Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 22 (15.3.1894)
- Date
- 1894-03-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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396 schwergeprüften Manne unsere Thecknahme auszusprechen. — Daß ^in Werk Lombrosos immer anregend, geistvoll interessant und lehrreich ist, bedarf wohl kaum der besonderen Erwähnung. Der berühmte Turiner Psychiater, dessen wahrhaft universeller Geist alles mitbringt, was die moderne Wissenschaft an Methoden und Errungenschaften zur Erforschung der merkwürdigen geistigen Epidemie des Antisemitismus aufzubielen vermag, vernichtet in streng exacter, der Anthropologie, Völker-Psycholoqie, Culturgeschichte und Psychiatrie entnommener Kritik alle Argumente aller Spielarten des Antisemitismus. Umfassende anthropometrische. zumal kraniometrische Untersuchungen, deren Ausdehnung auf semitische Schädel aus den Katacomben und von Vorder-Asten auch dem Anthropologen von Fach überraschende neue Thatsachen bringen dürfte, vernichten für immer die angeblichen Grundlagen des „Raffen-Antisemitismus". Noch vernichtender fällt die psychologische Analyse der Antisemiten, ihrer Motive und ihrer Mittel aus, auch hier führt nicht hohle Rhetorik oder sentimentaler Phtlosemitismus das Wort, sondern kühle unparteiische Untersuchungen, die den Antisemitismus begutachtet, wie der Gerichtsarzt andere Fälle geistiger Epidemieen zu begutachten pflegt. Eine warmherzige, weitblickende Darstellung der Entwicklung des Judenthums bildet den Schluß des Werkes, das ein vermeintlich erschöpftes Problem in vollkommen neuer Beleuchtung zeigt. Was wir an dem Werke zu tadeln haben, ist der bedauernswerthe Umstand, daß Lombroso seine Forschungen wohl fast ausschließlich bet neologen Juden angestellt hat. Der orthodoxe Jude ist ihm wie ein Wesen aus der Fabel, das er sich nicht absurd genug vorstellen kann; und an diesen Stellen trifft das sonst vortreffliche Werk geradezu der Fluch der Lächerlichkeit. Nachdem er über „die Lederriemen, mit denen man Arm und Kopf umwindet" in eine Weise abgeurtheilt, die deutlich zeigt, daß er von Bedeutung und Gebrauch derselben auch nicht die blässeste Idee hat, fährt er fort: „Der streng orthodoxe Jude — glücklicherweise kömmt er nur noch in wenigen Exemplaren vor — trägt, in seinem Gebetumhang geknüpft etwas noch seltsameres, die Reste leibhaftiger gafppa, wie die Peruaner ihre Knotenschrift nannten, einer der ideographischen Schrift, wie sie in Bilder- und Hieroglyphenmaleret auftritt, lange vorausgehenden, auch bei anderen primitiven Völkern nachweisbareu Mtttheilungsart; dazu paßt es. daß bei der Beschnetdung Mittel in Anwendung kommen, wie unsere Urahnen sie zur Zeit des Höhlenbären brauchten — Stemmkffer und Zähne." Dergleichen Lächerlichkeiten zu widerlegen wäre lächerlich; ein deutscher Gelehrter, auch wenn er lange nicht die Bedeutung Lombrosos hätte, würde sich niemals so unsagbar blamirt haben. Die Uebersetzung des Buches von Dr. S. K u r e l l a ist ganz vortrefflich geschrieben. Jedem, der sich mit Antisemitismus oder Judenthum befaßt, wird dieses Werk mit seinen dielen statistischen Tabellen unentbehrlich sein; hoffentlich hat bei der Zusammenstellung derselben Lombroso exakter gearbeitet, als bei seiner Beobachtung der seltenen Spccies eines orthodoxen Juden. Zeitungsnachrichten und Correspondeuzen Deutschland. Berlin, 11. März. Aus dem Wahlkreise Mescritz Bomst wird mitgetheilt, daß der eine der Kandidaten, der freikonservative Landesoirckror v. Dziembowski auf eine Anregung, er möchte einer dortigen antisemitischen Versammlung beiwohnen, um dort den Antisemiten entgegenzutreten, geantwortet hat, er könne sich dazu nicht entschließen. Er fügte hinzu: „Ich erlaube mir aber, zu erklärt, daß ich der antisemitischen Bewegung von Ursprung an stets fern geblieben bin und daß ich auch heute noch auf demselben Standpunkte mich befinde. Deshalb würde ich für die Aufhebung der reichsgesetzlich verbürgten Gleichstellung der Juden mit den anderen Konfessionen, falls diese im Reichstage in Frage kommen und ich dem letzteren angehören sollte, nicht stimmen. Ich müßte in der betreffenden Aufhebung einen Rückschritt in unserem gelammten sozialen Leben erblicken, für den einzutreten ich nicht im Stande wäre. Tief würde ich es bedauern müssen, wenn durch agitatorisches Eingreifen antisemitischer Elemente in unserem Wahlkreise der konfessionelle Frieden, der bis jetzt geherrscht hat, eine Störung erfahren sollte, deren Tragweite nicht zu übersehen ist." Breslau, 11. März. (Die Juden und das Vaterunser.) In der Reichstagssitzung vom 2. März wurde von mehreren Abgeordneten das Verhältnis der Juden zum Vaterunser erörtert. Nach dem nunmehr vorliegenden stenographischen Bericht sagte der Abgeordnete Bebel: „Ein rechter Soldat soll nur derjenige sein, der sein Vaterunser zu beten im stände ist. Danach müßten also fernerhin von vornherein Juden, die kein Vaterunser haben, ausgeschlossen sein." — Der Abgeordnete Graf v. Roon bemerkte hierzu: „daß auch ihrer wieder die Anmaßung hervortritt, daß auf die Juden besondere Rücksicht genommen werden soll, daß nicht mehr