Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 32-33 (19.4.1894)
- Date
- 1894-04-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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596 nicht der Juden wegen, sondern der Volksseele wegen, die in Gefahr war, wieder einmal irre ge führt zu werden, die gefangen lag in dem scheinbar unentwirrbaren Netz der „Schächtfrage" und die nun durch die unbestechliche und rücksichtslose wissen schaftliche Wahrheit befreit worden ist". Eine „Schächtfrage" giebt es heute nicht mehr, an ihrer Stelle ist die „Schächtlüge" getreten. — Die antisemitischen Verfechter der Agitation gegen das Schächten sind von diesen Gutachten ganz consternirt und haben einstweilen die Sprache verloren. Am ersten hat sie die „Staatsbürger-Zeitung" wieder gefunden, welche sich über das Unglück dieser Gutachten durch einen Vortrag tröstet, den Staats-Thier-Arzt Völlers in Hamburg über „die rituelle Schlachtmethode der Israeliten", gehalten hat. Dem Herrn haben noch drei Collegen asiftirt, welche alle für ein Schächtverbot innerhalb des ganzen deutschen Reiches plaidiren. — Und die Staatsbürger-Zeitung hat den Muth dazu zu bemerken: Diese durchwegs von unparteiischen Sachverständigen abgegebenen Gutachten sind zur Beurtheilung der rituellen Schlachtmethode der Juden wohl entschieden werthvoller, als die gegentheiligen meist theoretischen Behauptungen verschiedener .Gelehrter", die vielleicht in ihrem Leben noch nie einer Schächtung beigewohnt haben. Die oben wiedergegebene Darlegung erfahrener Thierärzte sprechen zur Genüge für die Berechtigung des aus verschiedenen Kreisen der deutschen Bevölkerung wiederholt laut gewordenen Verlangens, daß die barbarische Schlachtmethode der Juden im Deutschen Reiche gänzlich verboten werden möge. Wir nehmen von dieser Unverfrorenheit nur Notiz, weil sie beweist, wie Recht die „Nation" hat, wenn sie bei Besprechung dieser Gutachten unter dem Titel „die Wissenschaft und die Schächtlüge" es eine wenig aussichtsreiche, idealistische Voraussetzung nennt, dieser geistigen Verderbniß mit der Wahrheit auf den Leib rücken zu können. Aber nicht um den höheren oder niederen antisemitischen Mob handelt es sich, sondern um die große Zahl derer, die sich ein redliches, unbefangenes Urtheil in der Angelegenheit bilden möchten. Für diese giebt es nach diesen Gutachten keine „Schächtfrage" mehr, für diese bedeuten die vorliegenden Gutachten ein „Schachmatt den Schächtl ü gn e rn!" Zeitungsnachrichten nnd Correspondeuzerr Deutschland. Frankfurt a. M. Die Realschule der isr. Religionsgesellschaftzählte im Schuljahre 1893/94 545 Schüler und zwar in der Realschule 237, in der Vorschule 100 und in der höheren Mädchenschule 208. Ostern 1893 haben 18, Ostern 1894 34 Abiturienten ihre Prüfung bestanden. Entsprechend dem Normaletat vom 4. Mai 1892 wurde im vorigen Jahre der Dienstalteretat eingeführt, welche Einführung der Religionsgesellschaft nicht unerhebliche Opfer auferlegt. Die Opferwilltgkeit der Religionsgesellschaft zeigt sich auch in den Svendenverzeichniffen für die verschiedensten Kassen der Schule in glänzendster Weise. Berlin. Damit es unserer ernsten Zeit nicht auch an komischen Intermezzos fehle, bringt der Berliner Lokal-Anzeiger vom 13. April, also offenbar 13 Tage zu spät folgende Notiz: „Der erste weibliche Rabbiner Miß RahelFrank, welche im jüdischenColleg in Cincinati ihre Studien absolvirt hat, hat in Kalifornien ihrAmtalsRabbiner angetreten." „Ein weiblicher Rabbiner" ist ein recht originelles Ereigniß, welches von der Responfen- Literatur unseres Wissens noch nicht behandelt wurde, und jedenfalls einen neuen, interessanten Schritt in der Lösung der Frauenfrage repräsentirt. In Amerika, wo die Hauptobliegenheit des Rabbiners in der Predigt besteht, ist eine Candidatin aus dem Reich der Gardtnen-Predtgerinnen jedenfalls an und für sich nicht auffallend. Die notorische Unwissenheit, die man vielen amerikanischen Rabbinern nachsagt, wird bet weiblichen Rabbinern aufhören ein Makel zu sein, sondern als Zeichen gewissenhafter Observanz des Spruches gelten: m^sn r.iDbu min iro rw inbüT. bj „Wer seine Tochter Thora lehrt, lehrt sie Ausgelassenheit." Von Michal, der Tochter Sauls, berichtet die Ueberlieserung, daß sie Tefillin gelegt habe. Ob Frl. Frank und ihre amerikanischen Colleginnen dasselbe jhun werden, darüber berichtet der Berliner Lokal-Anzeiger nichts. — Wenn ihren Collegen aus dem Männergeschlecht, Tefillin, Zizzis rc. lästig waren, so mußten sie sich als Reformjuden über diese Satzungen erhaben erklären, um sich mit Anstand über Wasser halten zu können. Das alles hat Frl. Frank nicht nöthig. Sie kann sich zur ausgeprägtesten Orthodoxie bekennen und braucht doch keine Tefillin zu legen. — Dasselbe gilt vom Rasiren u. a. m. Einstweilen kann sie nicht zur Thora ausgerufen und nicht zu Minjan gezählt werden, was sich für einen Rabbiner allerdings etwas eigenthümlich ausnimmt. Aber sie wird schon ihren Einfluß geltend machen, daß diese Zurücksetzung des weiblichen Geschlechts mit der Zeit aufhürt. Wenn die Idee der Anstellung weiblicher Rabbiner consequent durchgeführt wird, so wird sie zu vielen überraschenden Konsequenzen und zu einer ganzen Umgestaltung unseres Gemeindelebens führen. Das Bild auszumalen überlaffen wir einem