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Der Israelit · 1894-03-22 · Heft 24-25 (22.3.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 24-25 (22.3.1894)
Date
1894-03-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1IWW1* »WMWI«WW«MH»HEV 482 lebens, alles, was das Menschenherz bewegt, in Worte gefaßt: „Das sind unsere Gebete, das ist unser Gebetbuch." Den Mittelpunkt desselben bildet die Anerkennung der Einheit Gottes, yüv ns’^p niso und die Consequenzen, zu welchen sie führt, wie sie in der entsprechenden Stelle der Thora ausgesprochen sind, “idn’i ,n»m , nanai — Ihrem größten Theile nach sind unsere Gebete den Psalmen entlehnt, während derjenige Theil, der eigentlich den Namen n^n Gebet führt, von den Männern der großen Versammlung n^nn hdjd >«« herrührt, unter welchen sich die Elite Israels und selbst Propheten befanden. Nach dieser Bedeutung des Gebetbuches begreift es sich, daß es nach der Thora und in Gemeinschaft mit ihr dasjenige Band ist, welches die zerstreuten Glieder des Hauses Israel wie nichts anderes sonst zu verbrüdern geeignet ist und in der That diese einigende Kraft seit Jahrtausenden in glänzender Weise bewährt hat. In Zeiten, wie es die Gegenwärtigen sind, macht sich diese verbrüdernde Kraft unseres Gebetbuches vielleicht noch nachhaltiger bemerklich. als diejenige der Thora selbst. Die Thora, unsere Lebensseele, ist aus dem Volkskörper so vielfach gewichen, daß sie leider vielen fern und fremd geworden ist. Aber das Gebet als allgemeines, tägliches Bedürfniß macht sich auch bei denjenigen geltend, die der Thora entfremdet worden sind. Dazu tragen die inneren, eigenartigen Vorzüge des Gebetbuches noch ungemein bei, es jedem theuer und heilig erscheinen zu lassen. — Sein verhältnißmäßig geringer Umfang enthält in gedrängter Kürze alles, was ein Mensch vernünftiger Weise wünschen kann. Während die modernen Nachahmungen der alten Tefillo mit vielen Worten wenig sagen, ist hier das umgekehrte der Fall. Die Bitten nach irdischen zeitlichen Gütern nehmen nur einen kleinen Raum ein. Sie bedürfen nicht in so hervorragender Weise des Gebetes. Gott, welcher das Leben giebt, gewährt auch die Mittel zu seiner Erhaltung. Es wäre auch kleinlich, über den Bitten um vergängliches Gut, die höchsten geistigen Anliegen zu vergessen oder doch zu vernachlässigen. Die elfteren streift unser Gebetbuch nur, die letzteren sind sein eigentlicher Gegenstand. Wenn es von diesen spricht erglüht es in stammender Begeisterung und ist unerschöpflich in Bezeichnungen, Tropen und Bildern. Man werfe nur einen flüchtigen Blick auf die Parthten unseres Gebetbuchs, welche dem yaw r«np vorangehen und ihm folgen und auf die Schmone Esre selbst, welche nur zwei Bitten für irdische Güter hat — unbi lttib vty *pa — Während alles übrige voll Preis und Dank gegen Gott ist, und für die letzten Hochziele Israels und der Menschheit das Einschreiten der Gottheit erfleht. — Und diesen herrlichen idealen Zug des ganzen Geistes, welchen unser Gebetbuch athmet, hat man getadelt und hat in seinen Nachbildungen gerade diese Bitten ausgemerzt, welche die an Israel und seinen Gesalbten sich knüpfenden höchsten Zukunftshoffnungen der Menschheit zum Gegenstand haben. Man hat diese Bitten als unvereinbar verdächtigt, mit unseren Bürgerpflichten und den Gefühlen der Anhänglichkeit für unser jeweiliges Vaterland. Und doch stehen die Wünsche und Hoffnungen, welchen unser Gebetbuch Ausdruck giebt, unserem Patriotismus und den Pflichten unseres socialen und politischen Lebens nicht nur nicht hinderlich im Wege, sie sind im Gegentheil ihre herrlichste Ergänzung und Vollendung. Unser Gebetbuch enthält nicht nur ausdrückliche Gebete für das Wohl des Vaterlands und der Fürsten, sondern diese Gebete klingen in den Wunsch aus, daß unsere Fürsten die Rettung Judas und die endliche ruhige Entfaltung Israels erleben und das Erscheinen des Erlösers in Zijon mitfeiern mögen. Diese Rücksichtnahme auf die hohen, geistigen Güter Israels und der Menschheit bekundet sich auch in der äußeren Anlage unseres Gebetbuches. Es enthält verhältntßmäßig nur wenige, eigentliche Gebete, sondern fast ausschließlich Gesänge, Hymnen, Psalmen, Preisuud Loblieder zur Verherrlichung Gottes und seines Waltens. men 'pDs Gesangs- Piecen bilden fast den ausschließlichen Inhalt des Gebetbuches vom Anfang bis zum eigentlichen Gebete. Dieser Charakter ist dem Abendgebet, den Sabbat- und Feiertaggebeten in noch höherem Grade eigen. Der thatsächliche Mangel an eigentlichen Bittgebeten hat sogar zu der Nothwendtgkeit der Abfassung von besonderen Techtnnoth und Selichoth geführt, die eine selbstständige von unserem Gebetbuch unabhängige Literatur bilden. Ein anderer, eigenartiger Vorzug unseres Gebetbuches ist die heilige Sprache der Thora, in welcher es zu uns spricht. Auch dieser Vorzug wird heute vielfach nicht als solcher anerkannt, sondern sogar getadelt. Die heilige Sprache sei uns fremd geworden, wir müßten in der uns geläufigen Landessprache, aber nicht in einer nur den Fachgelehrten verständlichen Sprache beten. Und doch ist es die Sprache der heiligen Schrift, welche unser Gebet selber zu dem Rang einer heiligen Schrift erhebt. Die Sprache ist das geistige Band, das alle umfaßt, welche in ihr denken und sie sprechen. Sie ist das letzte, das ein Volk verliert, und das erste, womit jedes Kind mit seinem frühesten Lallen in den Kreis der Gesammtheit sich einfügt. Daß sie viele nicht verstehen, ist gewiß

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