Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 34-35 (1.5.1894)
- Date
- 1894-05-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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689 vergönnt zu sehen, wie die Grenzen dieses Staates sich weiter ausdehnten, als er es selbst je zu hoffen wagte. Leser Rosenthal starb zu Hannover am 7. August 1868. Seine Kinder, errichteten ihm ein würdiges und dauerndes Denkmal, indem sie seine Bücherei durch Schenkung in den Besitz der Universitätsbibliothek dahier übergehen ließen. Treten - wir nunmehr in das Gebäude der Universitätsbibliothek dahier ein und steigen, das hohe Vestibül durchschreitend, die breiten Treppen empor, die uns vor ein hohes Portal führt. Ich gehe durch den Gang voran, der an der linken Seite des Portals gelegen ist. Am Ende dieses Ganges befindet sich eine Thüre mit der Aufschrift „Bibliotheka Rosen thaliana“. Wir betreten einen Raum, hoch, aber sehr einfach eingerichtet, welcher von einem Hofe sein Licht empfängt. Ueber dem Kamin befindet stch das große Portrait des Sammlers, von Hansens Meisterhand im Jahre 1881 gemalt. Daffelbe stellt den kräftigen Greis, an einer mit Büchern beladenen Tafel sitzend vor. Der Künstler zeigt uns die edlen Züge eines ernsten, aber gemüthvollen Mannes. Gerade gegenüber von dem Kamin stehen zwei Reihen Mappen. In denselben befinden sich Broschüren, Gelegenheitsschriften, Pamphlete, Flugschriften, Dissertationen u. s. w. In der Mitte des Raumes steht eine große Tafel, mit grünem Tuche überdeckt, umringt von einigen Stühlen; sonst in der Runde nichts als Bücher, Bücher. Ich kann es dem Besucher ansehen; er erwartete eine luxuriösere Einrichtung, aber gerade diese Einfachheit harmontrt vollkommen mit dem Geiste des Begründers, der wenig auf die äußerliche Pracht, destomehr aber auf die Schätze des Geistes Werth legte. Für den Uneingeweihten mögen diese Räume sogar düster erscheinen; für den Eingeweihten indessen, gestalten sie sich zu einem Lustgarten, in welchem er in jedem Augenblicke neue Blumen und seltene Früchte entdeckt. Die herrlichsten Früchte des Geistes und der Vernunft, der Forschungen und Studien, die Blüthen reichster Phantasie aus Juda und Babylon, die Werke der Wolga und Donau, des Rheins und des Guadalquivir, hier stehen sie in dem kleinen Raume beisammen. Sie, die sich bekannt machen wollen mit Israel, dem klassischen Volke der Gottestdee; sie, die sich von dem Wesen des Judenthums, von den Schicksalen des uralten Volkes, soweit sie sich in der Geschichte offenbaren, unterrichten wollen; hier finden sie alles Gewünschte im Ueberfluß. Die seltensten Ausgaben von Bibel, Mischna und Talmud mit ihren Commentaren; Werke über die Massora, liturgische, rituelle und kabbalistische Schriften; Werke über Sprache, Literatur und Geschichte der Juden, kurzum, fast alles, was auf diesem Gebiete, sei es in hebräischer, chaldäischer und beinahe allen andern europäischen Sprachen geschrieben worden ist, findet stch hier. Außerdem hebräische Erzählungen, wie auch eine große Reihe klassischer Werke der profanen Literatur, wie z. B. Cicero, Galenus, Aristoteles, wie auch moderne Werke, Milton, Lessing, Racin, kann man in dieser Bibliothek finden. Um Ihnen einen kleinen Begriff von der .Viel, seitigkeit dieser Bücherei zu machen, sei erwähnt, daß der neue systematische Katalog achtunddreißig Folio-Druckbogen umfassen wird, worunter stch auch die Rubriken: Wissenschaft und Naturkunde, Sternkunde, allgemeine Geschichte, Heilkunde u. s. w. finden. Der Bibliograph von Fach ist erstaunt über den Reichthum der Collection, an seltsamen Buchausgaben aus allen Ländern Europas, von der Zeit an, da die Kunst Gutenbergs noch in ihrer Kindheit fich befand bis auf den heutigen Tag. Auf dem Tische liegen zwei große, dickleibige Bücher. ES ist der Katalog dieser Bibliothek. Mit der Zusammenstellung dieses Verzeichniffes beauftragte im Jahre 1869 der Sohn des Sammlers, Herr G. Rosentyal, den seligen Herrn .M. Poest, einen Mann, der als Bibliograph auch außerhalb seines Vaterlandes einen berühmten Namen erworben hatte, und der auch als erster Konservator der Rosenthaliana sich mit Eifer und Liebe dieser Bibliothek widmete. Dieser Katalog erschien im Jahre 1875 in Amsterdam unter dem Titel: Katalog der Hebraica und Judaiea aus der L. Rosenthal'schen Bibliothek. Bei der Herstellung desselben, ebenso wie bei der typographischen Ausführung, wurden weder Mühe, noch Kosten gescheut. Dieses Buch ist auch ein Standartwerk aus dem Gebiete der hebräischen Bibliographie geworden. Einen ansehnlichen Zuwachs erfuhr die Bibliothek seit ihrer Begründung, durch eine Reihe berühmter Amsterdamscher Drucke aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die hauptsächlich aus in den Niederlanden erschienenen Jüdiscb-Spanischen und Jüdisch-Portugiesischen Werken besteht. Diesen Zuwachs verdankt sie namentlich dem vorerwähnten Herrn G. Rosenthal, sowie der Stadt Amsterdam. Berücksichtigen wir nun noch die große Sammlung, welche die Universitätsbibliothek bereits besaß, so übertreiben wir sicher nicht, wenn wir behaupten, daß unsere Universität als eine der belangreichsten Bücherei der Welt auf diesem Gebiete gelten kann. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, daß viele sich veranlaßt fühlen, unsere alte und doch ewig neue Literatur kennen zu lernen.