Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 32-33 (19.4.1894)
- Date
- 1894-04-19
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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612 lag in eine Art Leichentuch oder Hemd eingeschlagen, ein gewaltiger Körper, unter dessen Schnurrbart der Schnee hervordrang: Baldyga. Die Leiche war gefroren. Um sie leichter in den Sarg zu bringen, mußte man sie an die Thüre herbeitragen, die allein dem Lichte Zugang verstattete. Nie werde ich das Gesicht des Baldyga vergessen, als wir es vom Schnee, der es bedeckte, befreit hatten und ich es nun an der Helle des Tages erbl^ckre. Seine strengen Züge trugen einen Stempel eigentümlichen und unbeschreiblichen Leidens und seine übermäßig geöffneten Augen schienen mit Vorwurf gegen die düstere und eisige Umgebung gewendet. „Es war ein braver Bursche", murmelte einer meiner Nachbarn, der den Eindruck bemerkte, den Baldyga auf mich hervorgebracht hatte — „ein guter Arbeiter, von kräftiger Gesundheit, der immer einen noch ärmeren Genossen bei sich hatte, den er unterstützte; aber dabei köpfisch, wie nur ein Kurge sein kann. Hatte er sich'» doch zur fixen Idee gemacht, er würde noch einmal an die Ufer der Narva zurückkehren. Anzunehmen ist übrigens, daß er noch vor seinem Tode eingesehen hat, das werde nie geschehen." Mittlerweile war der steife Körper in den Sarg geschafft und dann aus einen jener kleinen in Jakutsk gebräuchlichen Pferdeschlitten gelegt worden. Darauf stimmte die Näherin der Colonie, die wegen ihrer großen Kenntntß der kirchlichen Gebräuche gelegentlich die Funktionen eines Priesters verrichtete, die Hymne an: „Kommt, laßt uns preisen den Herrn"; wir vereinigten unsere zitternden Stimmen mit der ihrigen, und unsere kleine Schaar zog nach dem Friedhofe. Bon der Kälte angestachelt, gingen wir schnell. Bald erreichten wir dos Feld der Ruhe. In Hast warfen wir einige Schaufeln gefrorener Erde auf den Sarg; die Haue verrichtete das Uebrige und wenig Augenblicke nachher bezeugte ein frisch aufgeworfener Erdhaufe Baldyga's kürzlich vollendetes Dasein auf dieser niederen Welt. Dieses Zeugniß würde, das ist wahr, nur von geringer Dauer sein, einige Monate höchstens; der Frühling käme; der kleine Hügel, von den Sonnenstrahlen erwärmt, würde erweichen; die Erde würde sich ebenen, mit Blatt und Grün sich bedecken; noch ein oder zwei Jahre — und die Zeugen der Beerdigung wären todt oder zerstreut in die wette Welt, und wenn Deine eigene Mutter selbst Dich aufzusuchen käme, mein armer Baldyga, so fände sie keine Spur Deines Grabes. Aber, bah' .... wer forscht hier nach der Erinnerung eines Deportirten? Niemand. Baldyga wußte das wohl; wir wußten es auch; und schweigend gewannen wir wieder unsere Wohnstätten. Am Tage nach der Beerdigung wurde die Kälte noch strenger. Ich bewohnte eine enge Straße, und trotzdem war cs unmöglich die Wohnungen auf der andern Seite zu erblicken. Ein dichter Nebel, aus Eiskryststallen gebildet, ruht wie ein undurchdringlicher Schleier über der Erde, und das Llcht der Sonne selbst wurde ohnmächtig, diese fürchterliche Mauer zu durchdringen. Die Dichtigkeit der Luft war derartig, daß in der Stille der Straße meine Ohren die entferntesten Töne vernahmen. Bald war es das metallische Klingen des Schnees, bald das Krachen der Balken, die in der Kälte aufsprangen, bald das dumpfe Getöse der Erde, die sich spaltete und Trauertöne ausstteß ähnlich dem Klagegesang eines Einwohners des Landes. Die Hauptfroftzeit von Jakutsk fing an. So schrecklich aber ist dieser Frost, daß die tödtliche Kälte des Nordpols dagegen erblaßt. Dann ersaßt der Schauder das lebende Wesen; Mensch, oder Thier; es hat Bewußtsein von seinem Nichts; kugelt sich in sich selbst zusammen, kauert sich furchtsam, wie ein elender Hund, der von schrecklichen Doggen angefallen, weiß, daß der Kampf unnütz ist, daß er früher oder später unterliegen muß. Und in diesen Augenblicken erhob sich wie ein lebendiges Gespenst vor mir, mit mehr Beharrlichkeit als gewöhnlich die große Gestalt Baldyga's. Seit einer Stunde, saß ich an meinem Tisch vor meiner Arbeit; aber mein Tagewerk wollte kaum voranschreiten, unvermerklich hatte meine Hand die Feder sinken lassen, und mein widerspenstiger Geist suchte weit weit weg zu fliegen über die Grenzen des Schnees und der eisigen Schollen. Ich mochte mich ausschelten, wie ich wollte, mir die Rathschläge meines Arztes zu Hülfe rufen, der mich beschwor, mich nicht der Entmuthigung hinzugeben; ich war ohnmächtig mich zu besiegen, der Kummer, von meiner Heimath entfernt zu sein, verzehrte mich. Wie oft, in den Tagen der Stärke hatte ich unnützerweise gegen niemals zu verwirklichende Chimären angekämpft! Heute kam die Versuchung noch stärker an mich, und meine Energie war verschwunden. So verjagte ich die quälende Vision des ewigen Schnees und Eises; meine Feder flog weit weg, und indem ich mich in eine Wolke Rauch einhüllte, gab ich mich dem Fieber meiner Einbildungskraft hin und ließ in gigantischem Ritt meine stürmischen Gedanken mich hinwegtragen durch Wälder, Berge, Steppen und Flüsse. Ich durcheilte Länder ohne Zahl und längs meiner Irrfahrt sah ich vor meinen Augen unerhörte Wunder sich entrollen: