Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 29 (9.4.1894)
- Date
- 1894-04-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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S2S Gprechsaal. Uersicherungs-Aaffe für stellenlose Handlungsgehilfen. Frankfurt a. M., 3. April. Geehrter Herr Redacteur! Schon seit Jahren ist man darüber einig, daß gegen die überhandnehmende Sabbatentweihung unbedingt etwas geschehen müsse, nur über daS Wie und Was waren die meisten bisher nicht klar. Mit Freuden begrüße ich es deßhalb, daß Ihre werthe Zeitschrift in der letzten Donnerstags- Nummer die Anregung zu einer Befferung gegeben hat und bleibt es nunmehr zu prüfen, ob der von Ihnen gemachte Vorschlag betreffs Errichtung einer Bersicherungskasse das geeignetste Mittel für diesen Zweck ist. Gestatten Sie mir, geehrter Herr Redacteur, wenn ich Ihnen über Ihr Project im Nachstehenden die Ansicht einiger jungen Leute, welche sich mit der meinigen vollständig deckt, mittheile. Gegen den von Ihnen gemachten Vorschlag werden zunächst drei wichtige Bedenken erhoben. Das mir am wichtigsten scheinende ist in Ihrem werthen Artikel schon erwähnt und betrifft den materiellen Standpunkt. Es dürfte doch jedem auch nur halbwegs mit den thatsächlichen Verhältnissen Vertrauten bekannt sein, daß mindestens 75°/0 aller religiösen jungen Leute, welche den Sonnabend feiern, einen Salair beziehen, der gerade für ihre nothwendigsten Bedürfniffe ausreichend ist, und daß in Folge dieser Thalsache, von der Sie sich hier in Frankfurt leicht überzeugen können, nur ein äußerst geringer Procentsatz von jungen Leuten sich zur Bezahlung von monatlich auch nur weniger Mark entschließen wird.*) Die zweite Schwierigkeit, auf die Ihr Project stoßen dürfte, erblicke ich darin, daß die wenigen jungen Leute, welche überhaupt Beiträge zu der Versicherungskaffe entrichten werden, sich gerade aus solchen zusammensetzen würden, die in der Befürchtung leben, über kurz oder lang einmal stellenlos zu werden. Daß mit solchen der Versicherungskaffe keineswegs gedient fein würde, brauche ich Ihnen doch nicht erst;u sagen. Um dieses Bedenken noch berechtigter erscheinen zu laffen, weise auf den Umstand hin, daß gerade solche jungen Leute, welche von vermögenden oder reichen Eltern sind, sehr oft durch Connexionen, Empfehlungen rc. Gelegenheit haben, in großen Geschäften anzukommen, wo sie mit wenigen Ausnahmen einigermaßen leidliche Gehälter beziehen und deßhalb doppelt in der Lage wären, jeden Monat einige Mark von ihrem Gehalte der Versicherungskaffe abzugeben. Diese werden sich aber bestens bedanken, denn durch die Coulanz dieser Häuser ist es den jungen Leuten daselbst in den meisten Fällen möglich, selbst in den allerschlechtesten Zeiten ihre Stelle zu behaupten- Drittens muH ich auch den Einwand machm, daß unter allen Umständen mit solchen Versicherungskaffen nur halbe Arbeit verrichtet ist, daß, meiner Ansicht nach, der Caffe nicht die genügenden Mittel zuflietzen werd n, um stellenlose junge Leute auch nur auf einige Monate unterstützen zu können. Aber vielleicht ließe sich die Sache in folgender Weise ausführen; Wie ich schon oben bemerkte, kann der Geldbeutel der Sonnabend feiernden jungen Leute unter den heutigen Umständen gar keine neuen Ausgaben vertragen und bin ich dadurch auf die Idee gekommen mit einer Ausgabe, welche *) Zu den allernothwendigsten Bedürfniffen gehört auch der Unterhalt bei Stellenlosigkeit und wie man Kleider, Esten und Wohnung unbedingt bezahlen muß, so muß auch der Kassenbeitrag entrichtet werden. Red. auch heute schon ein jeder religiöse Jude hat, nämlich de« Maafergeld, der heiligen Sache zu Hilfe zu kommen. Ich setze natürlich hierbei voraus, daß der größte Theil derjenigen, welche in der heutigen Zeit mit so schweren Opfern den Sonnabend halten, auch die anderen wichtigen Vorschriften unserer heiligen Religion, wie beispielsweise das Maasergesetz respectiren. Wie weit diese Voraussetzung richtig ist, läßt sich natürlich im Voraus schwer sagen; man müßte es eben einmal auf eine Probe ankommen laffen. Zunächst geht mein Vorschlag nun dahin, durch Aufforderung der verschiedensten Art dahin zu wirken, daß in Zukunft möglichst der größte Theil der von jungen Leuten abgegebenen Maasergelder, soweit sie nicht in der eigenen Familie Verwendung finden an eine Kaffe, welche für diesen Zweck eigens errichtet werden müßte, überwiesen werden. Was die Verwendung dieser Gelder betrifft, so müßten dieselben vorzugsweise zu einer ausreichenden Unterstützung der ärmeren stellenlosen jungen Leute dienen, welche, infolge der Schwierigkeiten eine am Sonnabend geschloffene Stelle zu finden, in die traurige Lage versetzt sind, auf längere Zeit beschäftigungslos zu sein- In zweiter Linie müßte diesen jungen Leuten durch die Bemühungen der Caffe auch zu einer Stelle verholfen werden, d.:mit die Caffe nicht für einzelne junge Leute so viel Geld auswirft, daß andere dabei zu kurz kommen würden. Ferner müßte, soweit es die Mittel der Caffe erlauben, dem Wunsche solcher jungen Leute, die sich in einer am Sonnabend geschloffenen Stellung befinden, dort aber einen für ihre nothwendigsten Bedürfnisse nicht hinreichenden Gehalt bekommen und von ihren, in ärmlichen Verhältnissen lebenden Eltern nicht genügend unterstützt werden können, nach sorgfältiger Prüfung durch den Vorstand der Caffe event. entsprochen werden. Dies sind in wenigen Worten die Vorschläge, von denen ich mir einzig eine Befferung auf diesem Gebiete verspreche. Sollten dieselben in der Praxis auf nicht allzu große Schwierigkeiten stoßen, so dürste hiermit schon sehr viel erreicht sein. Vor allen Dingen würden die stellenlosen jungen Leute, denen es bisher an materiellen Mitteln gefehlt hat und deshalb häufig zu dem traurigen Mittel gegriffen haben den Schabbos mechalell zu sein, in Zukunft mit Hülfe dieser Caffe auf kurze Zeit hinreichende Unterstützung finden. Für solche jungen Leute dagegen, welche keiner materiellen Hülfe bedürfen und nur aus Bequemlichkeitsrücksichten den Schabbos über Bord werfen, dürfte meines Erachtens überhaupt kein geeignetes Mittel auszuklügeln sein. Schließlich will noch bemerken, daß eine solche Caffe, welche die Erfüllung zweier so großer MizwauS, wie Mizwas Schabbos und Mizwas Maaser im Auge hat, zweifellos auch auf bedeutende Schenkungen von reichen, religiös gesinnten Glaubensgenossen zu rechnen haben wird. Falls auch Sie, werther Herr- Redakteur, in diesen Vorschlägen das geeignete Mittel erblicken, um der überhandnehmenden Sabbatentweihung Einhalt zu gebieten» so bitte ich Sie höfl. darum den wesentlichen Inhalt dieser Zeilen in Ihrer werthen Zeitschrift aufnehmen zu wollen. (Jedenfalls kommen wir durch derartige freie Meinungsäußerungen dem Ziele m. G. H. immer näher. Red.) Feuilleton. Der neue Chasen. Von Egmond Ernst. (Schluß.) IV. „Gasse" und „Bewohner" sind heute anders geworden in Prag; aber die Leute von dazumal