Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 23 (19.3.1894)
- Date
- 1894-03-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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420 Der Freund hatte etwas von seiner eignen Auffassung über den Charakter dieses Mädchens, jedenfalls sich selber unbewußt, in die Zeichnungen hinein gelegt. Südländer erinnerte sich dessen, was der sterbende Freund von ihr gesprochen. „Manch unschöne Charakteranlage besitzt sie." Waren das nicht seine Worte? Sicherlich gab es ia manchen Zug in ihrem Wesen, der dem Professor noch unverständlich war, so sehr er sich auch jetzt darum bemühte, sich Klarheit zu verschaffen. Er hatte zu sehr geliebt, als daß sein Blick nicht getrübt gewesen wäre. Nun erinnerte er sich an manches ihrer Worte, an manche Wendung, die er von ihr gehört, die ihn im ersten Augenblicke sehr unangenehm berührte, die er aber in der darauf folgenden Sekunde wieder vergessen hatte, wenn sie ihn mit ihren schönen Augen angesehen. Und Onkel Daniel hatte so mancherlei gesagt und sogar der Vater selbst. Ach was! Er wollte nicht länger Nachdenken; er vertraute innig zu Gott, daß er schon alles aus das Beste lenken würde. Ueber die Hauptsache konnte er jedenfalls keinen Zweifel haben: fromm war sie, sehr fromm! Ec hatte sie erst jüngst gefragt, ob sie auch nach der Sitte jüdischer Frauen ihr Haar bedecken würde, wenn sie erst verhetrathet wäre. Und da hatte sie ihn anaelacht und gesagt: „Wie kannst Du nur fragen, Adolph? Weiß ich doch, daß Du cs wünschest." Wie hätte auch die Tochter eines solchen Vaters, die Nichte eines solchen Oheims anders sein können? Er schlug das Skizzenbuch zu; er wollte sich sogleich an die Ordnung seiner Papiere begeben. Auf seinem Schreibtisch fand er zwei Briefe vor. Der Oberste, der jetzt erst angekommen, war von seinem Verleger; der frug ihn an, ob das Werk, von dem ihm Südländer vor einem halben Jahre geschrieben, noch nicht bald vollendet sei. Südländer mußte lächeln; er hatte keine einzige Zeile geschrieben in all diesen Monaten. Der übermäßige Rausch der Liebe hatte ihn seinen Wissenschaften völlig entrückt; aber jetzt sollte das anders werden. Die Hochzeit sollte der Verlobung baldigst Nachfolgen, und dann wollte er wieder arbeiten mit dem ganzen Feuereifer, den er zuvor besessen. Da stieg ihm der Gedanke auf, ob er denn jemals dte Ruhe zur Arbeit wieder finden würde, an der Seite des schönen Wesens. Ob sie sich auch begnügen würde, mit dem stillen, häuslichen Leben einer Professorsgattin? Ob sie wohl je Antheil nehmen würde an seinen Arbeiten und an seinen Erfolgen? An den äußeren Erfolgen, an die Ehrungen, die ihm zu Theil wurden, gewiß. Sonst aber —?! An den wahren, inneren Freuden? Nein! Sie würde ihn umherschleppen wollen auf Bällen und schaalen Gesellschaften, ihn förmlich zu Markte bringen wollen und ausrufen: „Seht her, dieser Gelehrte ist mein Mann!" Der Professor fuhr ärgerlich auf und schalt sich selbst tüchtig aus. „Wie viel Eigendünkel lag doch in diesen Gedanken!" Er wies sich scharf zurecht und suchte sich einzubilden, daß er ihr Unrecht thue. Er wollte nicht mehr grübeln! Er ließ den Brief zu Boden fallen und griff nach dem nächsten. Was war das?- Ihre Handschrift?!- Sein Athem begann schneller zu gehen. Der Brief war an den verstorbenen Freund adressirt, darunter hatte eine fremde Hand des Professors Adresse geschrieben und wieder eme andere Hand: „Nachsenden nach Frankfurt." „In Frankfurt unbekannt," stand auf der Rückseite. Dann war der Brief wieder hierher zurückgegangen. Gewiß war es der letzte Liebesbrief, den Feodora an den unglücklichen Max gerichtet. Sollte er ihn öffnen? Sollte er ihn nicht lieber seiner Braut so zurückgeben wie er ihn gefunden. Er hatte ja eigentlich kein Recht, dieses Schriftstück zu öffnen. Wie peinvoll es für ihn sein müßte, zu lesen, was sie dem verstorbenen Freunde geschrieben. Und Aehnliches hatte sie gewiß auch zu ihm gesagt; Aehnliches würde sie ihm jetzt schreiben, denn mit der Mtttagspoft erwartete er einen Brief von ihr. Warum wohl der Freund sie in so eigenartiger Auffassung gezeichnet? Ob sich in diesem Briefe woül Anhaltspunkte für eine solche Auffassung fänden? Sonderbar, sonderbar! Immer wieder diese Gedanken, die er nicht mehr bannen konnte, die ihn verfolgten, überall hin! Die Erregung, in der sich Südländer befand, verhinderte ihn an weiterem Denken; schon hatte er den Umschlag entzwei ger ssen, schon las er. Aber erst von wenigen Z ulen hatte er Notiz genommen, als die Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen begannen, der Brief entsank seiner Hand, ächzend fiel Südländer auf einen Stuhl nieder.