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Der Israelit · 1894-05-01 · Heft 34-35 (1.5.1894) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 34-35 (1.5.1894)
Date
1894-05-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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■ 'r ■ 624 sinnige Dame aus dem Leben, welche, obgleich nur auf einem begrenzten Gebiete literarisch thätia, sich die Verehrung und Liebe weiter gebildeter Kreise erworben hatte. Frau Neuda war die Verfasserin eines Buches: „Stunden der Andacht für Frauen und Mädchen", welches zwar nur für israelitische Kreise geschrieben wurde, jedoch durch seinen ethischen Gehalt, die fesselnde Form und die feine Kenntntß des weiblichen Herzens, die sich darin ausspricht, reiche Anerkennung auch außerhalb jener Familien erwarb, denen es zunächst gewidmet war. Die Verfasserin erlebte die Freude, daß ihr rühmliche Würdigung auch von zahlreichen katholischen und protestantischen Geistlichen zu Theil wurde, die sich durch die Gesammtrichtung wie den innigen, warmen Ton der Gebete und Erbauungssprüche des Werkes sympathisch berührt gefühlt hatten. Das genannte Werk, wie ein späteres Buch gleicher Tendenz, das sich vorwiegend an Mädchen und junge Frauen wendete, erlebten zahlreiche Auflagen; die Schriften wanderten bis nach Amerika und wurden— allerdings ohne Erlaubniß der Autorin — auch in die englische Sprache übersetzt. Die Verblichene erhielt fortwährend und noch bis in die letzten Wochen zahlreiche Briefe von Frauen und Mädchen aus allen Ländern, welche der Verfasserin den Dank für den Trost und die Erhebung darbrachten, die sie in diesen Büchern gefunden. Ebenso beliebt sind auch die Erzählungen für die Jugend, welche Frau Fanny Neuda geschrieben; in ihrem Nachlasse befindet sich übrigens im Manuskript noch ein Bändchen neuer Erzählungen, welche allgemeinen Charakters sind. Frau Neuda hat auch für verschiedene Zeitschriften feuilletonistische Skizzen veröffentlicht, welche sich durch vornehme literarische Gestaltung und glückliche Beobachtung auszeichneten; auch ein feiner Humor war ihr eigen, mit welchem sie menschliche Schwächen, ohne zu verletzen, zu charakteristren wußte. So hat sie in ihrem Sinne und in ihrem Kreise als Schriftstellerin, wie durch ihr lauteres, menschenfreundliches Leben in bestem Sinne erziehlich gewirkt und für Viele als Vorbild gedient. Rußland. Wilna, 15. April. In unmittelbarer Nähe von Wilna wurde kürzlich eine jüdische Familie in bestialischer Weise ermordet und beraubt. Es war an einem Freitag; das Familienoberhaupt hatte sich in die Stadt begeben, um dort das Abendgebet in der Synagoge zu verrichten. Als der Mann zurückkam, fand er zu seinem Entsetzen seine Frau, drei Kinder und eine Dienstmagd in ihrem Blute schwimmend; sie waren todt. Er schlug Lärm, da sprangen aus einem Versteck zwei robuste Bauern hervor und ergriffen ihn mit den Worten: „Geld, Jude, sonst bist du hin!" In Folge der Hilferufe des Juden eilten einige Nachbarn herbei, und deren Erscheinen verscheuchte die Mörder. Wenige Tage später gelang es der Polizei, der Verbrecher habhUt zu werden. Es waren dies zwei junge Bauern aus dem benachbarten Dorfe Porjetschje. Dieser traurige Vorfall hat jedoch eine weit größere als bloß locale Bedeutung; die Art, wie die Mörder ihre Missethat, welcher fünf Menschenleben zum Opfer fielen, rechtfertigen, ist sehr beachtenswerth. Vor dem Untersuchungsrichter erklärten dieselben, daß sie die Judenfamtlie erschlagen haben, weil man überall davon überzeugt sei, daß die Juden von der russischen Regierung nicht geschützt werden, daß man einen Juden, ohne eine Strafe zu befürchten, erschlagen und berauben könne. Der Starost im Dorfe habe des Oefteren erzählt, die Zeitungen schreiben immer, man solle die Juden ausrotten, vertilgen und vernichten; auch sei allgemein bekannt, daß die Polizei mit den Juden verfahre, wie es ihr gutdünkt. Diese Aussagen bflden eine schwere Anklage gegen die russische Regierung und gegen die ununterbrochene Judenhetze gewisser Zeitungen; sie beleuchten zugleich die schauerliche Lage der Juden im Czarenreiche. Aber auch außerhalb Rußlands könnten Machthaber, welche mit dem Antisemitismus ihr Spiel treiben, aus den Aussagen der Mörder lehrreiche Schlüffe ziehen. Vermischtes. Der Haupttreffer des Looses eines Anlehens der Stadt Marseille mit 100,000 Francs wurde von Baron Rothschild in Paris gewonnen, der den Betrag sogleich unter den Armen auszutheilen befahl. Feuilleton. Dir Sabbatianer. Erzählung von Bernard Auerbach. (3. Fortsetzung.) Die Mittagsstunden verstrichen, und Bele half ihre Mutter ankleiden, um mit ihr den Gang zum Rabbi zu unternehmen. Dieser hatte sich mit seinem Sohne Leb in das Studirzimmer zurückgezogen und war damit beschäftigt, aus einem der umstehenden großen Bücherschränke einen Folianten hervor zu holen, um, wie es für den Sabbat vorgeschrteben, den Wochenabschnitt der Bibel zu lesen. „Nun Leb", frug der Rabbi, während sein Blick die Bücher musterte, „was sagt man in der Khille zu meiner heutigen „Drösche?" Um das Antlitz des Sohnes zuckte es; witzig, wie er in der Lbills bekannt war, gab er dem Vater rasch die Antwort: „Die

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