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Der Israelit · 1894-03-29 · Heft 26 (29.3.1894) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 26 (29.3.1894)
Date
1894-03-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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460 Pflicht uns ungeläustg ist. Geschieht dies überflüssiger Weise hier dennoch, so scheint dieser Zusatz die Pflicht x»r excellence zu bezeichnen und Rabbon Gamliel hätte uns dann gesagt: Wer an Peßach, an diesem Feste, das die Grundlage unseres ganzen Daseins bildet, das daher, wie kein zweites, mit seinen Seder-Symbolen seine erziehende Wlrkung an uns und unseren Kindern geltend macht, wer da nur die stumme Handlung walten, das belebende, deutende Wort aber fehlen läßt, der hat seiner großen, allgemeinen jüdischen Lebenspflicht nicht genügt, weil er der Festespflicht nicht entsprochen hat. Was schließlich die Schwierigkeit der hier innegehaltenen Reihenfolge betrifft, so dürfte von den uns vorliegenden Erklärungen der Commentatoren unserer Haggadah die folgende am meisten befriedigen. Wohl lebten unsere Väter zuerst unter den schweren Bitternissen, welche Maror veranschaulichen soll, und dann erst folgte der rettende Gottesschutz und die Vertreibung aus Egypten, welche Peßach und Mazza darstellen. Aber die verzweifelte Bitterkeit ihrer Lage mag, so lange sie unter dem verjährten, Jahrhunderte andauernden Drucke seufzten, von unseren Vätern gar nicht in ihrer vollen Trostlosigkeit empfunden worden sein. Sie kannten die Freiheit nicht, die aus Egypten Befreiten waren als Sklaven geboren — "pox p *pay »jn — der harte Druck hatte sie unempfindlich für das bittere, tausendfache Weh, mit welchen ihnen ihre Peiniger das Leben vergällten. Erst als sie die Freiheit gekostet hatten, vermochten sie die Schmach der Knechtschaft mit all' ihrem Herben zu fühlen. Deßhalb gehen die Symbole des Gottesschutzes und der Freiheit, Peßach und Mazza, dem Symbol der Knechtschaft, Maror, voran. Eine andere für Bereicherung unserer Welt- und Lebensanschauung ergiebigen Lösung dürfte folgende Erwägung an die Hand geben. — Unseren Vätern war durch göttliche Verheißung ursprünglich ein vierhundertjährtges Sklavenloos beschieden, während der egyptische Aufenthalt thatsächlich nur 210 Jahre umfaßte. Jene Verheißung wird mit dieser Tbatsache durch den Umstand ausgeglichen, daß die Qualität des Drucks die Quantität ersetzt habe. Dies vorausgesetzt, ist die Verbitterung des Lebens unserer Väter nicht als ein der Befreiung vorangegangenes Moment aufzufassen, sondern beide fallen zusammen. Die Verbitterung hatte die Befreiung bewirkt und beschleunigt. Deßhalb sind Peßach und Mazza Ziel und Zweck des Maror und stehen als solche voran. Was liegt aber doch Tröstliches, Herzerhebmdes in dieser Anschauung, die in najrwn 'iwp eine solche Garantie für "najrpn “isnp erblickt, daß alles Herbe und Bittere vor ihr zurücktritt und den Charakter des Gottesschutzes und der Befreiung annimmt! Je härter der Druck, desto leichter sind die Gedrückten sonst an die Dauer und Ewigkeit des Druckes zu glauben geneigt. Wir aber lernen aus der bloßen Gruppirung von Peßach, Mazza und Maror, wie das Bittere von selbst zurücktritt. Je trüber und herber die Zeit, desto sicherer ist ihr baldiger Niedergang, desto zuversichtlicher erblicken wir in den letdvollen Epochen des Lebens nur die Geburtswehen einer besseren, lichteren Zukunft. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondeuzeu Deutschland. Mannheim, 20. März. Der „General-Anzeiger" schreibt: Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt gestern Abend Herr Rechtsanwalt Dr. Fränkel aus München einen Vortrag über: „Klassizismus und Bibel, die Elemente moderner Bildung." Der Kern der fast 1^/zstündigen, mit Begeisterung vorgetragenen Ausführungen beruhte in einer Gegenüberstellung deS dichterischen Gehaltes des alten Testamentes zu der klassischen Poesie der Griechen und Römer, und zwar mit dem Endresultat, daß das Buch der Bücher an Poesie die Erzeugnisse des Klassizismus überrage. Um diesen Satz zu beweisen und zu verdeutlichen, ging der Redner in wohlgelungenen Skizzirungen die verschiedenen Gattungen der Dichtkunst durch. In der Epik zollte er Homer unbedingteste Anerkennung und gab ihm den ersten Rang für alle Zeiten. Die altjüdische Poesie der Bibel, ihrer ganzen Veranlagung und Tendenz nach weniger der reinen Epik zugewandt, muß diese Palme den Griechen lassen. Aber dennoch finden sich in der Bibel Stellen von echt epischer Prägung und Kraft, so die Darstellung des Untergangs der Egypter im rothen Meer. In der Lyrik stellt der Redner die alten Hebräer entschieden höher als die Griechen und Römer. Was Anakreon und Pindar gesungen, was Catull und Horaz gedichtet, werde trotz der in diesen Poesien lebenden Anmuth und Schönheit weit überholt von der Lyrik des alten Testaments, namentlich durch die eminent musikalischen Eigenschaften des letzteren. In diesem Punkte sind wir mit dem Redner völlig einverstanden. Einen ergreifendere Lyrik, als der alttestamentltsche Psalmist gesungen, ist uns nicht bekannt, und Männer wie Goethe und Luther haben sich immer wieder an dieser wunderbaren Poesie begeistert. Der Redner brachte verschiedene Proben aus den Psalmen, so u. A. auch den herrlichen 104. Psalm und Bruchtheile des hohen Liedes Salomons in

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