Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 23 (19.3.1894)
- Date
- 1894-03-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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416 Menschenhilfe ab und ganz allein auf Gott, ausschließlich auf Gott hinrichtet, i^ 3'v' n i n 'wi töh n i n 'D’nnic''«i n 'idi "pVö' mn 'o i^v)' sm" (Hirsch's Pentateuch- Commentar V. B. M., VIII, V. 10). In jener schweren Zeit war Rabbi Akiba der tröstende, aufrichtende Retter feines Volkes. Der ganze Volkskörper war von schmerzlichen Zuckungen erregt, und vermochte nirgends Trost und Ruhe zu finden. Alle schienen aufgelöst in wilder Verzweiflung, aber smi a*rv wa'py sm, Rabbi Akiba hatte seine Ruhe bewahrt, hatte sie wiedergefunden in seiner beispiellosen Hingebung an die Thora, für welche er später das Leben aushauchte. Ein junges Volk saß in dumpfer Resignation und stummer Lethargie zu den Füßen des Meisters, aber die betäubenden Schrecken der Zeit hatten das Ohr verschloffen und das Gefühl abgestumpft, für das Leben der Gegenwart und für jede Hoffnung auf die Zukunft. Wie weckt Rabbi Akiba die Schläfer? Wenn ihnen die schmerzliche Erfahrung, die sie so theuer bezahlt, jede Hoffnung auf eine einstige Wtederer-- hebung zu zerstören droht, wenn ihnen das Bewußtsein ihrer Ohnmacht den Blick umflort und sie mit bleierner Schwere noch tiefer zu Boden zieht, dann weist Rabbi Akiba auf die Merksteine der jüdischen Geschichte hin, erinnert die entmuthigten Schwachen, dem ewigen Todes-Schlafe sich verfallen Wähnenden, daß es Frauen, schwache Frauen sind, deren sich Gotteswaltung bedient, wenn erst die Stunde für Israels Erhebung geschlagen. Mit Sara's Mutterschaft des israelitischen Volkes hat das selbst für blöde Menschenaugen sichtbare Wunderwalten Gottes in Israels Geschichte begonnen und mit dem Esther-Wunder hat es seinen vorläufigen Abschluß erreicht, so weit es sich um offenkundige, selbst von Menschen als Wunder Gottes erkannte Veranstaltungen handelte, bi -inox D’Djr,. Was hat Esther gewürdigt, die Königin von 127 Ländern zu werden und so den Mordstahl von dem Haupte ihres Volkes abzuwenden? Waren es materielle Mittel, über die sie verfügte? Waren es mächtige Heere, kühne Helden, waren es politische oder diplomatische Maßregeln, denen sie diese ungewöhnlichen Erfolge verdankte? Nichts von alledem, ja, das Gegcntheil von alledem. Daß Esther die würdige Enkelin Saras war, daß sie keinen Schritt that, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, daß sie alle Schritte that, um diese Aufmerksamkeit von sich abzulenken, daß sie der Ehre aus dem Wege ging, das war der Grund, warum die Ehre sie aufsuchte und aus einem hilflosen Waisenktnde eine mächtige Königin machte. Beihar und sein vermeintlicher Messias konnten fallen und mit ihnen die jüdischen Heere; angesichts dieser Ideale der jüdischen Geschichte, die em Rabbi Akiba belebt, verliert die Ohnmacht ihre Schrecken, löst sich die Verzweiflung in heitere, unbeugsame Zuversicht auf. Von dieser weckenden, spornenden, das bitterste Weh des Lebens, in troftvollste Heiterkeit verklärenden Lehrfähigkeit Rabbi Akibas sind uns viele Züge erhalten. Rabbi Gamliel, Rabbi Elieser ben Asarjah, Rabbi Jehoschuah und Rabbi Akiba waren auf der Reffe. Noch in weiter Entfernung von Rom vernehmen sie das Rauschen des dort sich entfaltenden weltstädtischen Lebens. Sie weinen, Rabbi Akiba lacht. „Warum lachst Du?" „Warum weint Ihr?" „Diese Heiden, die sich vor Bildern niederwerfen und Götzen Weihrauch streuen, leben in sorgloser Sicherheit, und wir, deren Gottes-Stätte im Feuer verbrannt darniederliegt, wir sollen nicht weinen?!" „Deshalb gerade", antwortete Rabbi Akiba, „freue ich mich. Wenn Gott so mit den Uebertretern seines Willens verfährt, was haben dann erst die Ersüller desselben zu erwarten!" Ein anderesmal sahen sie auf dem Tempelberg aus den Ruinen des Allerhellrgsten einen Fuchs kommen und weinten, weil an der Stätte, deren Betreten sonst mit dem Tode geahndet wurde, jetzt Füchse Hausen. Rabbi Akiba aber ble bt heiter, weil die wörtliche Erfüllung des von den Propheten verheißenen Ungemachs ihm auch für die Verwirkltchung der prophetischen Heilesbotschaften bürgt und tröstet so in ihrem Seelenschmerz die trauernden Freunde. (Talmud Makkoth Ende). In diesem Sinne hat Rabbi Akiba die Zeitgenossen aus der Ltthargie geweckt, in welche sie durch materielle Schwäche und vollendete Hoffnungslosigkeit gesunken waren. Und wir? I Was hätten wir in unseren Tagen angesichts des Tcübm und Herben, das sie uns in immer steigendem Maaße bringen, nicht nur aus unserer Geschichte zu lernen, sondern auch mehr vielleicht aus der Art und Weise wie sie unsere großen Weisen aufgefatzt und verwerthet haben! — Was wäre doch in der Rathlosigkeit unserer Zeit uns schon geholfen, wenn nur das Verlangen in uns rege würde, einmal bet unfern weisen Anvordern anzufragen, wie sie der Misöre des Lebens entgegen getreten sind, wenn sie dieselben Erscheinungen zu Tage förderte, die uns gegenüber stehen! Und wie weit sind wir von jeder wahren Hilfe entfernt, wenn dies fast Niemanden auch nur einfällt, wenn dasjenige,. was geschieht, naturgemäß 1