Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 29 (9.4.1894)
- Date
- 1894-04-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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die kaiserliche telegraphische Antwort zugegangen: „Vielen Dank der Einwohnerschaft des Marktfleckens Jussofska." Diese vom Kaiser selbst gegebene Bezeichnung des Ortes könne nicht durch Gouvernementsbefehl, könne nur durch kaiserlichen Ukas aufgehoben werden, und so bitte man die einmal gegebene Bezeichnung dem Orte zu lassen. Dieses Argument schlug durch, und der Gouvernementsbefehl wurde aufgehoben. So hing das Wohl und Weh von 150 Menschen an dem Zufall eines Wortes in einem Telegramm. Eine Quelle unzähliger Chtkanen und Vergewaltigungen eröffnete ferner das Gesetz vom Mai 1882, das den Juden verbot, ferner in den Dörfern ihren Wohnsitz zu nehmen; einmal erworbene Rechte sollten geschont werden. Um aber auch diese Schonung illusorisch zu machen, verfiel man auf den merkwürdigen Gedanken, jedes augenblickliche Verlassen des Dorfes, ja jeden Wohnungswechsel innerhalb des Dorfes selbst, als einen solchen zu betrachten, durch welchen der Bewohner seines früheren Rechtes im Dorfe zu bleiben, verlustig ging. So wurde ein Eingeborener des Dorfes Palitski, welcher seinen Ort für einige Tage verließ, um sich zu verheirathen, bei seiner Rückkunft als ein Neuling betrachtet und infolge dessen ausgewiesen. Ebenso ging es einem jüdischen Soldaten aus demselben Dorfe, dessen Abwesenheit durch seine militärischen Pflichten gefordert war. Einer, der wegen Baulichketten am Hause einige Zeit dasselbe verlassen mußte, durfte nicht im Orte bleiben, weil er seinen Wohnsitz gewechselt habe. Jemand, der, weil er in der Miethe gesteigert wurde, das Nachbarhaus bezog, wurde wegen Wechsel des Wohnsitzes ausgewtesen. Wie unmenschlich bei den Ausweisungen verfahren wird, ist bekannt; minder bekannt dürfte es sein, wie die von hohen kirchlichen und weltlichen Würdenträgern theils in Scene gesetzte, theils in steter Lebendigkeit erhaltene Verfolgung jedem Rechtsgefühle Hohn spricht, wo eine offene Gewalt nicht möglich ist. Es ist dies die den Juden gegenüber geübte Verweigerung des Genusses an Stiftungen, die von Juden mit jüdischem Gelde zum allgemeinen Wohle ins Leben gerufen sind. Die Handwerkerschule in Vinitsa und die Bergbauschule in Grolofka sind von zwei Juden gegründet, nichtsdestoweniger nimmt man dort nicht mehr als 5 bis 10 Percent jüdische Schüler aus, während die jüdische Einwohnerschaft von Vinitsa 40 Percent beträgt. Zur Gründung der Gewerbeschule in Kowno haben die Juden 10,000 Rubel gespendet — nicht e i n jüdischer Schüler wird dort zugelassen. Ebenso sind sie vom Besuch des Polytechnikums in Kiew ausgeschlossen, das fast nur von Juden zum 532 Andenken an Alexander II. gegründet ist und noch zum großen Theil von ihnen unterhalten wird. Der Haß macht vor dem größten Elend keinen Halt; mau verweigert den Juden die Aufnahme in dte Hospitäler, der Fall mag noch so dringlich sein; ein Rundschreiben des Bürgermeisters von Moskau untersagte ausdrücklich diese That der Menschenliebe, und diesem Rundschreiben war es auch zu verdanken, daß man einen von einem Hunde gebissenen Mann in einem Hospital, in dem die Pasteurfche Methode angewendet wurde, zurückwtes, weil er ein Jude war. Haarsträubend find die Beispiele der Ausbeutung, der Mißhandlung, der infamen Behandlung, der man dte Juden unterwirft; es würde den hier zur Verfügung gestellten Raum überschreiten, wollte man auch nur kurz auf diese Punkte eingehen. Nur eines wollen wir noch erwähnen, den Unterschied, den der Vers, zwischen dem deutschen und dem russischen Antisemitismus erkennt. „Der Antisemitismus des Westens und der Rußlands haben nur die Etikette gemeinsam. Jener hat es besonders aus einige reiche Schwätzer abgesehen, dieser greift die Menge der Arbeiter und Armen an; jener ist, wie er treffend bezeichnet wurde, „„der Socialismus der Dummen"", dieser ist ein wirkliches System langsamer Ausrottung..." „Ohne zu leugnen, daß es in Rußland wie auch anderswo gewisse allgemeine Vorurtheile gegen dte Juden gibt, und daß diejenigen, denen irgend ein Unternehmen mißglückt, betrunkene Muschiks, ungeschickte Kaufleute, schnell bet der Hand find, die Juden als dte Urheber ihres Mißgeschicks anzuklagen: so muß man sich doch hüten, zu glauben, daß das Volk im Großen einen Widerwillen gegen sie hege; die Feindseligkeit kommt von oben, nicht von unten. Es kommt immerfort vor, daß dte russischen Bauern die Juden gegen die Polizei schützen und ihnen in ihrem Hause Zuflucht gewähren. Das fanatische Organ des Fürsten Medscherski, der „Graschdanin", gibt selbst zu, daß dem russischen Bauern feine Abneigung gegen die Juden innewohne, daß man vielmehr ihn oft sagen höre: „Wir haben die Juden in den Landgemeinden nöthig, laßt sie doch in Ruhe!"" Nichtsdestoweniger vermag die Hetze, wie sie von oben ausgeht, weite Volksschichten zu vergiften, und zwar deßhalb, weil der Antisemitismus in Rußland, neben anderen Motiven, vorwiegend religiöser Natur ist, und darum trifft die Verfolgung alle nicht orthodox russischen Kreise. „Wenn aber die Verfolgung die Katholiken und Protestanten weniger hart trifft, als die Juden, so ist es die Furcht vor politischen Verwickelungen, welche zu größerer Zurückhaltung nöthigt. Den Juden gegen-