Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 32-33 (19.4.1894)
- Date
- 1894-04-19
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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613 kein Elend war mehr, keine Bosheit der Menschen, nichts als die Natur, in allem Glanz ihrer Pracht; und der Friede herrschte an den Ufern meines hetmathlichen Stromes. Aber wie den Zauber dieser Bilder beschreiben! Goldene Ernten sah ich, feenhafte Wiesen, Wälder mit hundertjährigen Bäumen, die mir uralte Geschichten erzählten. Ich hörte das Rauschen der Aehrenwellen, das Zwitschern der Vögel, und riesige Eichen flüsterten miteinander, der Stürme lachend. Ich berauschte mich an dem Duft dieser balsamischen Wälder, dieser Wiesen, dieser Felder, die mir wie eine Mosaik von Blumen funkelten. Allmählich durchdrang mich die Heimathsluft, alle meine Fibern waren in Schwingung versetzt, die warmen Sonnenstrahlen belebten mich, und obgleich draußen der Frost immer noch drauflos knirschte und mir seine scheußlichen Zähne wies, stand der Kopf mir in Feuer, und wie hypnottsirt, schaute ich ohne zu sehen, lauschte ohne zu hören. So sah ich nicht, wie meine Zimmerthür aufging und ein Individuum bei mir hereinkam. Ich bemerkte nicht den dichten, weißen Dampf, der sowie man auch nur dteThüre aufmacht, in so grober Menge in die Häuser etndrtngt, daß cs unmöglich ist, den Ankömmling zu unterscheiden. Ich schauderte nicht einmal unter dem grausamen Biß der Kälte, die sich frech in eine menschliche Behausung etnstahl. Erst als ich neben mir ein lebendes Wesen verspürte, warf ich ihm maschinenmäßig die alltägliche Frage hin, die man in Jakutsk zu stellen Pflegt: Toch nado? (im Dialekte von Tabutsk:) Was soll's? (Russisch Schto tebj6 nato?) „Verzeihung, Herr, ich bin's Z mielotchem (Z mielkim towarami targuju — ich handele mit kleinen Maaren!" wurde mir geantwortet. Ich hob die Augen auf. Ich hatte, daran war nicht zu zweifeln, einen polnischen Juden vor mir, und trotz der verschiedenen Costüme aus Ochsen- und Elennhaut, womit er vermummt war, hätte ich ihn doch unter Tausenden erkannt, an jener den Israeliten unserer kleinen Stadt eigenthümlichen Art. Aber seine Erscheinung hatte den Faden meiner Gedanken nicht allzu gewaltsam zerriffen, aus dem Grund, weil — weit entfernt einen heftigen Gegensatz zu bilden — das vertraute Bild eines Juden meiner Heimath sich im Gegentheil meinen Gedanken anschloß. Und ich hlickte mit einer gewissen Freude auf seine mir so bekannten Züge, während die paar Worte Polnisch, die er vorhin hatte ein fließen lassen, angenehm meinen Ohren schmeichelten und die Illusion fortsetzten. Der Jude betrachtete mich einen Augenblick ohne zu sprechen,- dann lief er nach der Thüre und fing an sich rasch seiner Pelze zu entledigen. Nun erst kam ich vollständig wieder zu mir, und da ich mir dachte, mein kluger Landsmann habe mein Stillschweigen für eine Einwilligung genommen und wolle mir seine Waare zeigen, so beeilte ich mich ihn zu enttäuschen. „Um Gottes Willen, was thust Du, mein lieber Mann? . . . Aber ich kaufe ja nichts; leg' nicht unnützerweise Deine Pelze ab, und Gott führe Dich weiter!" Der Jude besann sich einen Augenblick, zog seine docha*) zurecht, dann sich mir nähernd, sagte er mir rasch und mit stockender Stimme: „Ich weiß, Sie werden nichts kaufen, Herr! aber sehen Sie, ich wohne in diesem Land schon lange, lange .... Bis heute hatte ich nicht gewußt, daß Sie angekommen wären, denn kurzum, Sie sind doch aus Warschau, nicht wahr, Herr? Gestern erst Hab' ich erfahren, daß Sie hier sind seit vier Monaten. Vier Monate, wie schade daß man mir eS so spät gesagt hat! Ich wäre gleich gekommen! Heute hob' ich mich aufgemacht, Sie aufzuspüren; und seit einer Stunde lauf ich. Ich bin am andern Ende der Stadt gewesen und bet einer Kälte!.. . hol's der Teufel! Wenn Sie mir bloß erlauben wollten, Ihnen einige Worte zu sagen .... Herr. Ich werde Sie nicht lange stören." „Was willst Du von mir?" „Ich wollte .... plaudern ein wenig mit Ihnen, Herr!" Das erstaunte mich kaum. Ich war ihrer schon so vielen begegnet, der Leute aus allen Klaffen, die „ein wenig plaudern wollten" mit einem Menschen, der aus der Heimath kam. Sie interessirten sich um die verschiedensten Dinge: es gab einfache Neugierige und Schwätzer, solche die nur Nachrichten von ihrer Familie wollten und dann Politiker; aber unter diesen hatten schon viele sehr konfuse Ideen. Indessen im Allgemeinen übte die Politik auf alle eine besondere Anziehung aus. Das Verlangen meines Besuches erstaunte mich also kaum; und obgleich ich gerne so schnell als möglich meine Wohnung von schlimmem Gestank befreit hätte, den die schlecht gegerbte Haut seiner docha ausströmte, so bat ich ihn doch freundlich, sich seiner Pelze zu entledigen und sich zu setzen. Der Jude strahlte. Bald war er mir an der Seite; und ich konnte ihn nach Muße betrachten. Alle charakteristischen Züge seines Stammes waren in seiner Person vereinigt. Er hatte die starke, sehr *) Winterkleid aus doppelter Elennshaut, so daß die Haare nach Innen und Außen gekehrt sind. Die armen Leute verwenden Ochsenhaut.