Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 28 (5.4.1894)
- Date
- 1894-04-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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WWW 500 weil es doch eigenartige Freiheitsstürmer wären, die beim bloßen Anblick vom Krieg wieder Gefahr laufen in die alte Tyrannei nach Egypten zurückzukehren, so ist doch MoseS wenigstens der bahnbrechende Volksbefreier, der vor Königen und Völkern das gekränkte Recht seines Volkes vertritt und stch so als Vertreter des göttlichen Rechts, als Gottesbote manifesttrt. Moses! Der Zungenschwere, stch gegen seine Mission sträubende Bescheidene sollte aus dem Stoff sein, aus dem sonst Welteroberer und Volksbeglücker zu sein pflegen! Allen diesen Versuchen gegenüber, die das wunderbarste Ereianiß der gesammten Menschengeschichte zu einer natürlichen, alltäglichen, selbstverständlichen Erscheinung Herabdrücken möchten, lehrt die Mazzah in unseren Händen: Der Heilige gefegt net sei, Er war es, der sich hier offenbarte, der für unS eintrat, als wir ersterbend im Blute lagen, alS Niemand mehr an die Möglichkeit glaubte, daß wir unS aus dem hundertfältig über uns verhängten Tod wieder zum Leben erheben könnten. Hätten unsere Väter und Mütter, die sich in einen Mew scheu entwürdigenden Druck sondergleichen jochen und ihre Kinder ersäufen ließen, etwas von dem gehabt, was sonst revolutionäre Freiheitskämpfer zum Kampf gegen den Despotismus begeistert, hätte es sich um eine solche Erhebung eines für seine Freiheit alle Güter des Lebens einsctzenden Volkes gehandelt, dann hätten die Stürmer, wenn sie doch den Plan gefaßt hatten, das Land ihrer Zwtngherrn zu verlassen und in die Wüste zu ziehen, jedenfalls dafür Sorge getragen, daß sie für den nächsten Tag wenigstens etwas für die Nothdurft ihres Körpers gehabt hätten. Die Mazzah auf unserem Sederttsch sagt uns, daß dies alles nicht der Fall war. So plötzlich kam die Befreiung, daß sie den Teig, den sie bereitet hatten, nicht einmal gähren lassen konnten, weil der Heilige gesegnet sei er, sich plötzlich offenbarte und sie erlöste. Sie mußten daher den Teig, den sie aus Mizrajim mitgebracht hatten, unterwegs zu ungesäuerten Kuchen backen; denn sie erkämpften ihre Befreiung aus Egypten mit Nichten, sie wurden vielmehr aus Mizrajim so gegen ihren eigenen Willen getrieben, daß sie stch nicht länger aufhalten konnten, auch wenn sie gewollt hätten; hatten sie sich doch sogar nicht einmal Wegzehrung mitgenommen! Seitdem ist das ungegohrene Sklavenbrod in unseren Händen das Denkmal des wunderbaren Eingreifens Gottes für unsere Erlösung geworden. Unsere vollendete Passivität und Machtlosigkeit und das hoch über uns mächtig wirkende Wunderwalten Gottes, die Garantie für die Tbatsache, oaß der Heilige gesegnet sei er, sich plötzlich offenbart, wenn erst die Stunde unserer Erlösung geschlagen hat, ist das Sklavenbrod, wie es die Väter auf ihrem Zug in die Freiheit aßen. Wie trägt doch dieses Denkmal der Offenbarung Gottes gerade in seiner unscheinbaren Winzigkeit in jedem Zuge das Gepräge der Göttlichkeit! Wenn Menschen ihre Großthaten verewigen wollen, so stiften sie Denkmäler von Stein und Erz. stellen sie mit Pomp und Glanz auf und — vergessen im Lauf der Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte so vollständig die Veranlassungen und Geschehnisse, denen ihre Denkmäler gatten, daß man sie vielleicht zutreffender Vergeh-Maler nennen möchte. Hat man erst einem hervorragenden Mann, einem bedeutenden Ereigniß ein Denkmal gesetzt, so hat man seinem Gedächtniß und der äußeren Anerkennung vollkommen Genüge geleistet, dann braucht man seiner nicht mehr zu gedenken, es ist ja in Eisen und Marmor verewigt und geht daher nicht verloren, wenn es auch nicht mehr in lebendiger Frische in den Geistern und Gemüthern lebt. Will dagegen Gottes weiser Wille eine Erinnerung für alle Generationen aller Zeiten ewig frisch und lebendig erhalten, dann wählt er keine verwitternde Stituen und ähnliche tobte Behelfe, sondern er reicht uns ein Stückchen Sklavenbrod und Bitterkraut und erreicht mit diesen kleinen, unscheinbaren Mitteln, was der imposantesten menschlichen Veranstaltung nicht gelingt, daß jeder, der die Symbole in Händen hat, sich die Wunderthaten, welche sie verewigen wollen, so präsent hält, als sei er selbst mit den Vätern aus Mizrajim gezogen. Das Stückchen Mazza wird zum lauten Verkünder und Prediger, nicht nur der Thatsache, >wte sich einmal der Heilige gesegnet sei er den Vätern offenbart hat, sondern wie sich diese Offenbarung noch heute an Israels großer Gesammtheit und an jeder einzelnen Seele vollzieht. Die Mazza, welche auf unserm Sederttsch prangt, lehrt uns nicht nur die Wunder-Geschichte unserer Befreiung von sozialer Gewalt und staatlichem Druck, sondern auch die Freiheit aus der moralischen und sittlichen Knechtschaft, die jeder zu verlieren Gefahr läuft, der kein Ohr für die Lebensweisheit hat, welche Chomez und Mazza predigen. Vergleichen wir unser gegohrenes tägliches Brod mit dem Brod der Armuth, wie es ungegohren am Peßach uns zum Genüsse dient, so begreifen wir die Bemerkung des heiligen Soharbuches, welches Mazzah NniDtn eine Speise nennt, an der man sich moralich gesund essen kann. Mehl und Wasser sind die eigentlichen Bestandtheile der einen wie der anderen Brodgattung. Was das gegohrene Brod von dem ungegohrenen unterscheidet ist der Sauerteig. Dieser an und für sich ungenießbar und ekelhaft gibt dem Teige durch