Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 22 (15.3.1894)
- Date
- 1894-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ü WWWPWWW» sw*w XXXV. Jahrgang. Erste Beilage zu M 22 des „Israelit“. Leitender Artikel. Warco Wortara. IV. Eine rastlose Thätigkeit entwickelte Mortara für die Wiederherstellung einer Lehranstalt zur Ausbildung von Rabbinern für die jüdischen Gemeinden Italiens. Was in der Schule zu Livorno geleistet wurde, konnte ihn nicht befriedigen, zumal dort der Rabbiner Elia Benamozegh, sein Antagonist, gegen dessen kabbalistisch gefärbte Religionsanschauungen er oft seine kritischen Pfeile richtete, lehrte. Es gelang ihm, den Baron Treves Bonfils in Padua für den Plan eines Rabbiner-Seminars zu gewinnen. Derselbe gab eine bedeutende Summe dazu her, worauf auch aus mehreren Gemeinden Beiträge hierzu flössen, so daß die Anstalt i. I. 1887 in Rom eröffnet werden konnte, mit drei Zöglingen, für die zwei Lehrer berufen wurden. Ohne klassische Vorbildung traten diese Zöglinge ein; ihr in der Talmud-Thora bis dahin erlangter Bildungsgrad für die jüdischen Fächer befähigte sie, für das Talmudische durch das Lernen aus dem ■p-ian und leichteren Stücken eines Talmud-Trac- :ats, für die d*jh durch den Vortrag aus dem npmn t des Rambam, für die Exegese durch das Lesen der Commentare Luzzato's und für die Geschichte wie auch Literatur durch die Lektüre des hebräischen Werkes von Hirsch Weiß, betitelt in TBnrr nn, weiter geführt zu werden. Was mit diesen Zöglingen erreicht wurde, ergibt sich aus dem Resultate, das sie jetzt als Chasan und Religionslehrer in Rom fungiren. Mortara fand auch hierin seine Hoffnungen getäuscht; wo ein Rabbinatssitz vacant wurde, mußte er warnehmen, wie man in den Gemeinden durch die Wiederbesetzung mit ganz mittelmäßigen Kräften die Rabbtnatswürde zum Sinken brachte. Hier konnte und kann noch in der Gegenwart nur durch die Berufung geeigneter Kräfte aus anderen Ländern Abhilfe geschehen. Mortara besaß aber den Nationalstolz eines echten Italieners, der es nicht zugeben mochte, einen Fremden als Rabbiner zuzulaffen. Als daher vor einigen Jahren die Gemeinde zu Florenz, die so eben geschilderte Nothwendigkeit richtig erkennend, den Dr. Margulis aus Deutschland auf den erledigten Rabbinatssitz berief, da war es Mortara, der im Stillen versuchte, in der Gemeindeverwaltung zu Livorno und bei den Rabbinen daselbst einen Protest gegen das Beispiel, welches die Gemeinde zu Florenz gegeben hatte, anzuregen, der aber in Livorno zurückgewiesen wurde. Interessant ist es, wie Mortara gegen die Zulassung eines Rabbiners aus Deutschland eiferte und seine Gründe dagegen geltend machte. Er betonte, daß die Rabbiner in Deutschland Dottori seien, d. h. Gelehrte, aber kein Rabbiner; ferner daß sie der Schule Frankels angehören, welche die rechtmäßige Tradition leugne, daß sie in der Schriftauslegung an Wellhausen sich heranbilden u. m. a. In dieser Weise fährt er fort, 15 Gründe aufznstellen, welche zu dem erwähnten Proteste veranlassen sollten. Mortara hat wahrscheinlich die segensreiche Erfolge aus der Wirksamkeit des Dr. Margulis für die Religionsgemetnde zu Florenz und ihre Institutionen, wie für den Jngendunterricht nicht mehr ihres Werthes würdigen können. Denn in den letzten Jahren fast des Augenlichtes beraubt, war der lebendige Antheil an der jüdischen Oeffentltchkett bet ihm nur noch in geringem Maße vorhanden. Mortara hätte, wenn er eine positive Richtung von vorne herein eingeschlagen, den Verfall des Judenthums in Italien wohl nicht aufhalten können — denn hierzu haben verschiedene innere und äußere Gründe mitgewirkt —, er würde ihm aber gewisse Grenzen gesteckt haben. Seine klassische Bildung, sein reiches Wissen auf verschiedenen Gebieten der Literatur, seine gediegene Darstellungsweise, unterstützt von seiner imposanten äußeren Erscheinung, würden für die Forterhaltung des jüdischen Lebens und der religiösen Erkenntniß von ganz wunderbarer Wirkung gewesen sein. Als echter Italiener leicht erregbar, hätte sein Temparement den Eifer, wo er zu gebrauchen war, in Segen umgewandelt. — Wenn er in seiner letztwilligen Verordnung untersagt hat, über ihn eine Lobrede zu halten, so ist es sicher in seinem Sinne, daß in diesen Artikeln ganz der Wahrheit gemäß gezeigt wurde, was Marco Mortara war — und was er hätte sein können. Literarischer Bericht. Der Antisemitismus und die Juden im Lichte den modernen Wissenschaft von Professor C. Lombroso G. S. Wigand, Leipzig. Gleichzeitig mit der betrübenden Nachricht, daß der berühmte Forscher und Judenfreund Caesare Lombroso seinen hoffnungsvollen Sohn verloren hat, gelangte dieses neueste Werk des edlen Italieners in unsere Hände. Wir benützen diese Gelegenheit dem