Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 28 (5.4.1894)
- Date
- 1894-04-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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504 nicht sehr geneigt, da sie fürchten, daß die eingewanderten polnischen Juden einen zu weitgehenden Gebrauch von einer derartigen Jnftistutton machen würden. Feuilleton Der neue Chosen. Von Egmond Ernst. (2. Fortsetzung.) Frankls Antlitz war fahl geworden und mit gedämpfter Stimme, die das Innere seines Zuhörers tief erschüttern mochte, fuhr er in seinem Berichte fort: „Rebbe, ich will mein seither so gefoltertes Herz öffnen, die Wunde, die ich selbst geschlagen, wird aufs Neue bluten! Freitag war's, Erew Rosch- Chodesch Schwat, ich war noch ein junger „Balbos", einen Monat zuvor hatte ich meine Frummet, Gott soll sie leben lassen, geheirathet, da ging ich nach Schul' zu meinem Vater um mich „benschen" zu lasten und nachdem er dies in mir auffallender besonders weihevoller Weise gethan, hieß er mich niedersetzen und sagte: „Mein Sohn, ich habe noch nie eine Bitte an dich gerichtet, aber heute muß ich dies thun und ich erwarte von dir, daß du meine Bitte nicht ablehnst." „Gerne will ich dir mit allem dienen, Vater, wofern du nichts Unmögliches verlangst", erwiederte ich. „So Wiste Sohn, ich bin es müde geworden, ferner die große verantwortliche Last meines Ehren* amtes zu tragen; ich will meine Primatorstelle niederlegen, du allein bist befähigt und würdig, dieses Amt zu übernehmen. Sei du es an meiner Statt." Ich blieb betroffen stehen — ich fühlte den brennenden Blick meines Vaters fragend und hülfesuchend auf meinem Antlitze haften. — Aber einen Augenblick nur dauerte meine Verlegenyeit. „Vater," entgegnete ich, „es gibt trefflichere und einsichtsvollere Männer als ich es bin, in der Gemeinde — ich nenne dir nur Reb Salme Koref —" „Reb Salme Koref", unterbrach mich mein Vater und ließ traurig den Kopf sinken, „hat es mir abgelehnt — ja wisse es mein Sohn Israel — ich Schimme Frankl war selbst bei ihm und habe ihn gebeten, beinahe fußfällig gebeten, er ließ meine Bitten unerhört. — Dann blickte ich hin und her, wie die Schrift von Mosche Rabbenu erzählt, und sah keinen „Mann" als dich, mein theuerer Sohn, mein Glück und mein Stolz, willst du mir nicht die Last, die mich erdrückt, von meinen Schultern nehmen — ich bin kein Riese mehr!"— „Glaubt mir es, Raw," unterbrach der Primator jetzt seine Erzählung, „unauslöschlich ist jene Scene meinem Gedächtnisse eingeprägt, oft, in schlaflosen Nächten erblicke ich die niedergebeugte Gestalt meines Vaters, wie er damals zum letztenmale lebend und so traurig vor mir saß, und wie glühend brennende Tropfen fällt es in meine Seele!" — Der Sprecher athmete nach diesen Worten hoch auf und richtete das bleiche Antlitz zum Rabbi empor. Erschrocken bemerkte dieser wie Thränen den Augen des Primators entflossen. „Mekaß," rief der Rabbi bewegt, „Ihr versündigt euch gegen die göttliche Vorsehung, wenn Ihr euch so zur Selbstqual lebt — ergeht Euch nicht in so traurigen Erinnerungen!" „Laßt mich, Rebbe, mein Herz erleichtern, Ihr seid der Erste, der außer meinem Weibe darum erfährt — und da ich Euern Rath verlange, so müßt Ihr auch alles wissen." — Nach einigen erleichternden Athemzügen ruhiger geworden, nahm Frankl seinen Bericht wieder auf. „Vertraut mit dem zart besaiteten Gemüthe meines Vaters, dessen herrlichen Charakter und edlen Ehrgeiz ich seit meiner Kindheit verehren gelernt, fuhr es mir durch den Sinn: Wie darfst du als Sohn der Erste sein und dein Vater soll dir in Würde und Rang nachstehen; wird nicht die ganze Gemeinde dies mißbilligen müssen und kannst du es vor Gott und der Welt verantworten, wenn die Ehrenbezeugungen, die früher deinem Vater erwiesen wurden, jetzt dir zu Theil werden! „Mein Entschluß wurde durch diese Erwägungen bestimmt — ich erklärte meinem Vater, daß ich es als eine Versündigung gegen göttliches Gebot betrachte, auf einer höhern Rangstufe in der Gemeinde und vor der Außenwelt zu stehen, als mein Vater — ich fühle mich auch nicht befähigt, eine so verantwortliche Stellung zu bekleiden." „Mit einem Blicke, in dem ebensoviel Wehmuth als Zärtlichkeit lag, erwiederte mein Vater bitter: „Ich sehe, du denkst, wie unsere Alten sagen: „Eine neue Herrschaft muß von der alten abgegrenzt sein; — wenn ich von dieser Welt scheide, sollst und mußt du mein Nachfolger werden!" „Ergriffen stürzte ich zu seinen Füßen, beschwor ihn seine Schwermuth zu bannen und getrost als Leiter der Khille auszuharren. Als ich, ihm die Hände küssend, mich von meinem Vater verabschiedete, glaubte ich auch, daß er andern Sinnes geworden, nicht mehr daran denke, seine Stelle niederzulegen, eitler Wahn. Der Sabbath Morgen sollte mir eine furchtbare Enttäuschung bringen, welche die Freude meines ganzen Lebens auf immer zerstören sollte. Schon vor Schulgang wurde mir in schonender Fürsorge mitgetheilt, daß mein Vater schwer erkrankt