Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 32-33 (19.4.1894)
- Date
- 1894-04-19
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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614 gebogene und etwas auf die Seite geneigte Nase, die durchdringenden Augen, den spitzen und röthlichen Bart, die niedrige mit dichten Haaren umsäumte Stirne. Aber dieses blaffe Gesicht, in dem sich das Elend abspiegelte, war von einem so offenen, herzlichen Ausdruck erhellt, daß ich mich zu ihm hingezogen füblte. „Erst sage mir Deinen Stamm, was Du hier thust und worüber Du mich fragen willst!" „Ich heiße Sroul, Herr, Sroul aus Lubartow, Ihnen zu dienen. Euer Ehren wiffen vielleicht, daß Lubartow, eine kleine Stadt ist ganz nahe bei Lublin. Ich sage ganz nahe, obwohl bei uns zu Hause jedermann denkt, es sei sehr wett, und ich auch, ehedem, ich glaubte es auch; aber jetzt — fügte er mit Ueberzeugung hinzu — „jetzt kenne ich die weiten Entfernungen; und ich weiß, daß Lubartow ganz nahe ist, ganz nahe bet Lublin, neben dran, so zu sagen." „Bist Du schon lange hier?" „Oh, sehr, sehr lange, Herr! Ungefähr drei Jahre! . . . „Drei Jahre! .... Aber das ist ja kurz . ... Es sind hier Deportierte seit zwanzig Jahren; und auf meiner Reise traf ich einen aus Wilna, der ist fünfzig Jahre in Sibirien. Die können von einer langen Verbannung reden." „Es ist möglich, ich kenne ihre Geschichten nicht, aber was ich weiß, das ist, ich bin hier seit sehr lange . . ." „Bist Du allein, daß Dir die Zeit so lang erscheint?" „Ich bin hier mit meiner Frau und meinem Kind, einer Tochter. Ich hatte vier Kinder, als ich hierher kam; aber eine solche Reise thun . . . soll der gute Gott meinen Feind davor bewahren! Gehen ein ganzes Jahr! Herr, Sie wissen nicht was es heißt. „Tagesmärsche! Unterwegs sind drei meiner Kinder gestorben ... in derselben Woche — so zu sagen alle zusammen . . . Dret Kinder, das ist leicht zu sagen, das .... Und nicht einmal wiffen, wo sie beerdigen, denn cs gab keinen israelitischen Friedhof. Ich, ich bin chasyd, Herr — und er fügte leiser hinzu: Sie wissen wohl, was das heißen will, ich befolge nach dem Buchstaben die Gesetze der Religion und trotz dem . . . Gott straft mich!" Er schwieg stille, sehr bewegt. — „Sieh' mal, mein Freund, n an darf auch nicht Alles so schwarz sehen, und dann — was liegt dran, wo wir beerdigt sind: ist die Erde nicht überall des lieben Gottes?" Der Jude sprang in die Höhe, wie eine verbrühte Katze. „Des lieben Gottes?" rief er.„Wie? Des lieben Gottes? Was sagen Sie, Herr? .Aber das ist ja ein Hundeland hier! Tfu! Tfu!.Land Gottes! Schämen Sie sich, das zu sagen, Herr. Ein Land Gottes, was niemals auflhaut! . . . . Hier ist der Boden verflucht. Gott will nicht, daß Menschenwesen hier wohnen; wenn er es wollte, wär' es nicht so! Es ist ein elender Boden .... ein verdammter Boden.Tfu! Tfu!“ Und er fing an, um sich her auszuspucken, indem er mit den Füßen stampfte, die Lippen zusammenpetzte und mit seinen geballten Fäusten den unschuldigen Boden von Jakutsk bedrohte. Endlich, von der Aufregung gebrochen, ließ er sich neben mir auf den Stuhl sinken. Im Allgemeinen lieben alle Deportirten, ohne Unterschied der Religion oder der Nationalität, Sibirien nicht, aber dieser eifrige Chasid haßte mit ganzer Seele. So wartete ich ab, bis er sich beruhigt, was nicht lange ausblieb; denn er hatte eine rauhe Schule durchzumachen gehabt. Nach einem Augenblick, als ich sah, daß es ihm gelungen war, seine Bewegung zu meistern, warf ich ihm einen fragenden Blick zu. „Man muß mir's zu gut halten," sagte er zu mir sogleich, „aber ich spreche zu Niemand von dem Allem, denn hier — mit wem sollt' ich sprechen?" „Es fehlt doch nicht an Juden hier!" „Sind es bloß Juden, Herr? .... Aber nein, es sind Leute gerad' wie alle hiesigen! . . . Sie beobachten nicht einmal ihre Religion." Da ich fürchtete, eine neue Explosion hervorzurufen, so unterbrach ich ihn, indem ich ihn fragte, worüber er mit mir zu reden gewünscht habe. „Ich wollte bloß wiffen, was daheim vorgeht, Herr. Es sind so viel Jahre, daß ich hier bin, und nicht ein einziges Mal seit meiner Ankunft Hab' ich Gelegenheit gehabt, von der Hetmath zu reden." „Ganz gut! Aber etwas sonderbar stellst Du doch Deine Fragen. Ich kann doch nicht, in einem einzigen Athem Dir Alles sagen was daheim vor. geht! Was interesstrt Dich? Ist es die Politik?" Der Jude blieb stumm. Ich glaubte, die Bedeutung des Wortes „Politik" sei ihm unbekannt, denn er drückte sich unbehülflich aus im Polnischen, und fing an ihm des Langen und Breiten die Lage Europas und die unsrige auseinander zu setzen, eine Erklärung, die ich, Wort für Wort auswendig wußte; denn ich hatte sie gar manches Mal schon Andern wiederholt. Aber der Jsraelkte schüttelte ungeduldig den Kopf.