Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-03-22 · Heft 24-25 (22.3.1894) · page 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 24-25 (22.3.1894)
Date
1894-03-22
Page
– (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448435--38223-2486323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

456 keinen anderen Wirkungskreis suchen, er kann nichts verdienen und doch muß und will er und die Seinigen leben! Was wird das Ende sein? Wenn nicht wohlthätige Menschen sich seiner erbarmen oder die eigenen Kinder so wett herangewachsen sind, daß sie den Vater ernähren können, wird er zum verschämten und endlich zu einem unverschämten Schnorrer, dessen einzige Beschäftigung darin besteht Bettelbriefe en gros zu fabriziren und sie an bekannte und unbekannte Adressen zu versenden. Es muß doch ein lohnender Erwerb sein, denn ich bewundere die Ausdauer, mit der ein solcher Armer einen christlichen Collegen mit jüdisch klingendem Namen noch weiter belästigt, nachdem ihm dieser einmal einen kleinen Betrag überwiesen hatte. Unverschämt; der Ausdruck ist mir so aus der Feder geflossen; er ist nicht so schlimm gemeint, denn ach! Hunger thut weh! Und wenn ein Vater gar sehen muß, wie Weib und Kind darben, so verzeiht ihm der Jude gerne eine Ungehörigkeit. Wie aber kaun solch' schrecklichen Zuständen ab geholfen werden? Dürfen wir hoffen, daß sich der Staat jener Unglücklichen annimmt und die Sorge für das Alter erleichtert? Oder sollten wohlhabende Gemeinden so menschenfreundlich sein, bei Aufstellung ihres Budgets jener Aermsten mit nennenswerthen Beträgen zu gedenken? Meine Hoffnung dafür ist gar zu gering und es wird nichts übrig bleiben, als an Selbsthilfe zu denken? Help yourself! sagt der Engländer und es ist endlich an der Zeit, daß die isr. Lehrerschaft sich ermanne, um diesen schrecklichen Zuständen ein Ende zu machen. Wie erniedrigend und kränkend ist es, von einem Collegen zu hören, daß er zum Bettelstab greifen muß! Sollte nicht so viel Berufsstolz und Standesbewußtsein bei den besser situirten Collegen herrschen, daß es möglich wäre, ein Mittel zu finden diesen Zuständen zu steuern? Wenn diese Zeilen die Anregung geben würden, daß auf Lehrerconferenzen der Sache gedacht und sie zur Berathung gestellt würde, so hätten dieselben ihren Zweck erreicht und ein gutes Werk würde gefördert werden. Gewiß würde es nicht allzuschwer halten, die Herzen edler Menschenfreunde für die Sache zu interessiren, damit durch Legate und freiwillige Beiträge ein Kapital geschaffen werde, dessen Zinsen genügen, jenen Religionslehrern einen sorgenfreien Lebensabend zu schaffen, die wegen ihres Alters nicht mehr unterrichten können und keine oder nicht genügende Pension beziehen oder deren Gemeinden nicht im Stande sind, ihnen ein Gehalt zu bezahlen, das sie vor der äußersten Noth zu schützen vermag. Was helfen alle Besprechungen über den Lehrplan, Lehrstoff oder die Lehrmethode der isr. Religionsschule, wenn der iSr. Religionslehrer nicht so gestellt ist, daß er ohne pekuniäre I Sorgen leben und mit Freudigkeit und Begeisterung seinen Beruf erfüllen kann, daß er getrost jenen Tagen entgegensetzen kann, wo seine Arbeitskraft nachläßt und er berechtigt wäre, die Früchte der Arbeit seines Lebens in Ruhe zu genießen. Dafür zu sorgen und zu streben ist die Pflicht aller Glaubensgenossen, ist ferner die Pflicht aller israelit. Reltgionslehrer; erst wenn diese Sorge von ihm genommen ist, kann er mit der Freudigkeit seinen Beruf erfüllen, die ihn beseelen muß, um Begeisterung bei seinen Schülern zu wecken, Begeisterung für das Judenthum, Liebe zu ihrer Religion und eine Glaubenstreue, die frei ist von jedem Schwanken und sie in jeder Lage des Lebens bekennen läßt: Iwri onauchi wees elokim ani jore. Ich bin ein Hebräer und fürchte meinen Gott. Mrrs Stndk und fanir. Frankfurt a. M. (Aus Versehen verspätet.) Am 27. August v. I. tagte dahier nach erfolgter statutengemäßer Einladung im Turnsaale der isr. Realschule (kdilantroxin) die diesjährige ordentliche Generalversammlung des isr. Lehrervereins für das Grotzherzogthum Hessen. Anwesend waren Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt-Offenbach, Herr Rabbiner Dr. Horovicz- Frankfurt, Herr Lehrer Lomnitz-Dietz als Gäste und 42 Mitglieder. Der Vorsitzende, Herr Wertheimer-Heldenbergen, begrüßte zunächst die Versammlung und gedachte des vor einigen Wochen verstorbenen Redacteurs Schmidt, der auch für die Interessen der jüd. Lehrer lebhaft eingetreten sei, in ehrender Weise; die Versammlung ebrt sein Andenken durch Erheben von den Sitzen. Der Vorsitzende schlägt hierauf die Absendung eines Huldigungstelegrammes an Se. Kgl. Hoheit vor, was bei der Versammlung begeisterte Zustimmung findet. Hierauf erstattete er Bericht über die vom Vorstande im Interesse einer Bessergestaltung der Lage der isr. Lehrer unternommenen Schritte. Er befinde sich in der glücklichen Lage, mittheilen zu können, daß auf einer in Darmstadt stattgefundenen Delegirtenversammlung der Vertreter der größeren Gemeinden Hessens die Forderungen der Lehrer auf definitive Anstellung und Pensionsberechtigung widerspruchslos Anerkennung gefunden und daß wir dadurch zu der Hoffnung berechtigt seien, daß bei der zu erwartenden Neuregelung der Verhältnisse unserer Religionsschule auch Seitens der Großh. Regierung die Forderungen der Lehrer Berücksichtigung finden würden. Aber noch sei es nicht Zeit, die Hände müßig in den Schoß zu legen, im Gegentheil, die erzielten Erfolge legten uns die Pflicht auf, durch ernste Arbeit zu zeigen, daß wir einer gesicherten Stellung würdig seien.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.