Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 32-33 (19.4.1894)
- Date
- 1894-04-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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WWWWWWW 604 lange mir Frist gegönnt ist, um es zu immer steigender Blüthe zu bringen und es in immer frischem Fortschretten zu erhalten? Nicht aussprechen wie glücklich ich bin, mich dazu des treuen einmüthigen Zusammenwirkens der in einheitlichem Streben mit mir herzlich vereinten werthen Collegen und Collegtnnen versichert halten zu können?! — zu dieser gemeinsamen Weiterarbeit möge Gott uns Allen Kraft, uns Allen seinen Segen geben!- Und nun zu euch, meine Söhne und Töchter, die ihr in dieser Stunde in's Leben hinübertretet und einen Abschiedsgruß erwartet, nein ein Einigungswort, das euch auch im Leben mit uns verbunden halten möge. Es ist eine ernste Zeit und ein ernstes Leben, in das ihr mit euren jugendlichen Hoffnungsträumen hinaustretet. Schwer sind die Zeiten und nicht leicht wahrlich die Aufgaben, die euer harren, die Proben, die ihr zu bestehen haben werdet. Aus der unendlichen Fülle von Gedanken und Mahnungen, mit denen in solcher Stunde ein Vater seine Kinder, denn das seid ihr mir alle, in's Leben entlassen möchte, will ich nur eine Mahnung hervorheben, vor einer Klippe euch warnen, die gerade in unserer Zeit mehr als sonst euch bedroht. Nicht die Treue gegen das Gottesgesetz ist es, von der ich sprechen will, in einer Zeit, in der von allen Setten eine heilige Sache dem Ansturm erbitterter Angriffe ausgesetzt ist, wäre es eine Beleidigung für ehrenhafte Charaktere, glaubte man vor Untreue und Abfall warnen zu müssen. Eine ganz andere Klippe ist es, vor der ich euch in dieser Stunde warnen möchte. Ihr seid an die Quellen geführt worden, zu jenen heiligen Büchern, die den ganzen Schatz des religiösen Bewußtseins der Menschheit bilden, die das gesammte Wissen des Menschen von Gott und seinen Beziehungen zu Gott und dem Willen Gottes über die Gestaltung des Einzellebens und des Verhältniffes des Menschen zum Menschen, die also den gesammten ethischen Gehalt aller Religionen enthalten. Aus diesen heiligen Büchern habt ihr gelernt, habt es als jüdische Lehre geschöpft, in allen, allen Menschen ohne Unterschied der Religion und Abstammung. Gottes Kinder zu achten, habt eS gelernt, wie diese Gotteskindschaft an keinerlei erst mit ihnen vorzunehmende sakramentale Handlung, etwa einen Uebertritt zum Judenthume geknüpft sei. Habt es gelernt, wie die ewige Seligkeit von jedem Menschen, gleichviel ob Jude oder Nichtjude, zu erreichen sei, nur daß vom Juden die Erfüllung einer noch größeren Reihe von Pflichten verlangt wird, als vom Nichtjuden. Ihr habt somit aus den Quellen die Ueberzeugung gewonnen, daß das Judenthum nichts von einer Eclufivttät weiß, die etwa den Menschen für verdammt hielte, so lange er nicht zum Judenthum übergetreten sei, und der gegenüber die Universalität eines anderen Gedankenkreises einen erhabenen Gegensatz bilden könnte. Und da tretet ihr nun hinaus, und vernehmet die immer wiederholten Märchen von dem „Stammesgotte der Hebräer", dem „Nationalgotte der Juden" und wie die tausendjährigen Erdichtungen alle heißen, die auf einer Höhe mit dem Märchen von dem Blute stehen, das wir zu unseren Osterkuchen brauchen sollen. — Lasset euch dann nicht erbittern durch diese Verunglimpfung des euch heiligsten, lasset euch durch diese Verleugnung offenkundiger Thatsachen nicht irre machen in eurer Menschenliebe und in eurer Menschenachtung. Bedauert, die aus Unwiffenheit, und verachtet, die wider besseres Wissen solches sprechen. Ihr habt ferner in den Quellen gelernt, wie gerade das Judenthum lehrt, die Pflichten der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe gegen alle Menschen zu üben, wie der Fremdling, auch der nichtjüdische, wie jeder Annehmerlose unter den ganz besonderen Schutz der Gesetze gestellt ist, wie der Arme, die Wittwe und Waise, kurz jeder wirthschaftlich Schwache, ganz besonders vor jeder Rechtskränkung und Ausbeutung geschützt ist, wie alles, was Menschenantlitz trägt, in dem Augenblicke, da es den jüdischen Boden betrat, nicht als lästiger Fremder ausgewiesen, sondern im modernen Sinne den Unterstützungswohnsitz sofort erworben hatte. Ihr habt es gelernt, wie die jüdische Lehre die peinlichste Gewissenhaftigkeit gegen Juden wie gegen Ntchtjuden zur heiligsten Pflicht macht, nur mit dem Unterschiede, daß gegen Ntchtjuden begangene Verfehlung noch schwere Schuld begründet, wegen der Entweihung des göttlichen Namens, da der die Hoheit des Gottesgesetzes vielleicht nicht kennende Ntchtjude ein solches Unrecht als vom Gesetze gebilligt erachten könnte. Ihr wißt, daß jedes Unrecht, gleichviel ob gegen Jude oder Ntchtjude begangen, nicht durch Fasten, Opfer und Gebet, sondern, wenn überhaupt, nur durch Wiederherstellung des verletzten Rechtsstandcs gesühnt werden kann. Ihr habt gelernt, wie überall nach jüdischer Lehre der Mensch nicht nur das Recht, sondern auch die Billigkeit zum Maßstabe seiner Handlungen zu machen habe, wie nicht alles, was juridisch, d. h. nach strengem Rechte zulässig wäre, darum auch schon moralisch zulässig sei, wie viel mehr ein solches nur nach dem Rechte fragendes Shylokverfahren auf dem Boden des Judenthums mit dem Stigma sodamitischer, mit dem Gottesfluche belasteter Denkungs- und Handlungsweise gebrandmarkt ist. — Und da tretet ihr nun hinaus und höret es zischeln auf