Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 30 (12.4.1894)
- Date
- 1894-04-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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548 Dispensation. Die Königl. Regierung ist ferner aufgefordert, die Schulaufsichtsbehörden ihres Bezirks hiernach mit Weisung zu versehen. Aus Bereut (Westpr.), 6. April, berichtet die „Danz. Ztg.": Gestern früh gegen 7 Uhr wurde die Bevölkerung unserer Stadt in große Aufregung versetzt, die sich auch heute in den niederen Volkskreisen noch nicht ganz gelegt hat. Mit Windeseile durchflog nämlich das Gerücht die Stadt, ein neun Jahre altes Christenmädchen sei von einem Juden für rituelle Zwecke geschlachtet worden und Massen von Menschen wälzten sich nach dem Hause hin, in welchem das Kind verschwunden sein sollte. Selbst die Polizei wurde zum Einschreiten wegen Wiedererlangung des Kindes angegangen. Der richtige Thatbestand. der bald darauf festgestellt wurde, und der zu dieser Aufregung die Veranlassung geboten, war folgender: Der Fleischer Werner, jüdischer Konfession, hatte von der Wtttwe Hermann, katholischer Konfession, in ihrer Wohnung eine kleine Ziege gekauft und war die neunjährige Tochter der Hermann von ihrer Mutter beauftragt worden, das Thier dem Werner hinzubringen und den Rest deS Kaufpreises in Empfang zu nehmen. Das Kind verkaufte aber unterwegs die Ziege anderweit und brachte sie nicht zu dem Fleischer Werner, was diesen wiederum veranlaßt?, bei der Wittwe Hermann wegen des langen Ausbleibens der gekauften Ziege nachzusehen. Hierbei gerieth die Hermann in Aufregung und schrie: „Mein Kind ist fort, die Juden haben es geschlachtet", lief spornstreichs nach der Wohnung des Fleischers Werner, klopfte an Thür und Fenster, ihr Kind verlangend. Im nächsten Augenblicke hatten sich wohl nahe an hundert Menschen vor dem Hause angesammelt, die drohende Mienen machten, das gefangen geglaubte Kind zu befreien, um so mehr, als auch Zeugen auftraten, die „gesehen haben wollten", daß das Kind der Hermann in das Werner'fche Haus früh hineingegangen war. Die Mutter griff die Frau des Werner an und schrie, sie möge ihr das Kind herausgeben, sie habe ihr Kind und wolle es schlachten zu Ostern. Schließlich lief die Frau H. aus das Rathhaus und verlangte vom Bürgermeister Befreiung ihres Kindes. Als sie hier auf das Unsinnige ihres Thuns hingewiesen wurde, beruhigte sie sich schließlich, zumal sich auch das Kind, das bis dahin in einer anderen Straße gewesen und die Ziege verkauft hatte, eingefunden. Bei der eingeleiteten polizeilichen Untersuchung hat die H. angegeben, sie habe geglaubt, die Juden hätten das Kind geschlachtet oder schlachten wollen, um das Blut davon zu bekommen; sie habe mehrmals „aus Zeitungen gehört", daß solches geschieht. Was der Fanatismus nicht alles zu Wege bringt! Wäre das Kind nicht bald wieder zu Hause gewesen, wer weiß, zu welchen Ausschreitungen es gekommen wäre. Bon«. Die auf den gestrigen Sonntag Nachmittag in die „Eintracht" Hierselbst von den Antisemiten Kölns einberufene Volksversammlung ist, wie das bet dem gesunden Sinn unserer Bonner Bevölkerung nicht anders zu erwarten war, vollständig im Sande verlaufen. Nur etwa 80—100 Personen waren erschienen. Den Hauptcontigent der Besucher stellten die Socialdemokraten, welche offenbar in der Absicht gekommen waren, gegen den „Soctalismus der Dummen" Front zu machen. Außerdem hatten auch mehrere Juden Einlaß gefunden. Den kleinen Rest bildeten einige Neugierige. Bet dieser Lage hielten es die antisemitischen Führer für gerathen, nicht auf der Bildfläche zu erscheinen angeblich haben die Volksbeglücker aus Köln alle Züge versäumt. Kurz, die Versammlung fand nicht statt. Betrübten Blickes zahlte der Kasstrer das Eintrittsgeld (25 Pfg.) zurück und wechselte dagegen die spöttischen Bemerkungen der Besucher ein, welche sich beklagten, „daß die Acten nicht zur Stelle seien." Offenbar ist in Bonn für antisemitischen Demonstrationen kein Boden; die Bonner ziehen es vor, an solch' schönen Sommertagen in die freie, herrliche Natur zu wandern, anstatt sich durch antisemitische Hetzreden den Humor verderben zu lassen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wie«, 9. April. Im Polenclub beklagte der Abg. Byk die auffällige Zurücksetzung jüdischer Beamten. Jüdische Bewerber um Beamtenstellen erhalten in allen Zweigen der Verwaltung abschlägige Bescheide. Den Bewerbern werde direkt erklärt, daß ihr Religionsbekenntniß ein Hindernitz bilde und sie wurden aufgefordert, die Religion zu wechseln. Die liberale Partei stehe dieser Frage mit auffallender, geradezu verdächtiger Gleichgiltigkeit gegenüber. Prof. Roßkowskt appellirt an den Minister Jaworskt, Abhilfe zu schaffen. Minister Jaworskt erwiedert, seine Jngerenz erstrecke sich nur auf die Ernennung höherer Beamten in Galizien; für ihn persönlich sei nur die Tüchtigkeit und Oualification der Beamten maßgebend ohne Rücksicht auf Religion und politische Ueberzeugung. Krakan. Der Verein Westgalizischer Handelsagenten hat eine Petition an das Abgeordnetenhaus durch den Abgeordneten Herrn Dr. Marjan Sokolowski überreichen lassen, in welcher ausgeführt wird, daß unsere einheimische Industrie kaum in der Lage ist, ohne Vermittlung österreichischer Agenten ergiebige und weitgreifende Geschäftsverbindungen mit dem ausgedehnten russischen Reiche anzuknüpfen,