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Der Israelit · 1894-04-19 · Heft 32-33 (19.4.1894) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 32-33 (19.4.1894)
Date
1894-04-19
Page
– (sequence 29)
Language
German
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615 „Also all dieses interessiert Dich nicht?" „Ich Hab' niemals dran gedacht," erwiederte er mir freundlich. „Ohne Zweifel willst Du etwas von der Geschäftslage Deiner Genossen erfahren und hören, wie es mit dem Handel aussteht?" „Ihre Geschäfte gehen gewiß besser wie meine." „Das ist wahr .... So möchtest Du wissen, ob das Leben daheim theurer worden ist, seit Du weg bist; welches der Preis der Ernten ist am Markt; wie theuer das Mehl verkauft wird, das Fletsch?" „Ach — was liegt mir an allem dem, Herr? wenn man hier nichts kaufen kann, wenn daheim AlleS halb geschenkt wird." „Du hast vollkommen recht, aber zum Teufel wenn ich weiß was Du von mir willst." „Weiß ich's doch selber nicht, Herr, wie ich es Ihnen erklären soll. Oft begegnet mk's daß ich grübele, bis Rifka, so heißt meine Frau, mir. sagt: „Sroul, was hast Du?" Und was kann ich ihr antworten, wenn ich selbst nicht weiß was ich habe .... Vielleicht, wenn mich die Leute sähen, würde ste's zum Lachen bringen" . . . Und indem er so sagte, blickte er mich furchtsam an, um zu sehen, ob ich mich nicht über ihn lustig machte. Aber ich lachte nicht. Der Mann interessierte mich. Ich errieth, daß er von etwas niedergedrückt war, worüber er sich selbst nicht Rechenschaft ablegte. Um ihm seine Aufgabe zu erleichtern, versuchte ich, es ihm behaglich zu machen, bat ihn ohne Hast zu sprechen, versicherte ihm, meine Arbeit sei in keiner Weise eilig, und es sei nichts dabet verloren, auch wenn wir eine ganze Stunde verplauderten. Er dankte mir mit dem Blick, besann sich einen Moment; dann knüpfte er furchtsam das Gespräch auf diese Weise an: „Wann haben Sie Warschau verlassen, Herr?" „Gegen Ende April, nach dem griechischen Kalender." „War's kalt oder warm zu dieser Zeit, dort unten?" „Es war sehr warm, ich reiste im Sommerüberzieher." „Ach .... Sie sehen wohl, Herr! Und hier fror es. . . " „Aber hast Du denn vergessen, mein Freund, daß bei uns die Saat schon geschehen ist, und daß die Bäume schon grün sind?" „Die Bäume schon grün!" Eine Flamme glänzte in den Augen Srouls. „Ja, ja, sie sind grün," wiederholte er, „und hier friert es." Ich fing an zu verstehen, was er wollte; aber um mich noch besser davon zu überzeugen, blieb ich stille. Sichtlich wurde mein Jude lebhafter. „Jetzt, Herr, sagen Sie mir, ob man noch bei uns. Aber es ist drollig, da, ich weiß nicht mehr, wie's heißt auf Polnisch — und er entschuldigte sich, ganz verwirrt und betheuerte, er habe es ehemals sehr gut gewußt. ... Es ist etwas Weißes, sieht aus wie Erbsen .... aber es sind keine Erbsen, und im Sommer wächst es in den Gärten ganz nahe den Häusern, und es ringelte sich auf wie Gewinde längs großer Stecken." „Du meinst Bohnen?" „Ja, ja . . das ist es . . Bohnen, Bohnen!" wiederholte er mehrere Male, als ob er sich das Wort gut in den Kopf bringen wollte. „Aber, gewiß, die gibt es viel, wie immer. Und säet man denn hier keine?" „Hier! seit drei Jahren, die ich hier im Lande wohne, Hab' ich noch nicht einmal die Farbe einer einzigen gesehen. Es ist Alles, wenn man ein paar elende Erbsen sieht, von denen, die man — mit Respekt zu melden — bei uns hinwtrft für —" „Für die Schweine!" „Richtig. Und noch dazu, sie verkaufen sie auf's Pfund; und nicht einmal alle Tage fand man welche zu kaufen." „Du issest also Bohnen gern?" „Ich! — . . . gar nicht. Aber wie soll ich Ihnen das sagen?" „Manchmal muß ich daran denken; und es kommt mir hübsch vor. Es ist so zu sagen, wie ein klein Wäldchen, was aufgewachsen wäre neben den Häusern. . . . Hier, gibt es nichts. Und dann Herr, noch etwas: sagen Sie mir, ich bitte Sie, ob man im Winter bet uns noch die kleinen Thierchen sieht — nicht größer als so — und er zeigte seinen kleinen Finger — es sind Arten grauer Vögel ... Ich Hab' auch ihren Namen vergessen, aber zu meiner Zeit, gab cs viele; und oft wenn ich meine Gebete verrichtete und am Fenster stand, sah' ich Hunderte flattern und ntedergehen vor mir. Aber gab ich damals auch nur acht darauf? Rein, sehen Sie, Herr, niemals hält' ich geglaubt, es sollte mir einfallen an diese kleinen Dinge zu denken. Aber hier ziehen selbst die Krähen fort im Winter; wie sollten so kleine Thierchen widerstehen? Aber bei uns, Herr, gewiß, gibt es noch. Sagen Sie, Herr ... sagen Sie, gibt es ihrer noch?" Dies Mal antwortete ich ihm nicht, denn ich hatte endlich doch verstanden, daß dieser alte Jude, dieser eifrige Chastd, wie ich, nach seinem Vaterlande schmachtete, und daß ein Schmerz uns beide verzehrte. Die unerwartete Begegnung mit diesem Leidens-

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