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Der Israelit · 1894-03-19 · Heft 23 (19.3.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 23 (19.3.1894)
Date
1894-03-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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421 Nein, er mußte es wissen, er mußte alles wissen! Gewaltsam raffte er sich auf. Der ganze eiserne Wille, der in diesem Manne wohnte, kam in diesem Augenblicke zur Geltung; er vermochte es, das ganze Schreiben zu Ende zu lesen. Dieses aber lautete: „Lieber Max! Du wirst erstaunt sein, in jüngster Zeit nur so wenig Nachrichten von mir empfangen zu haben und ich bitte Dich, wenn Du von dem nun Folgenden Kenntnis nimmst, mir zu verzeihen; ich schwöre Dir, daß ich nicht anders kann. Du weißt ja selbst, gegen die Liebe gibt es keine Mittel, man ist ihr-'r Macht unbedingt verfallen. Als Du bei uns in Frankfurt warst, da war ich innig überzeugt, daß ich Dich liebte, da war es meine höchste Seligkeit mit Dir zusammen zu sein. Aber ich war damals noch sehr jung und wie das Lebensalter des Menschen sich ändert, so ändert sich auch sein Herz. Kannst Du begreifen, daß es einen Jrrthum gibt in der Liebe, daß man sich sagen muß, man habe sich getäuscht und alles, was man empfunden hat, sei nicht d s gewesen, für das man es gehalten?" Der Professor mußte den Brief wieder sinken lassen. „Kannst Du begreifen, daß cs einen Jrrthum gibt in der Litbe?" Fürchterliche, schreckliche Worte! Aehnliches hatte sich ihm selbst schon mehrfach aufgcdrungen und er hatte diese Gedanken gewaltsam von sich verbannt und nun standen sie da, von ihrer Hand geschrieben, nun standen sie in eisiger Kälte vor ihm! — Er las weiter: „Ich will Dir ohne lange Umschweife sagen, was mit mir geschehen. In unserem Hause verkehrt ein vornehmer Herr: „Graf Eberhard von Plauen" heißt er. Ich weiß nicht, wie es kam; er wurde mir mit jedem Tage lieber und theurer und endlich mußte ich einsehen, daß er einzig und allein nur es sein konnte, mit dem ich glücklich würde. Lieber Max, vergib mir, verzeihe mir! Ich weiß, welche Sünde ich an Dir begangen, aber ich kann nicht anders und cs ist doch wohl besser, ich sage Dir alles jetzt im Voraus, als daß ich Dich täuschte und Dir ein Herz zu Eigen gäbe, das einem Anderen gehört." Der Professor warf den Brief zu Boden. Das war eine Romanphrase, die sie irgendwo gelesen hatte, das kam ihr nicht von Herzen, das war, das war- Plötzlich fuhr er sich mit beiden Händen nach dem Kopfe. Hatte Feodora ihm nicht gesagt, wie innig sie bedauerte, daß Max ihren letzten Brief nicht erhalten habe, in dem sie ihm mitgetheilt. daß sie nach schwerer Mühe endlich alle Hinderniffe überwunden und daß sie nun auf ewig die Seine werden würde? — O, diese Lügnerin, diese Heuchlerin Ü Der Professor stürzte auf das Sofa und vergrub sein brennendes Gesicht in die Kissen desselben. Da faßte es ihn wieder mit rasender Wuth. Er mußte weiter lesen, was diese Schlange noch mehr zu zischen vermochte; er mußte den Kelch des Leidens austrinken bis auf die Neige und wenn es sein Tod gewesen wäre. Er suchte nach dem Briefe; er fand ihn nicht im ersten Augenblicke, er hatte ihn in'seiner ungeheuren Wuth weit von sich geschleudert; dort, ja dort in der Ecke lag er. „Ich habe mich mit dem Grafen verlobt." — „Verlobt?!" Südländer erinnerte sich jetzt, wie plötzlich der Graf verschwand; was war damals geschehen? Er las weiter. „Ich habe mich mit dem Grafen verlobt, obgleich er ein Nichtjude ist; Du magst daraus ersehen , wie sehr ich ihn liebe; denn da es ja selbstverständlich ganz unmöglich ist, daß Graf Plauen zum Judenthume Übertritt, bin ich entschlossen, mich taufen zu lassen und wenn ich auch darüber das Leben meiner Eltern mit aufs Spiel setzen sollte; ich kann nicht anders, ich liebe ihn zu sehr!" Südländer schrie auf, als ob ihn ein Geschoß getroffen. Und dennoch las er weiter. „Es ist übrigens auch besser, lieber Max, daß wir Beide nicht ein Paar werden. Ich weiß wie sehr Du an den veralteten Gesetzen und Traditionen des Judenthums hängst; ich aber bin aufgeklärt über diese Dinge, ich verlache, ich verspotte sie. Längst schon, ehe ich den Grafen kennen lernte, war ich im Herzen keine Jüdin mehr, ja ich kann Dir sogar sagen, daß ich mit Absicht alle die lächerlichen Gebote des Judenthums verletze, wo ich nur kann, daß es mir Vergnügen macht, mich über alle diese Thorhetten hinweg zu setzen. Vielleicht wird die Kenntnisnahme dieser Thatsachen Dich trösten; Du siehst daraus wie gut ich Dir noch bin, denn ich schreibe Dir dies alles nur um Deinen Schmerz über meinen Verlust zu verringern, ich vertraue Dir an, was ich noch keinem Menschen gesagt, selbst meinen Eltern nicht. Ewig werde ich Dir ein liebevolles Angedenken bewahren: denke auch Du manchmal an Deine Feodora."

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