Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 32-33 (19.4.1894)
- Date
- 1894-04-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Um ^WWMWWW 605 der einen, und mit dem Brustton der Ueberzeugung verkünden auf der anderen Seite, wie alle diese Grundsätze menschlicher, ehrenhafter und anständiger Art des Denkens und Handelns einer höheren, über dem Niveau des Judenthums stehenden Kulturstufe angehören, und wie man erst einmal in den jüdischen Religionsbüchern hochnotpeinlich nachforschen müsse, ob auch nichts gegen die moderne Gesittung und die Grundsätze des modernen Kulturstaates Verstoßendes darin enthalten sei!! — Laßt Euch dann durch solche Verunglimpfung des Euch Heiligsten nicht erbittern und durch diese Verleugnung offenkundiger Wahrheiten nicht in eurer Menschenliebe und Menschenachtung irre machen. Bedauert, die aus Unwissenheit solches sprechen, die Arglistigen aber verachtet. Ihr wißt es, — das offene Wort sei ausgesprochen, es ist ja ein Wort des Kampfes und der Entzweiung — so gewiß es wahr ist, daß, wenn ein von christlichen Eltern geborener und in der christlichen Religion erzogener Knabe später ein Wucherer oder Betrüger oder sonst mit einem moralischen Defekt behafteter Mensch wird, er dies nur wird nicht, weil, sondern obgleich er Christ und im Christenthum erzogen ist: ganz ebenso gewiß ist es wahr, daß, wenn ein von jüdischen Eltern geborener und im Geiste des Judenthums erzogener Knabe später ein Wucherer oder Betrüger oder sonst mit einem moralischen Defekt behafteter Mensch wird, er dies nur wird, nicht weil, sondern obgleich er Jude und im Judenthume erzogen ist. Ihr habt ferner aus den Quellen gelernt, wie sorgsam, wie ängstlich das jüdische Gesetz vor der Ueberschätzung des Besitzes warnt und seiner Vergötterung entgegenarbeitet; wie der jüdische Mensch, fast könnte man sagen von der Wiege bis zum Grabe gewöhnt wird, freudig jeder Mehrung des Besitzes zu entsagen, sobald er damit gegen eine höhere Pflicht verstoßen würde. Ich erinnere nur an das leuchtende Beispiel der jüdischen Sabbatruhe, die zu ihrer Aufrechthaltung keiner polizeilichen Kontrolle bedarf und die den gesetzestreuen jüdischen Kaufmann auf ein volles Siebtel, ja im Hinblick auf die Sonntagsruhe fast ein Viertel der Tage gewinnbringender Thätigkeit freiwillig verzichten läßt. Ihr habt es gelernt, wie der jüdische Besitzer von seinem Verdienste den Zehnten ausscheidet für den Armen oder für die Kulturzwecke der Förderung der Gesittung, wie ferner auf dem Boden des jüdischen Gesetzes der jüdische Agrarier durch eine ganze Reihe von Gesetzen in jedem Stadium der Bestellung des Bodens und der Ernte daran erinnert wurde und es durch die That zu bekunden hatte, daß er nicht Herr, sondern nur Verwalter des Bodens ifet, den er besaß.^Jhr wißt es ferner, wie auch, nachdem wir den Besitz eigenen Bodens verloren hatten, die Ahnen, die große Reihe glorreicher Jahrhunderte hindurch, Geschlecht nach Geschlecht, alle irdischen Güter freudig Preisgaben und ihr Leben heldenmüthig opferten, um nur ihrem Gotte die Treue nicht zu brechen. Und wenn ihr nun hinaustretet und höret, wie angeblich gerade auf dem Boden des Judenthums Ueberschätzung des Besitzes gehegt und Vergötterung des Geldes gepflegt werde und wie „der Tanz um das goldene Kalb" der eigentlich jüdische Nationaltanz sei; so lastet euch durch diese Schmähung nicht erbittern und in eurer Menschenliebe und Menschenachtung nicht irre machen. Bedauert, die aus Unwissenheit und verachtet, die arglistig, wider befferes Wissen solches sprechen. Ihr wißt es: so wie die Juden, die einst diesen Tanz aufführten, gerade von jüdischer Hand, vom strafenden Arme der Leviten vernichtet wurden, so gab es und g i b t es aus dem Boden des Judenthums keine Stätte für Vergötterung des Besitzes. Der jüdische wie christliche Anbeter des Mammons ist so tief gesunken, nicht weil, sondern nur obgleich er Jude oder Christ ist. Der eine wie der andere, wurzelten sie in Wahrheit im Boden des Judenthums, bezw. des Christenthums, sie wären beide gegen jegliche Vergötterung des Besitzes gleichmäßig gefeit. Doch genug. Es ist eine ernste Zeit, in die ihr hinaustretet, und offenen Auges und ruhig festen Sinnes sollt ihr den Gefahren und Versuchungen entgegengehen. Euch dazu zu befähigen, das betrachteten wir als unsere Aufgabe. Ein Gutes bringt euch der Ernst der Zeit: er erhöht Werth und Bedeutung jedes Einzelnen. Das Gute freilich, auch die glänzendsten Leistungen des einzelnen Juden werden der Gesammthett nicht angerechnet. Durch jede kleinste Abweichung jedoch, die bei anderen kaum bemerkt würde, wird dieGesammheit der Brüder und das hehre Heiligthum, als dessen Träger er gilt, in den Staub gezogen. wtru ii2»i Seiet bedacht ein jeder auf die Untadeligkeit seiner Handlungen, auf die Lauterkeit seiner Gesinnung. Haltet hoch die heiligen Bücher, die heiligen Gesetze und die heiligen Sitten der Ahnen, lernet sie und erfüllet sie. Ströme Blutes sind vergaffen worden, sie euch zu erhalten. Versenket euch, soweit euch Gelegenheit geboten wird, in den Geist der Schriften des größten Erforschers des JudenthumS, dessen Züge euch hier entgegenleuchten. So werdet ihr bewußte Juden, edle, für alles Humane empfängliche, zu jedem Opfer bereite Menschen werden, werdet auch die Pflicht der Vaterlandsliebe, die Pflicht, wie wir sie bezeich-