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Der Israelit · 1894-04-19 · Heft 32-33 (19.4.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 32-33 (19.4.1894)
Date
1894-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Erste Keil.;u .M> 32 & 33 des „Israelit". Leitender Artikel. Me Schächtküge entlarvt! Berlin, den 18. April. Wenn Leute mit ihren socialen Verhältnissen nicht zufrieden sind, so laufen sie nicht sofort Sturm gegen dieselben, um sie mit Bomben und Dynamit aus der Welt zu schaffen. Die Unzufriedenen hängen dann ihrer Unzufriedenheit zuerst ein wissenschaftliches Mäntelchen um, und nennen es „die sociale Frage". Wenn Leute mehr Lohn wollen, als sie bisher hatten, so construiren sie eine „Lohnfrage", wenn man die Juden mit Anstand los werden will, so tnscenirt man eine „Jude»frage", und wenn man den Juden durch Entziehung des Fleischgenusses das Dasein verleiden will, so geschieht das unter der Etiquette einer „Schächtfrage". Sittlichkeit, Thterschutz, Hygiene und Humanität sind dann die Schlagwörter, mit welchen der nüthige Sand in die Augen gestreut wird, um den Boden für das Bedürfniß nach einer Schächtfrage empfänglich zu machen. Nun hat allerdings schon im Jahre 1867, als die Agitation gegen das Schächten in der Schweiz ein Schächtverbot anstrebte, der damalige Rabbiner Dr. Kayserling Gutachten hervorragender Autoritäten gesammelt und dieselben veröffentlicht. Die Veröffentlichung hatte den Erfolg, daß die Agitation gegen das Schächten eingestellt wurde. Neun Jahre später tauchte sie in St. Gallen auf und der dortige Rabbiner Dr. Engelbert trat derselben ebenfalls mit den bereits gesammelten und von ihm noch ergänzten Gutachten fachwiffenschaftlicher Gelehrten mit gleichem Erfolge entgegen. Als ein Jahrzehnt später die Gegnerschaft gegen das Schächten aufs Neue sich geltend machte, wurden diese Gutachten von verschiedenen Seiten durch neue Beiträge erweitert. Es geschah dies durch die Herren Rabbiner Dr. Ehrmann, Provinzialrabbiner Dr. Cahn u. a., so daß die gutachtlichen Aeußerungen von Gelehrten und fachkundigen Männern sich auf ca. 70 beliefen. Da aber eine der Regierungen, welche in jüngster Zeit durch die einem Verbot des Schächtens gleichkommende Vorschrift vorheriger Betäubung den Antisemiten zu Willen waren, den Werth jener Gutachten anfocht, indem sie erklärte, daß einige davon auf Jrrthum, andere nicht auf Augenschein beruhten oder rein theoretisch seien, daß endlich die neueren angeblichen Verbesserungen im nichtjüdischen Schlachtverfahren nicht berücksichtigt seien, so hat das Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe in Berlin sich nicht verdrießen lassen, eine neue Sammlung von Gutachten zu veranstalten. Sie hat das Ergebniß gehabt, daß fünfmal soviel Fachmänner als vorher, nämlich 253, das Gesammturtheil jener ersten Gutachten bestätigen oder verstärkten. Diese Sammlung, welche soeben die Presse verlassen hat, darf als eine der werthvollsten Kundgebung in der Geschichte der Bekämpfung menschlicher Jrrthümer angesehen werden.") Man wird nicht leicht eine so imponierende Schaar von Naturforschern, deren viele einen Weltruf genießen, finden, wie sie sich hier zu einem gemeinsamen Urtheil zusammengefunden hat. Unter den Gutachten finden sich natürlich auch diejenigen älteren Datums, deren Urheber zum Theil bereits verstorben sind, wie der berühmte dänische Physiologe Panum u. A. Manche wiederum haben, wie Prof. Du Bois-Reymond in Berlin, der hervorragende Förderer der physiologischen Chemie, Prof. Hoppe-Seyler in Straß» bürg, der Physiologe Grützner in Tübingen rc. rc. ihre älteren Gutachten bloß von Neuem bekräftigt, eine dritte Gruppe von Gutachtern endlich ist neu hinzugetreten, unter ihnen Prof, von Pettenkofer und der bedeutende Physiologe Prof, von Voit in München, der große Chirurge Sir Joseph Lister, der Turiner Physiologe Prof. Angela Mosso. Was besagen nun alle jene Gutachten? Die Gutachten sind erstattet von fünfzig Professoren der Physiologie und Pathologie an deutschen, österreichischen, englischen, dänischen, schweizerischen, italienischen und französischen Universitäten, ferner von 14 Direktoren von Thierarzneischulen, 24 Professoren der Thierarzneikunde, sowie von 151 Thierärzten in den verschiedensten Stellungen, endlich von 14 Großschlächtern und Fleischer- Innungen. Was uns anbetrifft, so bemerkt da^u die „Berliner Volkszeitung", so stehen wir der Frage völlig objectiv gegenüber. Für uns hat eine rituelle Vorschrift, die vor grauen Jahren von einem einzelnen Gesetzgeber erlassen worden ist, an sich keinen andern als einen rein historischen Werth. Wäre die Befolgung dieser Vorschrift eine Grausamkeit, wir wären trotz Mose und den Propheten und allen Rabbinern der Welt die Ersten, die das „Schächten" verurtheilen würden. Da aber die Gutachten unwiderleglich beweisen, daß das Schächten in vollkommener Uebereinstimmung mit den Forderungen der Wissenschaft und moderner praktischer Erfahrung stehen, so ergiebt sich für uns aus der Agitation gegen das Schächten, daß man es dabei lediglich mit dem landläufigen antisemitischen Unverstand zu thun hat, über den jeder verständige Mensch nur mitleidig die Achseln zucken kann. Die erwähnten 253 Gutachten lauten nun mit überwältigender Einstimmigkeit dahin, daß die jüdische Schlachtmethode nicht nur keine thierquälerische ist, sondern daß alle anderen Methoden im Gegentheil ihr gegenüber Thierquälereien sind, und daß man. weit entfernt das Schächten zu bekämpfen, es vielmehr aus humanen und gesundheitlichen Rücksichten allgemein einführen sollte. In dieser Meinung vereinigen sich aber nicht nur die Physiologen, d. h. die Kenner der normalen Bedingungen für Leben, Schmerz und Tod, sondern auch pathologische Anatomen, wie Birchow und Ziegler, Thierkundige wie Carl Vogt, Professoren der Thierarzneikunde im In- und AuSlande, darunter vor Allem die französischen Forscher Chauveau und Bouley, praktische Thierärzte, die ersten Autoritäten des Thierarzneifachs in Berlin, Wien, Stuttgart, Hannover rc., sowie zahlreiche Schlachthausdirectoren und andere Fachleute. „Wir freuen uns der Lösung der „Schächtfrage" durch die Wissenschaft aufrichtig", schreibt die Berliner Morgen - Zeitung. „Wir freuen uns *) Gutachten über das jüdisch-rituelle Schlachtoerfahren. Emil Apolant. Berlin 1894. 122 Seiten Fol.

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