Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 29 (9.4.1894)
- Date
- 1894-04-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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520 7-55r -jt;:'-?:-» .w - 7 -■*■■»» ~ t w «>v lebten nicht allein miteinander, sondern auch für einander und es gab kein Vorkommnis in der Gemeinde, das nicht der allgemeinen Beachtung unterzogen worden wäre. So erregte es allgemeines Aufsehen, als die Karoffe des Primators Sonntags Vormittag das Ghettothor passtrte. und „David Schepkes", ein anerkannt scharfer Beobachter und „kritischer Geist" des Ghettos, erging stch in allerlei Vermuthungen, die auf dem einiztgen positiven Boden basirten, daß er Samstag Nachts spät den Prtmator aus dem Hause des Raws habe gehen sehen. Er folgerte daraus, daß irgend etwas „Wichtiges" Vorgehen müsse und glaubte die „öffentliche Meinung" auf das Herannahen großer Ereignisse vorbereiten zu müssen. Und so finden wir heute in dem Bienenkörbe des Ghettos ein Summen und Flüstern, das von der Gasse in die Häuser sich fortpflanzte und neugierige Gemüther in Athem hielt. Es war schon Mittags und die guten Leute ließen nur einige „Beobachtungsposten" auf der Gasse, die endlich des Primators Karosse zurückkommen und beim Hause des Raw Halt machen sahen. Der Primator stieg aus und eilte hinauf zur Wohnung des Rabbi Landau. Es bot den Leuten eine gewisse Beruhigung, daß der Raw der Mitwisser eines für sie noch Geheimnis bleibenden Ereignisses sei. und nach und nach nahm der Verkehr in der Gasse sein gewohntes Gepräge an. Der Raw hatte stch mit dem Primator in seiner Studirstube eingeschlossen und der fast stürmisch freudige Gruß Frankls bezeugte, daß er mit dem Resultate seiner Ausfahrt sehr zufrieden sei. „Ich bin sehr gnädig vom Grafen Schaff gotsche empfangen worden", begann der Primator seinen Bericht, „und als ich um nähere Aufklärungen über das von Sr. Excellenz gestern empfangene Schreiben bat, entgegnete der Statthalter lächelnd, daß dieses Schreiben inzwischen gegenstandslos geworden sei, nachdem ein gestern Abend eingetroffener Kourier die Nachricht gebracht, daß Se. Majestät, vermittelst Estafette der allerhöchsten Landesmutter schleunigst nach Wien zurück berufen worden sei. Ihr Besuch, Primator, fügte der Graf hinzu, enthebt mich der Mühe Ihnen diese Aenderung des Reiseplanes Sr. Majestät schriftlich anzuzeigen." „Der Rebbe kann es sich vorstellen, welcher Last von Verlegenheiten und Besorgnissen ich mich durch diese Mittheilung mit einem Male enthoben fühlte; ich konnte nur einige Worte des Bedauerus darüber stammeln, daß dadurch der Prager Juden - schüft die Ehre eines kaiserlichen Besuches entgangen fei, und bat ihn die Versicherung derer unterthänigsten Ergebenheit in seinem amtlichen Berichte an den allerhöchsten Hof zur Kenntniß zu bringen." Der Graf, freundlich wie ich ihn schon lange nicht gesehen, klopfte mir vertraulich auf die Schultern und sprach: „Mein lieber Frankl, ich kann ihm sagen, daß seine Gemeinde mit einem solchen Primator recht zufrieden sein kann, denn man sieht, wie sie nach all' dem Trübsal, das sie getroffen, wieder gedeiht. Hat er nicht sonst ein Anliegen; ich will ihm gerne behilflich sein." „In diesem Momente erinnerte ich mich der Bitte des Raw, wegen des Chasan Naftoli und nach einer dankenden Verbeugung, erklärte ich dem Statthalter, daß es mir bei der autonomen Stellung der Synagogengemeinden Prags nicht ermöglicht sei, einem armen alten Manne, der ein halbes Menschenleben hindurch, als Vorbeter fungirt habe, zu dem Rechte zu verhelfen, daß er in seinen alten Tagen nicht durch Ernennung eines andern Vorbeters seinen Posten und damit sein Einkommen eiubüße. Ein hoher Guberniülerlaß an die betreffenden Vorstände der Alt- und Meiselsynagoge, in welchem diese zur Auszahlung eines regelmäßigen Gehaltes an genannten Naftoli Chasan für Lebenszeit verhalten würden, dürfte den wohlverdienten Mann vor Noth und Elend schützen." „Er ist ein edler Mensch, Frankl, er denkt immer daran Andern Gutes zu erweisen, aber für stch selbst verlangt er nichts", erwiederte gnädig der Statthalter. Dann eilte er selbst zum Pulte, ließ mich meine Angaben wiederholen und notirte sie eigenhändig. Ein gnädiges Kopfn'cken deutete meine Entlassung an und ich verließ die Statthalterei mit so freudig bewegtem Herzen, wie ich cs schon lange nicht empfunden habe. Mein erster Weg ist zum Raw — möge ihn Gott uns gesund erhalten." „Möget auch Ihr, Mekaß Reb Jisroel, fortan von jeder Besorgnis und jedem Leiden befreit sein", rief Rabbi Landau hochaufgcrichtet und leuchtenden Auges aus, „und so wie Ihr meinen Wunsch erfüllt und „das Unrecht htnweggeschafft habt aus der Mitte der Gemeinde" so soll auch Gott euere Wünsche erfüllen zu euerem und der Gemeinde Frommen!" Der Rabbi umarmte den Primator und begleitete ihn bis zum Thore, nachdem Frankl seine Eile damit entschuldigte, daß er seiner auf ihn ängstlich harrenden Gattin Frummet den gnädigen Empfang beim Gubernator miltheilen wolle.- Die Woche verfloß und der Sabbat war wieder erlösend und erquickend eingckehrt in das Ghetto; wieder hatten sich vor dem Maariwgebete die „Wochenzeitungsbertchter" in Gruppen zusammen gefunden. Da können wir allerlei den Leser interesstrende Neuigkeiten erfahren. Der Lizitant „Laudon" dreht sich im Kreise