Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 28 (5.4.1894)
- Date
- 1894-04-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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»01 die Mischung die schönere Form, den besseren Geschmack und das gefälligere Aussehen. Aber das durch den Sauerteig in die Höhe getriebene Brod ist nur für das Auge größer und gehaltvoller, sein wirklicher, eigentlicher Inhalt wird dadurch nicht erhöht. Es ist eine Täuschung der Sinne, die das gegohrene Brod repräsentirt und die dem ungegohrenen Brod abgeht. Das letztere gibt sich wie es ist, es repräsentirt bei aller äußeren Unscheinbarkeit denselben Nährgehalt, der von dem aufgeblasenen, künstlich in die Höhe getriebenen gegohrenen Brod nicht übertroffen wird. Ist es mit dem Sauerteig, der in jeder Menschenbrust gährt, anders? Die Leidenschaften der Scheelsucht, Genußsucht und Ehrsucht gähren und toben in dem menschlichen Herzen und bemühen sich in gefälligen, zusagenden Formen aufzutreten, um so die häßliche Widerwärtigkeit zu verschleiern, die diesen Lastern von Haus aus anhaftet. Wer dieses Spiel verschmäht, wer Geist und Gemüth nicht zum Tummelplatz undGährboden für diese Dämone hingeben will, erscheint, weil er den tollen Tanz, an dem sich alle betheiligen, nicht mitmacht, geschmacklos und ungenießbar. Und doch ist es das Brod, wie es die Väter aßen, und doch ist es der Geist schlichter Einfachheit und ungekünstelter Anspruchslosigkeit, wie er den Vätern eigen war und den Enkeln fremd geworden ist, und noch fremder zu werden drohte, wenn ihnen ihr Stiftungsfest nicht alljährlich mit dem Brod der Väter, das es uns reicht, nicht auch den Geist der Väter belebte, der sie der Erlösung würdig macht. — pn unbnso sind beide Brod, sie unterscheiden sich äußerlich in der Form ihrer Buchstaben nur in dem kleinen Strichlein, welches das n vom n unterscheidet. Aber in dem inneren Gehalt, wie ihn der Zahlenwerth von p'D'n (138) und n'rr'v (135) zum Ausdruck bringt, hat Chomez die drei Momente voraus, aus welchen alle in der Menschenbrust gährenden Leidenschaften fließen: 11221 mxn rwop: Der Neid, die Wollust, die Ehrsucht, welche ihr Spiel mit den Menschen treiben, und ihn, wie die Gährungsstoffe den Teig aufblähen. Was hätte das Oliven große Stückchen Mazzah uns nicht alles zu sagen, in einer Zeit wie die unsrige, die auf den künstlichen Schein so viel und auf das schlichte, ehrliche Sein so wenig hält! Draußen tobt der Kampf zwischen den glücklichen Besitzenden und den unglücklichen Enterbten. Geistliche und weltliche Würdenträger treten in ernster Berathung zusammen, um Mittel und Wege zu suchen, diese Kluft auszufüllen oder doch zu überbrücken. Immer schärfer spitzen sich die Gegensätze zu, immer erfolgloser erscheint alles menschliche Bemühen zu ihrer Ausführung, und im jüdischen Kreise findet sich seit Jahrtausenden verwirklicht, was überall sonst als unerreichbares Ideal gilt! Wie ist doch Peßach, das Fest unserer Freiheit, auch das Fest unserer Gleichheit! Groß und Klein, Arm und Reich essen sie acht Tage lang dasselbe Brod, wie es die Väter im Lande Egypten aßen. Das armselige, und doch so vielsagende Brod or6 nun anal v5y viiyp, das sonst die Menschen verfeindet. ist in das Gegenthetl, in das Symbol der Verbrüderung umgewandelt. Sie haben es nicht wie sonst krampfhaft an sich gezogen, sondern hoch hinausgehoben, haben alle Hungrigen zu Gast geladen und alle Dürftigen zu ihrem Feste gerufen. Dürftige? Es gibt solche nicht mehr in den gehobenen Weihestunden, am Eingang unseres Freiheitsfestes. Der Aermste in Israel braucht sich nur die Geschichte des Auszugs seiner Väter in Egypten in voller Lebendigkeit zum Bewußtsein zu bringen, und er ist reich, daß er den Fceudenkelch, den ihm sein Fest credenzte, so reichlich an die Lippen führen darf, führen muß, als der reichsten einer. i^snb' ,«dd ppv D' laion yn Dyn ritt '^>tt 2D1 n"2pn o!"6 rwy -pr ddw iy 4>2tt' ab Vxir’2» ’jy npixn Diison ’jy ii>'vtt oyn ritt ^>tt ddi iDtor . moi2 'ib i” i>'2^2 iosy iw ik .iii>' ix wate iaw Der Arme, der den Gedanken denkt: Gott ließ meine Väter nur auf Umwegen, die durch Wüsten und Meeresbrandung führten, ihr gelobtes Land erreichen, dieser Arme ist reich. Die verlassenste Oede schreckt ihn nicht, es find Umwege, auf welche Gott die Seinen in ihr gelobtes Land führt, das auch ihm so sicher winkt, daß er sich jetzt schon seines gewissen Besitzes in sorgloser Behaglichkeit freut. Und wenn er selbst von der Wohlthätigkeit anderer lebte, wenn er sein Kleid htngeben, sich das Nöthige leihen, ja sich selber vermtethen müßte, es ist kein Einsatz zu hoch für das beseligende Glück, das er aus dem Festesbecher schlürft, welchen ihm sein Fest mit dem Sklavenbrod in die Hand drückt. Diese Mazzah will uns das Bewußtsein in unverwelklicher Frische erhalten, daß der Heilige gesegnet fei er, seinem Volke einmal erschienen ist und mit diesem Erscheinen uns diese Erlösung brachte. Wo aber dieses Bewußtsein lebendig wird, da erscheint heute noch der König aller Könige, seine Schechtna leuchtet aus den seligheiteren Mienen aller Teilnehmer an der großen Tafelrunde, sie klingt aus den Gesängen der von allen Sorgen des Lebens entbürdeten Festgenoffen, das Brod, das sie brechen, den Wein, den sie trinken, alles und alle besiegeln mit jedem Zuge die Wahrheit: .mn Dip»2 'N p« Wahrlich, Gott ist an diesem Orte. (Fortsetzung folgt.)