Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 31 (16.4.1894)
- Date
- 1894-04-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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F^W>M,iD,iu,BE^WWWWWWWWWWWWW 572 Vielleicht dürfte die Neunzahl ihre Begründung in folgender Bemerkung unserer Weisen (Talmud Erachtn 13.) finden: pw rnyar bw tnpD bv nry ton ot>iy bv ruits» mwan nio* bvn n'.n. „Die Harfe des Gottes-Heiligthums hatte si e den Saiten, die der messtanischen Zeit hat deren acht und die der künftigen Weltgestaltung zehn." Ohne hier auf eine Erklärung dieses Ausspruchs einzugehen, genügt es für unfern Zweck von den Momenten, welche die Zeitlichkeit von der künftigen Weltgestaltung unterscheiden, einen der bekanntesten hervorzuheben, welches sich im Talmud Pesachim fol. 50 findet, ton oViyn n?n D^iya t6 w*an na «hn »an iöx by\ a'vvni aian -jna now maus nnwa by mn obiyn ausn i^a ton nottn pn *pna nöi« myn nnwa . a'taom „Rabbi Acha bar Chanina sagte: Diese Welt gleicht nicht der künftigen. In dieser Welt feiert man bei guten Botschaften Gott als den Gütigen und Gutes Spendenden und bei schlechten Botschaften als den richtenden Vertreter der Wahrheit. In der künftigen Welt feiert man Gott ausschließlich als den Gütigen und Gutes Spendenden." Den Kindern dieser Welt, mit ihrem für den Zusammenhang aller Erscheinungen in ihrer Totalität unzulänglichen Menschenauge grupptren sich alle Geschehnisse, welche an sie herantreten, in gütige und strafende Fügungen der göttlichen Allmacht. Jene stimmen die Menschen heiter, diese ernst. Das absolute Gute, welches das eigentliche Wesen auch des Herben und Trüben ausmacht, enthüllt sich uns erst in der einstigen Gestaltung der Welt, welche das letzte Ziel der Menschheit bildet. Die vollendete Harmonie feiern die von ihr durchdrungenen dann auf der z e h n s a i t i g e n Harfe. Wenn wir in den gehobenen Weihestunden dieser Welt jene Harmonie ahnen, ohne sie zu begreifen, wenn das Gedächtniß der Wunder, die Gott an unseren Vätern und uns gethan, an unserem geistigen Auge vorüber zieht und die bewegte Seele nach einem Ausdruck ringt, um ihre jubelnde Gotteshuldigung in Worte zu kleiden, dann sind wir nur um eine einzige Stufe von der Seligkeit der einstigen Weltzukunst entfernt und wir lassen daher unseren Gottespreis in neunfacher Form ausklingen. Noch ist dieser irdischen, zeitlichen Welt diese Wahrheit fremd und neu. Aber in solchen Augenblicken belebt uns die feste Ueberzeugung, daß wir auch das, was uns heute selber noch ungewohnt neu ist, noch in Liebes- Worte kleiden, daß auch wir dieses neue Lied sprechen werden, welches Gottes Liebesgröße in allen Phasen unseres Daseins widerstrahlt: . nn^n nttnn nn*» web nowi Indem es hier nicht heißt nmn nw v&b nnwi sondern notw dürfte hier dieselbe Wahrheit ausgesprochen sein, wie in Stellen: nan ns nn na*™ nwn rrnwi u. a. Lieder spricht man nicht, sondern man fingt sie. Unsere vom Gottesgeiste getragenen Männer waren jedoch keine Dichter und Sänger im gewöhnlichen Sinne des Worts, die sich in besonderen Momenten auf den Flügeln des Gesangs und der Dichtkunst über das prosaische, alltägliche Leben erhoben. Die ihnen innewohnende göttliche Schwungkraft entrückt sie nicht dem alltäglichen Leben; gerade dieses umspannten ihre mächtigen Geistesschwtngen. Das Gotteslicht, das in ihnen leuchtete, flackerte nicht in gehobenen Momenten hoch auf, um das gewöhnliche, tägliche Leben in um so grelleren Abstand in seiner trüben Tiefe erscheinen zu lassen. Ihre Gottesbegeisternng, die sie zum Liede drängte.', beschränkte sich nicht auf verfliegende Augenblicke, sondern sie war derart der Grundton ihres Wesens, ihres ganzes Thuns und Lassens, ihrer That und ihres Worts, daß auch das gewöhnliche Wort im ihrem Dienste stand, daß sie das. was andere sangen, sprachen, daß der Geist ihrer Lieder auch im gewöhnlichen Verkehr zum Ausdruck kam. Daß das Lied, dessen Wahrheit der ganzen Welt neu erscheint, uns so geläufig ist, daß es von uns g e s p r och e n wird, das wollen die Worte sagen: ntnn nn*» nctw Aber es ist kein tnn yv, kein männlich stark hinausschallender Sang, sondern nrnn rrw, ein weiblich, schwach erklingendes Lied, das die Zerstreuten an der großen Tafelrunde in die Welt hinein klingen lassen, weil die Wirklichkeit noch so scharf contrasttrt, mit ^dem was dieses Lied feiert, weil, wie die Weisen im Midrasch sagen: nta mrw my, dem Gottes-Preis für die Freiheit, den dieses Lied besingt, noch immer die Unterdrückung auf dem Fuße folgt. Den Sängern, die unter der Brutalität der Ereignisse stehen und leiden ist die Wahrheit, so alt sie auch ist, neu und wie alles Neue noch schwach. Es gehört eine mehr als gewöhnliche Tiefe der Einsicht und ei» unbegrenztes Vertrauen in die Wahrhaftigkeit der göttlichen Weltlenkung dazu, daß aus nnay gerade rvnn, daß aus Knechtschaft Freiheit erblüht, und ebenso die Freude aus dem Kummer, der Festtag aus der Trauer, das Licht aus der Finfterniß und die Erlösung aus der Unterthänigkeit. Aber wir haben, so wunderbar es auch scheinen mag, diese Vorgänge thatsächlichlin der Geschichte unserer Väter erfahren und das bloße Gedächtniß dieser Erfahrung läßt uns den Preis Gottes in Lied und Sang hinausjubeln. — Aber nicht erst bei dem alljährlichen Stiftungsfest des jüdischen Volkes kommt dieses beglückende Bewußtsein zum Ausdruck.