Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 32-33 (19.4.1894)
- Date
- 1894-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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591 Behausung: aber es wäre ihm schlimm ergangen, wenn ihm nicht der Oberstuhlrichler die Post hätte zuschmuggeln lassen, er solle vor der Menge — eine Rede halten. Der Schächter sammelte allen seinen Mannesmuth, trat ans Fenster und erklärte unter den heiligsten Schwüren und Betheuerungen, daß es ihm nie in den Sinn gekommen, die Sakramente den Katholiken auszutheilen und daß er das nie thun würde, selbst wenn man ihn mit Gewalt dazu zwingen wollte. In letzterem Falle würde er es vorziehen, seinem Gewerbe, der Schächterei völlig zu entsagen, er würde sich lieber dazu entschließen, in Kovacshaza eine Gemischtwaarenhandlung zu errichten. Das Volk nahm von dieser loyalen Gesinnung des jüdischen Schächters mit großer Befriedigung Kenntntß und ging beruhigt auseinander. P a l ä st i n a. Jerusalem. Die Mitglieder des bhv Daciftatt in der h. Stadt befinden sich in besonders schlimmer Lage; an den vom Ausland eingehenden Spenden sind sie nicht betheiligt; ihre Glaubensgenossen aus ihrer Heimath rönnen sie nicht mehr unterstützen, da eine durch die politischen Verhältnisse veranlaßte zahlreiche Auswanderung bei ihnen große Armuth verursachte. Den hiesigen, aus Dacistan stammenden Israeliten war es bisher nicht einmal möglich, ein bescheidenes Gotteshaus zu errichten. Es ergeht daher an die edlen Wohlthäter des Auslandes die dringende Bitte, auch dieser Armen zu gedenken und ihnen durch Spenden unter die Arme zu greifen. Die Bitte wird von den Oberrabbinern unterstützt. Gaben wolle man gefl. unter Adresse Dr. Scharbot Nisimowitz Anistmow nach Jerusalem senden. Amerika. Chicago. Frau Max Rosenthal hat 100,000 Dollars zur Vertheilung an das Hospital Michael Reese, die isr. Handwerkerschule und das isr. Waisenhaus in Cleveland geschenkt. Rußland. Petersburg. Der Novoje Vremia vom 15/27. Januar wird berichtet: Der Staatsrath hat nach einem Bericht des Kriegsministers beschlossen, daß die Bestimmungen des Artikels 262 des Verwaltungs-Reglements der Provinz Turkestan einer Vervollständigung bedürften. Infolgedessen wird der erwähnte Artikel durch folgende ersetzt werden. „Der Erwerb von Grundstücken und im allgemeinen von Immobilien in der Provinz Turkestan wird nur den anonymen Gesellschaften und denjenigen gestattet, deren Statuten einen besonderen Artikel enthalten, dahingehend, daß die Besitztitel dieser Gesellschaft weder unterschrieben, noch erworben werden dürfen von Personen, die dem jüdischen Glauben angehören, oder deren Statuten allen .Nichtchristen der Provinz oder der umliegenden Provinzen, der Khanate von Central-Asien und im allgemeinen den Unterthanen fremder Länder, streng untersagen, Besitztitel besagter Gesellschaften zu unterschreiben oder zu erwerben. Der Erlaß vom Departement des öffentlichen Unterrichts, über die Verringerung der Anzahl jüdischer pharmaceutischer Studenten hat kürzlich auch auf die Provinzen des Territoriums und Polens Anwendung gefunden. Die medicinischen Facultäten dieser Provinzen sind angewiesen worden, den neu hinzukommenden pharmaceuttschen Studenten, so lange deren Zahl nicht unter 5% der Gesammtzahl der pharmaceuttschen Studenten beträgt, die Erlaubnis zu verweigern. Dem Senat des Reiches hat kürzlich die Frage Vorgelegen, ob die in den Bevölkerungslisten regelmäßig eingeschriebenen und vor dem 20. Oktober 1858 weniger als 50 Werst von der Grenze angestedelten Juden das Recht haben, Immobilien in ihrem jetzigen Wohnungsort anzukaufen. Derselbe hat folgendermaßen entschieden: In Anbetracht des durch unsere Gesetze anerkannten Prinzips, kraft dessen die Juden berechtigt sind, Immobilien zu erwerben in allen Ortschaften, wo sie das Recht des dauernden Aufenthalts besitzen, hat der Senat beschlossen, daß alle Juden, die weniger als 50 Werst von der Grenze seit der Zeit vor dem 20. Oktober 1858 angesiedelt sind und also das dauernde Ausenthaltsrecht daselbst besitzen, hierdurch auch das Recht haben, daselbst Immobilien zu erwerben, welche sich in den Städten und Flecken befinden. Nur mit tiefer Trauer kann man die Beschreibungen lesen, welche die russischen Zeitungen von der von Tag zu Tag schlimmeren Lage geben, in der sich die Hunderttausende von jüdischen Familien, die in die Städte des Territoriums gepfercht sind, befinden. Ohne Mittel sich zu ernähren, ohne Arbeit, ohne Möglichkeit sie zu finden, ohne einen Schimmer von Hoffnung auf bessere Zeiten, verlieren sie allmählich jeden Muth und alle Kraft zum Widerstand. Der Odeßki Listok vom 14/26. Januar veröffentlicht folgenden Brief über die Lage der Wilnaer Juden. Eine Wilnaer Zeitung, der Wilenski Westnik, beklagt sich bitter darüber, daß die Passanten von Schwärmen zerlumpter jüdischer Bettler belästigt werden. Diese Beschwerde isr leider nur zu berechtigt; die jüdischen Bettler sind hier so zahlreich, daß ihre Zahl in gewiflen Straßen die der Einwohner übersteigt. Auch Frauen betteln, aber ihre Zahl ist geringer, dafür aber haben sie immer 3 oder 4 Kinder um sich herum, deren Gesichter von Kälte und Hunger ausgehöhlt sind. Es ist herzzerreißend, diese Masse grausam behandelter Menschen zu sehen, die weder Brot, noch Kleidung noch Obdach haben. Der Magistrat hat eine gewisse Summe für die Gründung eines Arbeitshauses bestimmt, in dem die armen Christen ausgenommen werden und einige Zeit lang ernährt und beherbergt werden. Für die Juden ist nichts gethan, und wird auch nichts gethan werden können, weil die Einkünfte der jüdischen Gemeinde sinken und nicht einmal hinreichen, die nöthigen Ausgaben für das Krankenhaus und die Schulen zu decken. Sie wißen bereits, daß; nach dem Auftreten der Cholera die Behörden der Stadt