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Der Israelit · 1894-03-29 · Heft 26 (29.3.1894) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 26 (29.3.1894)
Date
1894-03-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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4l4 Polen) und war Pferdemaler des Pariser Hauses Salomon und Wolff. Fe« iJJf t o u Der neue Chase«. Von Egmond Ernst. I. Schon neigten sich die Abendschatten an einem Sommer-Sabbattage des Jahres 1768 über das Prager Ghetto. — Es war die Zeit zwischen „Mtnche und Maariw" und in der „Gasse" bildeten sich die „Rädlech", Gruppen der Ghettobewohner, welche die müßige Zeit bis zum Abgänge der „Prinzessin-Sabbat" mit allerlei Eauserte vertrieben. Den Mangel an Zeitungen suchten die guten Leute dadurch zu ersetzen, daß sie selbst eine Art „Wochenchronik" auf mündlichem Wege einander lieferten. Da glänzte als „politischer Leitartikel" für die damals sturm - bewegte Zeit der schlesischen Feldzüge, der Lizitant „Laudon", mit diesem „Spitznamen" so benannt, weil er zu sagen pflegte, man müsse auf Lizitationen wie „Laudon", der damalige berühmte Reitergeneral, dreinhauen. Als „Feuilletonist" war David Schepkes sehr beliebt und ein größerer Kreis von Zuhörern lauschte seinen pikanten Variationen über die Ereignisse der Woche, die er, wie man in der Sprache des Ghetto zu sagen Pflegte, so gut zu „schmelzen" wußte. Die Rubrik „Tagesnotizen" wurde von den weiblichen Hausbewohnern, die in den Parterrefluren sich versammelten, im lebhaftem Zungengefechte geliefert, wobei es auch an den obligaten „Enten" nicht mangelte. Rach dem Gewoge und den Gesticulationen innerhalb der einzelnen Männer-Gruppen zu schließen, mußte sich die diesmalige Wochenchronik besonders interessant gestalten und wir wollen, um die Neugier unserer Leser zu befriedigen ihre Gespräche belauschen. „Das war heut ein„Oneg Schabbes" „meinte Laudon und seine hagere Gestalt drehte sich dabei wie ein Kreisel, um alle seine Zuhörer zu mustern, „seit unsere Altschul besteht, ist so ein schöner Ehafen nicht gehört worden." „Gewiß", bemerkte ein Anderer aus der Gruppe, ein schon ältlicher Herr, dessen würdige Ruhe sehr gegen die Beweglichkeit des „Lizitanten" abstach, „der Ehafen singt sehr schön, aber ich meinte doch, unserm Naftoli Ehafen geschieht ein großes Unrecht, wenn die Schul' den so braven rechtlichen Mann brodlos macht und an seiner Stelle einen Fremden aufnimmt, von dem man nicht weiß „wer seine Hühner und seine Gäns waren." „Gottes Kowed geht über alles", entgegnete schlagfertig Laudon, „und was glaubt ihr Reb Sorech, wenn wir aus Polen unfern Raw geholt und ihm die Kille anvertrauen, darf man einen Ehafen auch von dort aufnehmen. Wer so einen „Kadisch" wie der singen kann, der muß auch e Kedusche im Leibe haben." Bet diesen Worten schnalzte der Redner mit der Zunge, als wollte er das empfundene Vergnügen kennzeichnen. Ein Beifallsnicken im Kreise der Zuhörer und die Ausrufe „Loi kom" so ein schöner Ehafen war noch nicht in derKhille", bezeugten, daß die Majorität der Ansicht Laudons war und dadurch ermuthigt wollte dieser auch alle Bedenken des opponirenden'Reb Sorech Niederschlagen, indem er nach einer^Pause hinzufügte: „Ueberdtes, was braucht Reb'Naftoli ein Ehasen zu sein. Js es denn e Brauch — ein Mensch, der kein Kind hat!" Bei diesen Worten schien es, als ob ein schmerzliches Zucken Reb Sorechs Lippen bewegten — hatte er doch, wie Alle wußten, vor einem halben Jahre seinen eigenen Sohn, als Opfer des nach den Kriegen herrschenden Faulfiebers, zu Grabe getragen. Aufgestachelt von der durch Laudons letzte Bemerkunglverursachten Berührung?etner wunden Stelle in seinem Gemüthe, rief er im schrillen Tone: „Ein Mensch, der kein Kind hat, will auch leben und dessen Weib will auch essen. Naftoli Ehafen, ein Lamden, der ganz Aschkenes (Deutschland) durchreiste, ist ein redlicher würdiger „Schliach Zibbur" und hat noch Niemanden in der Khille das Wasser getrübt. Ihr Alle hier wißt efscher nicht, was mir bekannt ist. Seine Schwester, die Almone Genendel, wäre sammt ihren fünf Kindern schon verhungert, wenn nicht Naftoli Ehafen alles, was er seinem Munde abspart, ihr geben würde. Einen solchen Mann darf man nicht brodlos machen. Ich sag' euch aber noch eines" — und die Blicke des alten Reb Sorech schienen jeden Einzelnen der Umstehenden7zu7mustern, — „bei Ehasontm haben wir es schon erlebt — ich will choltle Keinen beleidigen — war „die Stimme, die Stimme Jakobs, doch die diejenigen Hände von Esau!" Noch lange hätte der Wortwechsel über den Werth der Ehasontm gewährt, hätte nicht Einer der Zuhörer auf den eben vorbetgehenden Synagogendtener deutend geäußert, es wäre schon die Zeit des Maariwgebetes gekommen. Die Gruppen lösten sich auf, die Männer eilten zur Synagoge, die Frauen verschwanden von den Hausfluren und bald herrschte lautlose Stille auf dem früher geräuschvollen-Platze. Verrauscht, verklungen tftgbte Sabbat-Weihe und die Gloriole, die. sie^über jeden Einzelnen der

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