Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-04-19 · Heft 32-33 (19.4.1894) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 32-33 (19.4.1894)
Date
1894-04-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448442--38393-2486500
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WMWWWWWWWMM 593 In dem Hause des Rabbiners Eleasar Flekeles hatte sich schon Alles zur Ruhe begeben, nur er selbst saß noch vorgebeugt über ein Manuskript und bemühte sich bet den spärlich leuchtenden Flämmchen der neunzackigen Lampe darin zu lesen. Das ihm vorliegende Schriftstück bildete das Konzept einer Derascha, die er morgen in der Synagoge zum Bortrage bringen wollte, und dessen Jdeengang er nochmals seinem Gedächtniffe etnprägte. Rabbi Eleasar Flekeles war ein geistvoller Redner, der selbst den Donnerkeilen seiner Mahnungen an die Zuhörer die wirksame Pfeilspitze des Witzes und der Satire anzuheften wußte. Die Erlebnisse des verflossenen Tages hatten ihn aber veranlaßt, ernste Worte an seine Gemeinde zu richten, um sie auszurütteln aus einer Lethargie, die gegenüber dem unsichtbaren aber in beklagenswerter Weise fühlbar gewordenen Feinde des Gemeindelebens und der Religion, gegenüber den Fränkischen Irrlehren, schwinden sollte. Im Laufe des Tages waren Nachrichten eingelangt, daß junge Leute sich von Prag entfernt hätten und nach Offenbach, wo nach dem Tode Jakob Franks, dessen Tochter Eva förmlich Hof hielt, gezogen wären; daß ferner viele Geldsendungen aus Prag, die sonst besser der Ar muth und der Erhaltung der Gemeindeinstitutionen zu Statten gekommen, nach Offenbach gesendet und so der Bestimmung für edlere Zwecke entzogen wurden. Mehr noch als all' Dies schmerzte den bald vierzig Jahre seines Amtes waltenden treuen Seelenhirten das Umsichgreifen des Aberglaubens und der Schwärmerei, welche jene verderblichen Irrlehren erzeugten und die er mit Recht mehr fürchtete als selbst den Unglauben. Voll Unmuth hatte er jetzt den Kopf in den Lehnsessel zurück gebeugt, der stechende Blick seiner unter buschigen Augenbrauen hervorstrahlenden Augen starrte in das Weite, und im Flüstertöne entrangen sich seinen Lippen die Worte: „Ribbonu de Kulle Alme! (Herr des Weltalls). Mit Worten kann ich nur eifern für deine göttliche Lehre, denn es gelingt mir nicht, jene Irrgläubigen bei einer That zu fassen, womit ich vor der ganzen Welt die Ruchlosigkeit ihrer Lehren bezeugen könnte. Stehe mir bet, Allmächtiger l in meinem Kampfe für die Heiligung deines göttlichen Namens, für die Erhaltung „des Friedens unter deinem Volke Israel!" Heilige Schauer schienen seine Seele zu durchzittern in dem unsäglichen Leid, das diese .erfüllte. Die Nachtstunden waren schon weit vorgerückt. Ueberall schien Ruhe und Friede zu walten. Der Rabbi hatte erschöpft und träumerisch die Augen geschlossen, die immer trüber brennende Lampe verkündete durch prassendes Flammenzucken ihr nahes Erlöschen. Wie mit linden Fttttgen umrauschte der Nachtfriede das bekümmerte Gemüth des Rabbi; es schien ihm, als ob ein Engel mit leuchtenden Fittigen ihn im Fluge aufwärts hebe — höher und immer höher — wie goldenes Licht umfluthete es ihn — und das Antlitz des Engels trug so bekannte Züge — die Züge seines Vaters — die Hand ausstreckend zeigte ihm die Lichtgestalt, in einer Wolke, eine erblindete Matrone, geleitet von einer jüngern Gefährtin, und im Traume schien es ihm, als ob er an jenen Engel die Frage richte: „Was soll dies bedeuten, o Vater?" Wie im Aeolsharfentone tönte ihm die Antwort zurück: „Die Blinde soll Dich sehend machen und die Sehende Dir die Verblendeten zeigen. Knisternd sprühten jetzt alle Flämmlein der Lampe auf, um gleich darauf zu erlöschen. Der Rabbi fuhr aus seinem Schlummer empor, noch befangen von dem Traumgebtlde — und — in dem Dunkel der Stube herumtastend, gelangte er zur Thür seines Schlafgemaches, um diese öffnend der Ruhe des Schlafes sich hinzugeben. IV. Beim Ausgange der Synagoge standen Samstag nach beendetem Morgen-Gottesdienste Menschengruppen, um das Ereigniß des Tages, die eben gehörte Derascha des Rabbi Eleasar zu besprechen. Noch nie hatte der Rabbi auf heiliger Stätte so bewegte, mahnende, ja zürnende Worte an seine Zuhörer gerichtet, wie er es heute gethan, und seit jener Zeit, da der Prager Raw gottsel. Andenkens über die Sette der Sabbatianer öffentlich in der Synagoge den Bann ausgesprochen, waren in gottgewethter Halle so heftige Worte nicht vernommen worden. In dem Urtheile über diese veraseda hatten sich Meinungen pro et contra gebildet. „Schimme Gumpels", der sich viel aus den dürftigen Anstrich talmudtscher Gelehrsamkeit, den er erworben, zu Gute that, führte das Wort der Opposition. Ohne es zu beachten, daß auch einige der in der Nähe stehenden „Leibgardisten des Rabbi" — wie man sie als treueste Anhänger des Rabbi bezeichnete — es vernehmen konnten, erklärte er so laut, daß Alle es hörten: „Der Rabbi sehe zu schwarz, man solle nicht über Glaubensansichten in so heftiger Weise verdammend sich äußern und dadurch so manche „vornehme Familie" der Prager Gemeinde verletzen. Dem Klall (der Gesammtheit) schade es gar nichts, ob der Eine oder der Andere verschiedener Ansicht in Glaubensdingen sei." „Ihr seht nicht weiter, als euere Brille es euch erlaubt, seid mir mochel, Reb Schimme", rief ihm heftig Aaron Redisch aus der andern Gruppe zu, „alle Gtedole Hador (Coryphäen)^ haben die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.