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Der Israelit · 1894-03-15 · Heft 22 (15.3.1894) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 22 (15.3.1894)
Date
1894-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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WWWW WM»W WtT 380 \ jv M tt'§ Stelle. Als nun der König Esther zu Ehren ein großes Gastmahl veranstaltete, aus Freude über den Besitz einer solchen Königin einen Steuererlaß beschloß und in königlicher Weise Geschenke vertheilte, als somit keine königliche Repressalie mehr zu befürchten war, selbst dann sagte Esther nicht ihre Familie und ihr Volk. Das mächtigste Mittel, welches es möglich machte, daß Esther's Herkunft verborgen blieb, ist — nach einer Bemerkung unserer Weisen — wohl in ihrer eigenen Persönlichkeit zu suchen. Zu den Worten: „Esther fand Gunst in den Augen Aller, die sie sahen," merken sie an: „Jeder Nation erschien Esther so, als gehöre sie ihr an." (Talmud Megillah, fol. 13 a.) Nur vorübergehend sei hier auf die Feinheit dieses Zugs hingewiesen, der uns das zur Königin von 127 Ländern erhobene jüdische Mädchen mit den Vertretern jedes einzelnen Landes in einem Verkehr zeigt, der die vollendete Repräsentationsgabe und die vollkommene Hoffähigkeit in einer Weise bekundet, um die eine Königin von Geburt Esther hätte beneiden dürfen. Wenn die griechische Sage ihren gefeierten Dichter verherrlichen will, läßt sie nach seinem Tode sieben Städte um die Ehre seiner Geburt streiten. Wie wird diese Verherrlichung aber von derjenigen überstrahlt, den ein Wettstreit von 127 Ländern um eine Königin bedeutet, die von jedem einzelnen Lande für sich reklamirt wird! Diese Rivalität ermöglichte es, daß Esther's wirkliche Abstammung ein Geheimniß blieb. Da Esther Gunst fand in den Augen Aller, die sie sahen, so hätten die Fürsten und Oberen der 127 Länder alle gleichzeitig versammelt sein dürfen, es wäre Niemand auf die richtige Abstammung verfallen. Man hätte die bloße Annahme, Esther gehöre jenem 128. Volke an, „dem Volke ohne Land", wie es Haman schilderte (Talmud Megillah ibiä. i.t'J’d Nwno W’n "jdnh «dpi 'i3i nu’-ro *>aa ^n), das deßhalb als das letzte in der Reihe der Völker zählte — und zählt —, diese bloße Möglichkeit hätte man als lächerliches Hirngespinst, wenn nicht als hochverrätherisches hingenommen. Die vom König gefeierte, von allen Völkern verehrte Königin eine Jüdin?! Nein, das wäre unmöglich, unerträglich gewesen. Am allerwenigsten wäre wohl Achaschwerosch der Gedanke gekommen, daß die Erwählte seines Herzens, der er den vollen ebenbürtigen Antheil an der Regierung, die Mitregentenschaft — rvo^ön »an — aus freien Stücken anbot, ein Sprößling des Volkes sei, das ihm sein Kanzler als Ausbund aller Verworfenheit und Staatsgefährlichkeit geschildert hatte. Als daher Esther Tausenden reicher, berühmter Jungfrauen fürstlicher Abstammung vorgezogett und zwar nicht auf Grund ihrer körperlichen Reize, sondern wegen der Seltenheit ihrer Vorzüge, der Anmuth ihrer Rede, der Vollendung ihres Characters, durch die Höhe ihres Geistes und die Tiefe ihres Gemüths, sowie der Vielseitigkeit ihres Wissens, welche den König selbst über das Dunkel sich hinwegsetzen ließ, in welches ihre Herkunft gehüllt war, weil er sich sagen mußte, die Eltern, die Erzieher, die Familie und das Volk, welche eine Esther geboren und erzogen, deren sittlicher Adel, deren geistige Größe bedarf keiner anderen Legittmirung; als Esther sich plötzlich als Jüdin bekannte, war mit diesem bloßen Bekenntniß das ganze Lügengewebe zerrissen, welches Haman gesponnen hatte. Das Volk, für das eine Esther ihr Leben wagt, das Volk, an welchem das Herz einer Esther mit so innigen Banden treuer Liebe und Anhänglichkeit geknüpft ist, daß sie ausruft: t&neq ^bji awpaa »oyi, das Volk kann so schlecht nicht sein, wie es seine Verleumder gerne haben möchten. Esther hatte bei dem Geheimniß ihrer Abstammung, bei der Höhe ihrer Stellung, bei ihrem Einfluß auf das Herz ihres königlichen Gemahls ja niemals für ihre Person etwas zu fürchten gehabt, wenn auch die geplante Vernichtung zur Ausführung gelangt wäre. Wenn sie mit der Bitte um Erhaltung ihres Volkes die Bitte um ihr eigenes Leben verbindet, so will diese Verbindung sagen: Wenn auch ihre hohe Stellung sie schützt vor dem Verhängntß, das ihrem Volke bevorsteht, so hätte dennoch der Untergang ihres Volkes mittelbar den ihrigen zur Folge, weitste ihn nicht überleben kann, wie sie dieses sofort mit den Worten begründet: (Esther VIII. 6.) ivx ny-Q »rrooi inir« rp:rx »a 'oy nN Dankbar hat daher die Ueberlieferung der Retterin ihres Volkes den Kranz höchster Verherrlichung gewunden und die leuchtendsten Farben gewählt, um ihr Bild in ewiger Frische der Nachwelt zu erhalten. Sie greift das glühende Morgenroth aus ihrer Palette und vergleicht Esther mit dem heraufdämmernden Morgenroth (Talmud, Joma fol. 29 a), mit dem am hohen Firmament strahlenden Gestirn (Megillah 13. a), mit der Myrthe, die ihr das Symbol aller Braven, Wackeren ist, die im tiefsten Strudel nicht den Boden unter den Füßen verlieren, (ibiä.), sie feiert sie als die Wiederaufrtchterin des Hauses Israel (Midrasch Mischle nma n'm ncan nnoN ii nrva), die Gott selber mit einem Strahl seiner Anmuth begnadete (Megillah, ibiä.), so daß sie mit dem Reiz der Jugend die Erfahrung des Alters verband, (ibiä. n^ina dj?b cryt^ erpa aa nos Dyü r6iya , oya oyo). Aber die höchste Ehre spricht

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