Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 30 (12.4.1894)
- Date
- 1894-04-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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L&h*Zs?<- -1*7 545 I heim, Kind, richt' aus an den Taten: Er brauch' nischt zu uns zu kommen, wenn setn Kind so e Gaffenjüngel is!" und dann hat er mir noch ein Silberzehnerl geben. — Steh'ste, Mamme?" Das Händchen öffnend, zeigte das Kind der Mutter das empfangene Silberftück — aber rasch hatte Bele dem Kinde die Münze entriffen mit gellendem Aufschrei: „Gib weg gleich das sündig Geld — das darf kein jüdisch Kind nemmen! — Choltle — ich werd' es geben Zdoke — da hast du Sineleben ein Zettel", fügte fie beschwichtigend hinzu, als sie wahrnahm, wie das Gesicht des Kindes zum Weinen sich verzog, und dabei reichte sie ihm ein Zuckerplätzchen. Ein aufmerksamer Beobachter konnte die Bläffe bemerken, welche nach des Knaben Erzählung das feine Antlitz Beles überzog. Sie ging jetzt unsicher« Schrittes dem Fenster zu, und, die Stirne an den Rahmen preffend, murmelte sie fast unhörbar: „Gott gerechter, soll das möglich sein, mei Joffes besucht die Schebsen; hat Schimme Rehle e Spaß sich erlaubt, oder war es wegen Khillefachen? Nein nein!" rief sie lauter in ihrem Selbstgespräche, „mit Joffes ist es nicht, wie es sein soll, er sitzt nicht mehr über die großen Sforim — er hat Blätter mit Figuren vor sich, was er sei L.btag nicht gehabt hat. — Und mir, seinem Weibe, hat er nix gesagt, mir, Reb Anschel Fischls Tochter!" Beles Lippen zuckten noch lange wie von schmerzlicher Aufregung. Sie beschloß gleich nach des Gatten Heimkehr aus „Schul" ihn darüber zu „vernehmen." II. Dem Leser, dem der geschilderte Vorgang und die Gemütsbewegung Beles unerklärlich sein mag, müssen wir eine Schilderung einer Bewegung damaliger Zeit, innerhalb des Ghettos, entwerfen. Die Sekte der Sabbathianer — im Jargon „Schebsen" genannt — hatte nach dem Hinscheiden des Prager Oberrabbiners Ezechiel Landau, der sie mit dem Banne belegt hatte, wieder kühn das Haupt erhoben. Rabbi Samuel Landau und Rabbi Eleasar Fleckeles, die Nachfolger des Prager Raw, hatten nicht die Macht, so energisch wie ihr Vorgänger aufzutreten, weil die Gemeinde, so zu sagen, zwischen den beiden Rabbtnatsstühlen auf der Erde saß. Merkwürdigerweise waren es gerade einige der vornehmsten und reichsten der Prager jüd. Familien, welche dem Sabbathtanismus in der Form, wie der Sektirer „Jakob Frank" ihn ummodelte, huldigten. Edom und^Jsmael — Chriftenthum und Islam — sollten nach Franks Lehre die Hülle bilden für einen mystischen Ableger des Judenthums, der nichts von den erhabenen Sitten- und Glaubenslehren der jüd. Religion enthielt, und dem dafür einige entstellten und daher stnnberückenden, gedankenverwirrenden Sentenzen und Zahlendeutungen des Sohars, dieser Urquelle der Kabbala, htneinescamotirt wurden. Ein wichtiges Element in Franks Glaubenslehren bildete das Anziehende des „ewig Weiblichen". Ueberall, wo Conventikel der Frankisten abgehalten wurden, figurirte als Darstellerin des dritten Prtnzipes der „Emuna" — wie Frank es nannte — ein schönes, männerbethörendes Frauenzimmer. — Für Prag hatte diese Rolle „Rösel Gerrin" übernommen, die, schön von Gestalt, kxalttrt, oft in Verzückung geratend, wie geschaffen schien, als Prophetin der neuen Lehre aufzutreten. Diese Sekte brachte über alle Gemeinden, wo sie Wurzel faßte, sittliche Fäulniß, Corruption, Lüge und Heuchelet, wenn auch die Anhänger derselben mit freigebiger Hand Werke der Wohltätigkeit ausübten. Vergebens eiferten die beiden Prager Rabbiner von der Kanzel gegen dieses Unwesen, es gelang ihnen dennoch nicht, das Uebel bei der Wurzel zu fassen, weil ein bisher undurchdringliches Geheimniß über Cermoniell und Dogmen der Sekte von deren Anhängern strenge gehütet wurde. Daß der innere Friede des Prager Ghetto bedeutend litt, war eine nicht zu leugnende Thatsache. In Prag gab es berühmte Talmudisten, die mit ihren zahlreichen Jüngern die natürlichen Gegner eines Glaubens waren, von dem man nur so viel wußte, daß er den Talmud verwarf und an seiner Stelle den Sohar setzte. Im Volke selbst erregte das geheimnißvolle Dunkel, das über die Schebsen schwebte, die mitunter seltsame Kunde, die über das Treiben derselben in die Oeffentlichkeit drang, Argwohn und Verachtung. Die wahrhaft Frommen mieden jede Berührung mit den in Glaubenssachen als anrüchig bekannten Familien. Mußte nicht Bele tief und schmerzlich erschüttert sein, als sich der Verdacht ihr aufdrängte, daß auch ihr Gatte im Bunde mit den allgemein Verabscheuten setn könne? Acht Jahre hatte sie in friedlicher Ehe mit Jossef gelebt, den ihr der Vater deßhalb zum Manne wählte, weil das allgemeine Urtheil ihn als „woihlen Bochur" bezetchnete. Daß in diesem Zeiträume der Friede ihrer Ehe nicht getrübt wurde, war eigentlich das Verdienst der klugen Bele. Sie verstand es mit ihm zu „leben." Joffes Paffowitz war in weltlichen Dingen sehr unerfahren und konnte deßhalb nichts Anderes als einLKHilleschammes werden. Von der Welt außerhalb des Ghetto vermochte er sich keine rechte Vor-