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Der Israelit · 1894-03-15 · Heft 22 (15.3.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 22 (15.3.1894)
Date
1894-03-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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393 „Sie wünschen?" entgegnete Helene, die ihr Schluchzen noch nicht zu unterdrücken vermochte. „Schonen Sie sich, überanstrengen Sie sich nicht." — Helene hatte in diesem Augenblicke weder Fassung noch Selbstbeherrschung. „Was liegt Ihnen daran", stieß sie hervor. Der Profeffor schwieg einen Moment betroffen. In seinem Innern dämmerte es auf. Er begann zu fühlen, was dieses Mädchen für ihn empfi-iden mochte. „Was mir daran liegt", entgegnete er mit leiser, vtbrirender Stimme, „ich habe allerdings kein Recht, Ihnen irgend welche Vorschriften zu machen und ich habe Ihnen noch keine Veranlassung gegeben, daß Sie so gütig gegen mich wären, eine von mir gestellte Bitte zu erfüllen. Aber sehen Sie, Helene, die vielen Stunden, die wir hier gemeinsam an dem Bette Ihres Onkels verbracht, haben sie uns nicht einander genähert? Können Sie sich nicht denken, daß es mir nicht gleichgiltig ist, wie Sie sich befinden? Können Sie"- Der Mann, der sonst so redegewandt war, vermochte in diesem Augenblicke nicht weiter zu sprechen. Längst schon hatte er innigste Sympathie für Helene empfunden und doch war er sich bewußt, daß diese Zuneigung ganz anderer Art war, als die, die er für Feodora fühlte. Helene schätzte und verehrte er; zu Helene sah er empor, wie zu einem höheren Wesen — Feodora aber liebte er. Diese Gedanken hemmten den Fluß seiner Rede. „Helene", hob er wieder an, „wir werden ja in Kurzem so nah mit einander verwandt werden; ich werde in Bälde Ihr Schwager sein. Helene wollen Sie mir eine liebe, treue Schwester werden?" Da vermochte sie nicht mehr an sich zu halten; ohne ihm eine Antwort zu geben, stürzte sie aus dem Zimmer, um den wilden Schmerz, der in ihr toste, in der Stille ihres Gemaches in Thränen sich auflösen zu lassen. Kopfschüttelnd schaute ihr der Professor nach; dann wandte er sich zu Onkel Daniel. „Was soll dies heißen?" fragte er mit gepreßter Stimme. Der Alte richtete sich ein wenig in seinem Bette empor. „Wenn Sie es nicht selber füylen, lieber Herr Südländer", sagte er, „ich kann es Ihnen nicht jagen und kein Mensch kann es." Lange schwiegen die Beiden; der Professor saß sinnend und grübelnd an dem Bette des Kranken und dieser störte mit keinem Laute die Gedanken desselben. Es war eine Krisis in dem Fühlen Südländers, doch noch keine, die ihm Genesung bringen sollte. Wenige Wochen später war Onkel Daniel gestorben; und als der Trauermonat vorüber war, da war nun der letzte Grund hinweg gefallen, den Feodora vorschützen konnte, um die Veröffentlichung ihrer Verlobung noch länger hinaus zu schieben. So wurde denn beschlossen, daß Südländer nach München reisen sollte, um dort alle seine Verhältnisse zu ordnen und die Bande zu lösen, die ihn an diese Stadt fesselten. Nach seiner Rückkunft sollte dann im Hause der Eltern die Verlobung des Paares gefeiert werden. Da der Professor durch seine Thätigkeit an keine bestimmte Stadt gefesselt war, so hatte er dem Wunsche Feodoras nachgegeben, künftighin seinen Wohnsitz in Frankfurt a. M. zu nehmen. Feodora hätte sich auch jetzt noch nicht dazu bewegen lassen diesem Entschlüsse beizusttmmen, wenn ihr nicht allerlei Gerüchte zu Ohren gekommen wären, daß Lilienthal wieder bedeutende Verluste an der Börse erlitten habe. Diesem Menschen steckte das Börsenspiel förmlich im Blute. Smtt sich über seinen ungeheuren Besitz zu freuen und nun das gewagte Spiel vollständig aufzuaeben, statt dessen versuchte er nun Millionen auf Millionen zu häufen und ließ sich auf immer neue, immer gewagtere Spekulationen ein. Das Börsenspiel gehörte zu seinem Leben, wie das tägliche Brod. Und^Feodora überlegte in ihrem praktischen Sinn, daß es leicht dahin kommen könnte, daß Lilienthal alles'wieder verlieren würde, was er ergattert hatte; es war immerhin ein sicheres und sorgloseres Dasein, wenn sie die Frau des wohlhabenden Professors wurde. Sie konnte oftmals Nachts nicht schlafen; sie stand wie jenes bekannte Thier in der alten Fabel, zwischen zwei Dingen, die sie beide gerne mochte und die sie doch nicht alle Beide haben konnte. Ob es ihr wohl so ergehen würde, wie jenem TKtere in der Fabel, das in Folge des Uebermaßes, das ihm geboten wird, vor Hunger zu Grunde / gehen muß? Sie wollte abwarten, abwarten. Und so willigte sie denn gerne ein, daß der Professor nach München fuhr. Darüber mußte ja immerhin einige Zeit vergehen und sie hatte noch Muse, sich die Sache nochmals zu überlegen und erst dann ihre Entscheidung zu treffen. Sie ahnte ja nicht, welche Entdeckung der Professor in München machen würde.

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