hingeben zu können. Einige Jahre später zog er nach Hannover, wo er sich dauernd niederließ und sich mit Frl. Sophia Blumenthal, einer jungen Dame aus vornehmem Hause verheirathete. Rosenthal war ein heißer Verehrer derWissenschast. Es war seine höchste Freude sich an den Forschungen und Schöpfungen des menschlichen Geistes zu laben. So berichten von ihm seine gelehrten Zeitgenoffen und auch aus seinem Briefwechsel mit den vorzüglichsten Vertretern geht dies deutlich hervor. Nicht das geringste Zeugniß hiervon bildet die hebräische Beschreibung seiner Bücherei, ein Muster hebräischer Bibliographie, welche im Jahre 1875 der Gelehrte Roeft r.y unter dem Titel „Jodea Sefer" hcrausgegeben hat. Bereits in seiner frühesten Jugend begann R. sich eine kleine Bibliothek zu begründen. Aus dieselbe lenkt bereits im Jahre 1845 Zunz die Aufmerksamkeit der Forscher und im Jahre 1863 erklärt Fürst in seiner Bibliotheka Judaica, „daß dieselbe jetzt vielleicht die größte in Deutschland sei." — Während seines ganzen Lebens besaß Rosenthal eine unbeschreiblich große Vorliebe für Bücher. Diesem merkwürdigen Manne, der sonst in höchster Einfachheit lebte, war kein Opfer zu groß, wenn es den Ankauf eines seltenen oder wichtigen Werkes galt. Ja, es ließ ihm nicht eher Ruhe, bis er das ihm einmal angebotene Buch sein Eigenthum nennen konnte. Diese außergewöhnliche Liebe zu den Büchern fand einzig und allein ihren Ursprung in der Liebe zur Wissenschaft. Mit eisernem Fleiß sind die meisten Werke seiner Sammlung von ihm studirt und mit Anmerkungen versehen, die entweder auf dem Rand der Seiten oder auf losen Blättchen Papier ihren Platz fanden. Diese Anmerkungen sind nicht nur allein das Resultat seiner eigenen Studien, sondern geben auch die Aufzeichnungen Anderer wieder, die er hie und da angetroffen, oder welche ihm schriftlich und mündlich mitgetheilt worden waren. So besitzt die Bibliothek u. A. ein Exemplar von Elia Levttas ha Tischbt, eine Erklärung von 712 Worten, welche in der jüdischen Literatur Vorkommen und die ihren Ursprung aus dem Hebräischen, Chaldäischen, Arabischen, Griechischen oder Lateinischen herleiten. In dem genannten durchschossenen Exemplare nun finden sich nicht weniger als 150 ausführliche Bemerkungen von Rosenthal's Hand. MU der äußerst freisinnigen Rich ung in Bezug auf Judenthum und jüdische Wissenschaft, die in seinen Tagen sich allenthalben breit machte, war Rosenthal durchaus nicht' einverstanden. Oft fällt er über dieselbe mit einem einzigen Wort eia vernichtendes Urtheil. Bei Alledem war bet ihm von Einseitigkeit keine Spur. Mochte ein Werk mit seiner religiösen oder wissenschaftlichen Ueberzeugung auch nicht übereinstimmen, wenn es nur gut geschrieben war, dann fand es in seiner Sammlung einen Platz. Mit der größten Freude sah R. seine Bücherei von Jahr zu Jahr sich vergrößern. Er betrachtete sie als einen kleinen Staat, in dem er König war und es war ihm in seinen alten Tagen noch