Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 29 (9.4.1894)
- Date
- 1894-04-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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538 über bat sich Rußland nicht in Acht zu nehmen, es behandelt sie wie Fremde, ohne befürchten zu müssen, daß ein Gesandter, ein Minister oder ein Nuntius zu ihren Gunsten vorstellig werde." Alle Anklagen, die gegen die Juden erhoben werden, geht dann der Vers, durch und zeigt, wie sie alle unwahr sind; dann kommt er zu seinen Schlußfolgerungen, die in dem Gedanken gipfeln, daß zum Besten der Juden und zum Besten Rußlands — denn es selbst hat unter den rigorosen Maßnahmen schon gelitten und wird noch mehr leiden, wenn es den betretenen Weg nicht verläßt — der Ausspruch des Prinzen Demidoff seine umfassendste Verwirklichung finden müsse: „Man muß den Juden die bürgerliche Gleichheit bewilligen und die volle Freiheit, sich im ganzen Reiche niederlassen zu dürfen." Von welchem Geist das vorliegende Buch, das eine empfehlende Zuschrift Mommsens ziert, erfüllt ist, dürften die wenigen Proben, die wir hier gegeben, erwiesen haben. Die Trefflichkeit des Buches in Wirklichkeit und vollständig würdigen zu können, dazu bedarf es der Lektüre desselben, und diese möchten wir hiermit Jedem, der des Französischen mächtig ist, empfehlen. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Mainz, 6. April. Von einer größeren Landgemeinde Süddeutschlands wird uns die überraschende Mitteilung, daß man dort mit dem Plane unigehe, den Metzgern das Porschen der Htnterviertel zu gestatten. Der Rabbiner einer Großgemeinde im Osten unseres Vaterlandes habe erklärt, es stehe dieser Neuetnführung kein Bedenken entgegen. Man will nun den Schochet nach dem Osten schicken, damit er dort owT,nK lerne. Man scheint in der betreffenden Landgemeinde der Meinung zu sein, daß man seit Jahrhunderten im ganzen Deutschland links der Elbe und auch in den meisten Gemeinden des Nordostens nur einzig und allein aus Unkenntniß oder Ungeschicklichkeit das Porschen des Htnterviertels unterlassen habe und deshalb das große Opfer brachte, auf den Gebrauch fast der Hälfte des Schlachtthteres zu verzichten. Es blieb also der betreffenden Gemeinde der geniale Gedanke Vorbehalten, durch eine Entdeckungstour ihres Schochet, einen Pionier des Porschens für 'Süddeutschland zu schaffen. Wir können diesem sonderbaren verhängnisvollen Jrrthum gegenüber nicht eindringlich genug darauf Hinweisen, daß in unserer ganzen Gegend nach einem alten von unseren größten Gesetzeslehrern gutgeheißenen Minhag das Porschen und Genießen des Hinterviertels als unstatthaft betrachtet wird. Es soll auch in dieser Beziehung ein von Corriphäen der Gesetzeskunde erlassener Eherem exiftiren. Die Berechtigung dieses Verbotes muß jedem Kundigen einleuchtend sein. Durch nachlässiges, ungeschicktes Porschen wird die Uebertretung der strengsten religionsgesetzltchen Verbote wie nwn tu iidn herbeigeführt. Das Porschen des Hintervtertels ist ungemein schwierig und ist auch dessen sorgsame Ausführung mit Vermögensnachtheil für den Metzger verbunden, da dabei viele werthvolle Theile zerfetzt, zerstückelt und unansehnlich werden. Welch' Uebermaaß von Vertrauen man also dem Porscher entgegenbringen müßte, liegt auf der Hand. Unser alter Minhag ist demnach auch hier eine höchst weise und wohlthätige Einrichtung. Wer diesen Minhag beseitigt, ist in vollem Sinne des Wortes tu pis. Zu diesen Gründen gegen das Porschen, die allein schon vollkommen ausschlaggebend sind, kommt bei den Verhältnissen der betreffenden Landgemeinde noch folgendes Bedenken. Wenn nun der Schochet mit seiner neuen Kenntniß und Fertigkeit aus dem Osten zurückgekehrt ist; wer in unserer ganzen Gegend ist im Stande, diesen Mann genügend zu beaufsichtigen und zu controlltren? Und weiter: Wenn er nun andere in seiner Fertigkeit unterrichtet und hier irgend ein Fehler mitunterläuft, wer wird auf diesen Fehler aufmerksam machen können2 *) Welch' trübe Perspektive eröffnet sich da! Einer unsagbaren Verwirrung in Bezug auf unsere heiligsten Reltgionsgesetze wäre mit Einführung des o,vnnx ^2'3 Thür und Thor geöffnet. Wie wir hören, haben hervorragende Rabbtnen in sehr ernster Weise jener Gemeinde die geplante Neueinführung Widerrathen. Wir schließen uns diesen Warnungen voll und ganz an. > Vermischtes. Mainz. Dem 41. Jahresbericht des Vereins zur Unterstützung und Erziehung mittelloser Waisen der Israel. Religionsgemeinde dahier entnehmen wir: Obwohl sich auch in diesem Jahre die Zahl unserer Pflegebefohlenen etwas verminderte, haben die Velpflegungskostcn mit Mk. 6108,73 nur unwesentlich gegen das Vorjahr abgenommen. Das so segensreiche Wirken unseres Vereines findet beredten Ausdruck durch die wohlwollenden Spenden, welche uns auch im letzten Jahre zugeflossen sind und benützen wir gerne die Gelegenheit, den edlen Wohlthätern auch hiermit unseren wärmsten Dank auszusprechen. Um unseren Zwecken und Zielen aber voll und ganz gerecht zu werden, bedürfen wir auch fernerhin des Wohlwollens und der Unterstützung unserer *) Bergt. CHN HDjn, der für die Gegenden, wo das Porschen nach dem Gebrauch gestatte! ist, empfiehlt, die geporschten Stücke des Hinterviertels einem zweiten Porscher rnr Kontrolle vorznlegen.