Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 30 (12.4.1894)
- Date
- 1894-04-12
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
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7® sprachen, das Hebräische ist hier zar lebenden Sprache wieder auferstanden. Vergegenwärtigt man sich dieses Geistesleben, dessen Umrisse wir hier, um von unserem Thema nicht abzuirren, nur andeuten können, so erhält man dasselbe Bild, wie es etwa Galiläa zur Zeit des Entstehens der christlichen Religion darbot. Auch in Galiläa lebte, wie jetzt in den Städten des Ansiedelungs-Rayons, eine stark mit arischen Elementen untermischte jüdische Bevölkerung, und auch da standen die Juden der damaligen Zeit unter der Herrschaft der arischen Römer, wie sie heutzutage in Russland unter der Herrschaft arischer Slaven stehen. Denke man sich noch die Juden jener Zeit im Besitz aller jener Zivilisation und Bildung, der wir uns jetzt erfreuen, so hat man eben die Zustände vor Augen, wie sie im „Rayon“ bestehen. Hält man dieses Moment im Auge, so wird man leicht begreifen, dass eine so grosse, in sich festgeschlossene Volksmasse mit durchschnittlich grosser Intelligenz und Rührigkeit auch einen ganz speciflschen, aus sich selbst erzeugten Volkscharakter annehmen muss. Aus allen diesen Elementen also — um zu den „Zionsfreunden“ zurückzukehren — setzte sich jene Partei zusammen, welche in fieberhaftem einmüthigen Wirken Alles aufbot zu Gunsten der hart bedrängten jüdischen Ackerbau-Kolonien in Palästina. Bald aber sahen wir diese Bewegung im Kampfe mit einem neuen Hindernisse, welches der in Russland herrschende Rechtszustand ihr entgegenstellte. Das russische Gesetz duldete nur sehr ungern Vereinswesen. Mögen die Bestrebungen, zu deren gemeinsamer Verfolgung man sich einigen will, noch so gemeinnütziger Art sein, mögen sie ihren Wirkungskreis räumlich noch so eng begrenzen — gleichviel, jeder Ansatz zu einem, auch dem harmlosesten Vereine bedarf einer speciellen Erlaubnis des gesummten Staatsministeriums in St. Petersburg. Nun besteht aber wiederum nirgends in der Welt ein so schroffer Gegensatz zwischen Theorie und Praxis, zwischen dem Gesetze und seiner Anwendung, als gerade in Russland. Zahlreiche Verordnungen, Gesetze und feierliche Erlasse könnte man namhaft machen, die in Wahrheit nie zur Geltung gelangt sind, kein Mensch in Russland hat sie jemals ernst genommen. Dies ist auch gar nicht die Absicht der Regierung; sie will in jenen unausgeführten und unausführbaren Bestimmungen nur ein Rüstzeug in ihrem Waffen-Arsenale haben, um im gegebenen Augenblicke eine Handhabe zu besitzen. vermöge welcher jede missliebige Person , jede unbequeme Thatsache, jede bedrohliche Bewegung sofort auf legalem Wege beseitigt werden kann. So lässt man es denn ruhig geschehen und drückt beide Augen zu, wenn allenthalben Vereine zu den verschiedenartigsten Zwecken und aus den mannigfachsten Anlässen sich bilden, man ignorirt sie vollständig, und wenn sie auch ganz Russland zur .Mitgliedschaft in sich schlössen. Entsteht aber irgendwo eine Vereinigung, deren Existenz der Regierung nach Innen oder Aussen Schwierigkeiten bereiten oder unbequem werden könnte, dann erinnert man sich ganz plötzlich jenes halbvergessenen Gesetzes und prüft, ob jenen Vorschriften Genüge geschehen sei. Dies ist aber niemals der Fall, kann es auch gar nicht sein, weil sonst eben nie ein Verein zu Stande käme, und dann eben hat man ja eine „gesetzliche“ Möglichkeit, ja man ist gezwungen, jene verbotene, staatsgefährliche Corporativ-Bildung zu vernichten, den Verein zu schliessen. Nun denke man sich unter solcher [Lage eine grosse Mehrheit, welche vereint die Kolonisation Palästinas durch die Juden anstrebt! Dass man von Petersburg aus einen Verein, welcher, von Juden gegründet, jüdische Interessen verfolgt, von vornherein scheelen Blickes betrachtet, darüber konnte man sich einem Zweifel kaum hingeben. Andererseits war es undenkbar, diese weitverzweigte Thätigkeit im Geheimen zu entfalten, ohne dass die Behörde davon Kenntniss bekommen hätte; so entschloss man sich denn, einen Mittelweg einzuschlagen: Man kam in Petersburg um die Genehmigung des Vereins ein, ging aber inzwischen — um nicht in Unthätigkeit das neue Jahrhundert abwarten zu müssen — energisch vor und that Alles, was zweckdienlich erschien. Fast im vollen Lichte der Oeffentlichkeit wurden Versammlungen veranstaltet, Wanderprediger zogen von Ort zu Ort, um in öffentlichen Versammlungen Anhänger für die Bestrebungen der Zionsfreunde zu werben und dem Volke die Segnungen des Ackerbaues auf dem geheiligten Boden klar zu machen. Wenn nun dieser umfassenden und lebhaften Agitation auch nicht ausdrückliche Billigung Seitens der Regierung zu Theil wurde, so hatte sie sich doch ihrer Duldung zu erfreuen. Und diese Toleranz hatte ihre guten Gründe. Bei allen Massnahmen, welche die Leiter des russischen Staates ergreifen, gleichviel, ob in der äusseren Politik oder in der inneren Verwaltung, stets hat sie mit einem Factor zu rechnen, mit einer Erscheinung, die wie ein Schreckgespenst sich überall zeigt, überall sich eindrängt: das ist der Nihilismus. Wenn sechs Mil 1 ion e nintelligenter Menschen sich voll Begeisterung einer Idee zuwenden, so ist es schon in geordneten Staaten gefährlich, diese Idee ersticken zu wollen. In Russland vollends, wo alle unzufriedenen Elemente sich mit dem Nihilismus verbinden, würde die Regierung Gefahr gelaufen sein, durch eine feindselige Haltung gegenüber den Kolonisations-Bestrebungen alle Anhänger derselben za