Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-03-12 · Heft 21 (12.3.1894) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 21 (12.3.1894)
Date
1894-03-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448432--38139-2486236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Badler und beklagte in ergreifender Weise den Verlust des großen Lehrers, den er den bedeutendsten Männern gleichstellte. Herr Klausrabbiner Paradies sprach ebenfalls tiefrührende Abschiedsworte. In der Synagoge hielt der erste Vorsteher Herr Vogelsdorff einen ergreifenden nvon, in welchem er den Verlust, den namentlich unsere Gemeinde sowie das gesammte gesetzestreue Judenthum durch den Hintritt eines solchen erlitten, schilderte. Am Grabe schilderte Herr Rabbiner Broh aus Obornik das Charakterbild dieses bedeutenden Mannes und sein großartiges Wirken. Zuletzt nahm der Repräsentant Herr Grabowski im Namen der Gemeinde herzlichen Abschied von unserem Freund und Lehrer. Sämmtliche Redner lehnten ihre Gedanken und Auseinandersetzungen an die Worte der heiligen Schrift, des Talmuds und der Midraschim an. pns rvrv D^y -o^. V. Saarbrücken, 28. Febr. Wegen Beleidigung durch die Presse hatte sich in der heutigen Sitzung des Schöffengerichts der Redakteur des hier erscheinenden antisemitischen Hetzorgans „Westdeutsches Volksblatt", Strafanstaltsdirektor a. D. Rtttner, zu verantworten. Drei Fälle wurden ihm zur Last gelegt; in einem erhielt er 30 Mark Geldstrafe ev. 3 Tage Haft; im dritten, einem Schmähartikel gegen einen hochgeachteten Kaufmann in Saargemünd, der sich als reine Erfindung herausstellte, 50 Mark Geldstrafe ev. 10 Tage Gefängniß. Die Beleidigten sind, was wohl kaum bemerkt zu werden braucht, Israeliten, zu 1 und 2 ebenfalls durchaus achtbare Persönlichkeiten. In blindem Judenhaß leistet das „Westd. Volksbl." Hervorragendes. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Lemberg, 16. Februar. Die Fabel von der „jüdischen Geheimlehre", mit welcher während der letzten Wochen mehrere deutsche Parlamente sich beschäftigten, hat auch im galizischen Landtage ihren redseligen Verfechter gefunden: der Abgeordnete Merunowtcz, der einzige „reine" Antisemit in unserem Landtage benutzte die Debatte über das galtztsche Volksschulwesen zu abgeschmackten Deklamationen über die „Staatsgesährlichkeit der jüdischen Religtonsvorschrtften", um schließlich folgende zwei an sich harmlose Resolutionen einzubringen: „1. Die Regierung aufzufordern, den israelitischen Religionsunterricht im Wege eines Gesetzes in den öffentlichen Schulen zu regeln; 2. der Landesschulrath sei anzuweisen, in seinen jährlichen Berichten über da- Volksschulwesen die Verhältnisse, betreffend den jüdischen Religionsunterricht zu beleuchten und statistische Daten in Bezug auf die Consession der schulbesuchenden Jugend zu veröffentlichen." In kurzen Worten antwortete Abg. Dr. Fruchtmann, daß er gegen diese Resolutionen nichts einzuwenden^hätte, wenn sie nicht in einer gehässigen Weise motivirt worden wären. Die Behauptungen Merunowicz's seien unzähligemal als Absurditäten auch in diesem Hause widerlegt worden, ohne daß derselbe hiervon Notiz nehmen wollte. Herr Merunowicz werde sich schließlich daran gewöhnen müssen, daß man ihn nicht mehr ernst nimmt. Abg. Dr. Goldmann wies mit großer Schlagfertigkett die ganz unerwartet bet dieser Gelegenheit vorgebrachten Beschuldigungen zurück. Die Angaben M.'s, daß die Juden 613 „Vorschriften und Verbote" haben, sei wahr, aber darüber hätten sich doch — wenn überhaupt — nur die Juden zu beklagen, denen diese große Anzahl von Vorschriften Beschränkungen auferlegt. Es sei unbequem, Jude zu sein, aber Merunowicz ist ja, Gott sei Dank, kein Jude; welche Unbequemlichkeiten können also ihm aus dem Umstande erwachsen, daß die Juden 613 Gebote und Verbote besitzen. Was die „Verwerflichkeit" des Talmuds betrifft, so müsse Redner constattren, daß er selbst bis zum 15. Lebensjahre den Talmud studirt, und daß ihn die Grundsätze, die er aus der Talmudschule davongetragen, nicht nur nicht zum Hasse gegen seine andersgläubigen Mitbürger aufreizte, sondern daß sie ihn vielmehr gelehrt haben, seine Mitbürger und die ihnen heilige Sache zu lieben und zu ehren, obwohl er ein echtes Mitglied seiner Glaubensgenossenschaft sei. „Ich bin ein guter Bürger und ein guter Jude", so schloß Redner, „beides haben mich die Grundsätze meiner Religion gelehrt." Gleich energisch wies der Referent des Unterrichts-Ausschusses Graf Adalbert Dzieduszyckt die Angriffe Merunowicz's zurück und empfahl deren Ablehnung. Unter großer Spannung des Hauses wurde hierauf zur Abstimmung geschritten. Der Landmarschall Fürst Sanguszko, welcher gewöhnlich mittelst Erheben der Hände abstimmen läßt, forderte diesmal diejenigen Abgeordneten, welche die Anträge Merunowicz's unterstützen wollen, zum Erheben von den Sitzen auf. Das Haus war sehr zahlreich besucht, aber mit Ausnahme des Antragstellers erhob sich — trotz wiederholter Anfrage des Landmarschalls — kein einziger Abgeordneter von seinem Platze: die Resolutionen wurden einstimmig abgelehnt. Der Landtag hat durch diese seine Abstimmung energisch Protest dagegen erhoben, daß der Antisemitismus in seine Mitte hineingetragen wird. Hervorgehoben zu werden verdient, daß die bäuerlichen Abgeordneten, sowohl die polnischen, als die ruthenischen, die doch sonst als judenfetndlich gelten, an der Abstimmung theilgenommen haben. Mit einem Worte, es war eine bewußte und in ihrer Einhelligkeit doppelt bedeutsame Kundgebung des Landtages gegen den von Merunowicz verschämt propagirten Antisemitismus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.