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Der Israelit · 1894-03-29 · Heft 26 (29.3.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 26 (29.3.1894)
Date
1894-03-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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465 Ghetto-Bewohner hinzauberte, ist im Erblassen. — Das Alltagsleben beginnt, die hehre Feiertagswürde des Menschenantlitzes weicht, um darauf die von Mühsal und Sorge eingefurchten Nunenzeichen, die nur gefühlvolle Menschen zu entziffern vermögen, aufzunehmen. Die heute lebenden Nachkommen verstehen nicht mehr, was der Sabbat ihren Ahnen gewesen — eine Oase in der Sandwüste des Lebens, ein wohlthuender Ruhepunkt aus dem Martergange des Daseins, ein frisch sprudelnder Quell, der dem Ermatteten Erquickung brachte. Die armen Bedauernswerthen, denen der Sabbat ein blaffes Schemen vergangener Zeiten gilt, wie sie sich mühen, Tag für Tag, wie jeder Nerv, jede Muskel unausgesetzt angestrengt wird in ruhelosem fieberhaften Sinnen, Drängen und Jagen nach Erwerb, Ehre und Gut, und die in der Zeit, da sie das rollende Glücksrad zu fassen glauben, vom Hippenmanne abberufen werden, weil der menschliche Körper eben nicht so zäh und unverwüstlich, gleich einer Damascenerklinge ist. Tobt und jagt weiter, ihr Unersättlichen, so lange euere Kräfte reichen — euch kann der Sabbat nicht die Erlösung und das Labsal werden, das er euern Vorfahren gewesen — denn ihr versteht ihn nicht mehr. — Nächtliches Dunkel war schon über die „Gaffe" gelagert, als der Primator Israel Frankl aus dem Gotteshause nach seiner Wohnung die Schritte lenkte. Die „Frankl" waren, in jüdischem Sinne ein „Patriciergefchlecht", das von Generation zu Generation hohe Intelligenz verbunden mit Geistesadel und Herzensgüte vererbte. Sie stammten in direkter Linie von der in der jüdischen Geschichte rühmlichst bekannten Familie Spira, welche die Blüthe jüdischer Gelehrsamkeit in den israelitischen Gemeinden des Mittelalters zu Tage förderte. Die Prager Gemeinde vermochte die Würde und den Adel dieser Familie, welche durch Hebung der Seidenindustrie in Böhmen sich auch allgemein anerkannte Verdienste um das Land erworben, nicht höher zu ehren, als daß sie die Primatorstelle erst dem Vater Simon Wolf Frankl und nach dessen ttagischem Tode dem Sohne Israel verlieh. Seine Gattin, Frummet, erwartete ihn schon und batte Nardenbüchse, Wein und Habdalukerze auf den Tisch gelegt, womit ihr Gatte dem scheidenden Sabbat den letzten Wetheabschied erthetlen solle. Frankl war mit dem üblichen Gruße eingetreten und reichte der entgegeneilenden Frummet die Hand. Die beiden Eheleute boten in ihrer schlanken hohen und würdevollen Erscheinung das Bild zweier für einander harmonisch passenden Gestalten. Der Primator, in dem stattlichen Feiertagsgewande, blickte mit freundlichem Lächeln auf die an seine Schulter gelehnte Gattin. Der Lichtschein der angezündeten Habdalakerze beleuchtete sein Antlitz, und ein merkwürdiges Gesicht war es. — Das Haar war schwarz und voll, aber an den Schläfen schon gebleicht, obschon Frankl erst fünfundvierzig Jahre alt war, die Stirne hoch, von einzelnen kleinen Falten durchfurcht, in denen unverkennbar eine gewisse Schwermuth und Anzeichen eines Seelenleidens lagen; die Nase lang und schmal, das Kinn wie ein Eisen geformt, deutete auf unbeugsame Energie des Willens. Frummet, die um zehn Jahre jünger sein mochte, bot in der Physiognomie ihres sanft gerundeten Antlitzes, in dem Blicke ihrer braunen, Freundlichkeit und Klugheit verrathenden Augen, den Gegensatz zu dem schwermüthigen Ernste ihres Gatten. Den bereit stehenden Becher Weines in die Höhe hebend, betete Frankl den Abschiedssegen des Sabbats über die Nardenbüchse und Flamme und nachdem er von dem Weine genippt, rief er ein herzliches „Gut Woch!" in das Frummet laut einstimmte. Dann eilte die Frau zum Schranke und ein mit einem großen Siegel versehenes Schreiben hervorholend, überreichte sie es ihrem Manne mit den Worten: „Israel mein Leben, heute ist vom Gumbernium dieses Schreiben für Dich herabgelangt." Hastig darnach greifend, setzte sich der Primator näher zur Lampe, öffnete das Schriftstück und las es durch. Frummet bemerkte, daß nach dem Lesen desselben eine leichte Bläffe das Antlitz ihres Gatten überflog, der Primator lehnte sich dann zurückgebogen, tief Athem schöpfend, an die Rücklehne des Stuhles. „Schma Jtsroel, was ist Dir mein Leben", rief Frummet erschreckend aus, und rasch nach dem Becher langend, träufelte sie einige Tropfen Weines auf die alabasterwetße Schläfe Frankls und rieb sanft seine Stirne. Nach einer kleinen Weile erholte sich der Primator unb sprach leise: „Erschrick nicht, liebe Frummet, es ist bald vorüber — die Aufregung hat mich ein wenig übermannt. — Es ist keine Kleinigkeit — denke dir nur, dieses Schreiben bringt die vertrauliche Mittheilung des Guberntums. daß der Sohn und Mitregent unserer Kaiserin, Kaiser Joseph, der jetzt unter dem angenommenen Namen „Graf Falkenstein" gleich einem Privatmanns, Mähren und Böhmen durchreist, auch nach Prag kommen könnte und empfiehlt mir, da der Mouarch auch die Judenstadt besuchen dürfte, für die Ausrechterhaltung der

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