Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 30 (12.4.1894)
- Date
- 1894-04-12
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
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7t Die Kolonisation Palästinas, Ackerbau in Palästina. (VII. Fortsetzung.*) —-- 1 '1— I > Schrill grellte in den Ohren dieser unberufenen abgedankten Volksfreunde des Pöbels Hep-Hep-Gescbrei, und betäubt von dem Hohn, mit dem man sie als Juden überschüttete, flüchteten sie in den Schooss des Judenthums zurück, um ihre Kralt, die sie bisher in fremden Angelegenheiten vergeudet hatten, nun in segensreicher Thätigkeit der eigenen Sache zu widmen. CJnd dazu bot sich ihnen eine Gelegenheit auf dem Gebiete der Palästina-Frage. Hier erschloss sich auch den synagogalen Reformern zu gleicher Zeit die Erkenntniss, wie unfruchtbar es sei, wie wenig es dem Quantum geistiger Kraft, über das sie verfügten, entspreche, einen Kampf gegen die alten Formen der Gottesverehrung zu führen, einen Kampf gegen einen alten, tief im Volke eingelebten Cultus; derartige Fragen zu erörtern und mit Leidenschaft zu ventiliren in dem Augenblicke, da die Lebensfrage: „Wo hinaus?“ sich immer brennender, immer unabweisbarer gestaltete, musste sich bald als thöricht, als sündhaft erweisen. Statt in unfruchtbarer Discussion die Kraft zu zersplittern, wollte man sie nun einigen zum gemeinsamen Kampfe für die gemeinsame Sache. Und in der Wahrheit, wie thatendurstig die Generation auch sein mochte, wie weit ausschauend auch ihr Blick, wie himmelhoch auch ihr Ideal, hier musste sich ihnen eine sie vollauf beschäftigende, eine sie ganz und gar befriedigende Thätigkeit bieten. Und diese gemeinsame Arbeit wirkte zugleich versöhnend auf alle Parteien, man hatte den Boden gegenseitigen Verständnisses nun endlich gefunden. Nicht mehr ertönten von den jüdischen Kanzeln herab zelotische Donnerworte und Schmähreden gegen die gottlose Jugend, nicht mehr befehdeten die Streitschriften der Rabbiner die jüdischen Nihilisten als die gefährlichsten Feinde der jüdischen Gesammtheit; es gab eben keine „gottlose Jugend“ mehr im Sinne der strenggläubigen Seelsorger, es gab auch keine jüdischen Nihilisten mehr. Vergraben war die blutige Streitaxt, und sie, welche jene einst mit kräftigem Arme unermüdlich geschwungen hatten, arbeiteten jetzt in friedlichem Vereine, um den Heimathlosen in Palästina ein schützendes Asyl zu errichten, um ein jüdisches Gemeinwesen zu schaffen auf den Grundpfeilern religiöser Gesittung, friedlichen Ackerbaues, ernster, ehrlicher Arbeit, ein Gemeinwesen edelster Art, den Bedrängten zum Heile, der Gesammtheit zum Ruhme. Die soeben versuchte Darlegung befleissigte sich, wie es scheinen möchte, einer ungerechtfertigten Breite; indess diese letztere findet denn doch wohl ihre Begründung in der Thatsache, dass es sich um Verhältnisse handelt, die in ihrer Eigenart dem westeuropäischen Leser unbekannt und ohne eine sachkundige wahrheitsgetreue Schilderung wohl auch unbegreiflich erscheinen möchte. Und doch glauben wir auf den Lippen unserer Glaubensgenossen westlich der russischen Grenze, die wir uns vor Allem als Leser dieser Zeilen vorstellen, eine weitere Frage schweben zu sehen. Wie kam es überhaupt, dass russische Juden eine Sonderpolitik im Staate treiben konnten, dass unter ihnen eine nationale Strömung auftauchen und sich Bahn brechen konnte, wie etwa bei Serben, Bulgaren oder Rumänen? Diese Frage erledigt sich durch den Hinweis, dass die sechs Millionen Juden, welche gegenwärtig in Russland wohnen, auf einen verhältnissmässig sehr kleinen Raum, die Städte im Ansiedelungs-Rayon, zusammengedrängt sind, so dass sie hier in compacten gewaltigen Massen auftreten, an Zahl der nichtjüdischen Bevölkerung ihrer Wohnsitze numerisch nicht nachstehen, meist sogar überlegen sind; machen sie doch in einzelnen Städten bis n e u n - zig Procent der Seelenzahl aus, so dass sie dem Ganzen ihr besonderes Gepräge aufdrücken. Es entfaltet sich naturgemäss ein jüdisches Volksleben , wie wir es unter anderen Umständen gar nicht finden können, wie man es sich ohne Kenntniss dieser Verhältnisse auch gar nicht denken kann. Innerhalb der Mauern einer solchen Stadt im Ansiedelungsgebiete herrscht ein jüdisches Leben, in den zahlreichen Synagogen, in den vielen Lehrhäusern mit ihren grossen jüdischen Bibliotheken waltet jüdischer Geist, jüdische Wissenschaft, jüdisches Genossenschaftswesen. Die Schriftsprache in Wochenschriften, Jahrbüchern, ja sogar in einigen Tagesblättern tist hier dieselbe, in welcher die Propheten einst ge-