Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 20 (8.3.1894)
- Date
- 1894-03-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV, Jahrgang. Erste Beilage M M 20 des „Israelit". Leitender Artikel. Z>ie neueste und gtänzendste Kstrenrellung des Schächtens. Mainz, 4. März. Unsere heilige Sprache hat für Wort und That einen und denselben Ausdruck — 121 — und legt damit den Gedanken nahe, daß es Worte gibt, die den Werth und die Bedeutung einer That haben. Es ist das im schlechten und im guten Sinne wahr. Wie das gottläfternde Wort die Bedeutung einer verübten Frevel thathat — nvyo ’n itid# — so ist das im Dienste der Wahrheit gesprochene Wort eine vollwichtige That, die schon zahllose Male die Zwingburgen der Lüge zum Falle gebracht hat. Eine solche That ist das Wort, welches Herr Hofrath Dr. Dembo aus St. Petersburg über das Schächten in einer soeben erschienenen Schrift niedergelegt hat, welche den Titel führt: „Das Schächten im Vergleich mit anderen Schlachtmethoden, vom Standpunkte der Humanität und Hygiene." Leipzig. Slawische Buchhandlung. Ueber den Gegenstand dieser Schrift existirt bereits eine ganze Literatur. Das Thema ist von den Vertheidigern und Gegnern des Schächtens bereits so vielfach und so vielseitig behandelt worden, daß es unmöglich schien, dem Gegenstand neue Gesichtspunkte abzugewinnen. Daß es dieser Schrift dennoch gelungen ist, trotz der vielen Gutachten, die über das Schächten bereits extstiren, ganz neue Seiten desselben zu zeigen, ergibt sich aus der seltenen Hingebung, mit welcher der Verfasser sich seit einer Reihe von Jahren dem Gegenstand ausschließlich gewidmet hat. Die Koryphäen der Physiologie und der Veterinärkunde haben, als die Frage an sie herantrat, dieselbe geprüft und sie auf Grund ihres reichen Wissens und eigener Beobachtung beantwortet. Da sie aber nicht das Spezialstudium irgend eines der zahlreichen Gelehrten bildet, welche sich bis jetzt damit befaßt haben, so kommt es trotzdem vor, daß sogar die Gutachten der bedeutendsten Physiologen, wenn sie auch im Wesentlichen übereinstimmen, dennoch hin und wieder eine Lücke aufweisen, welche nur durch sorgfältiges praktisches Studium im Schlachthause zu vermeiden gewesen wäre. Die Veterinärärzte und Schlachthaus-Direktoren dagegen sind, wie der Verfasser zutreffend bemerkt, einerseits so sehr von ihren Pflichten in Anspruch genommen, daß es ihnen nicht möglich ist, stundenlang die Begleiterscheinungen der einen oder anderen Schlachtmethode zu beobachten, andererseits fehlt manchen von ihnen auch die erforderliche Vorbildung in der Physiologie, um diese Erscheinungen richtig beurtheilen zu können. Daß weder die Physiologie, noch die Thierarzneikunde die Schlachtfrage speciell behandelt, erklärt der Verfaffer i» folgender Weise: „Die Aufgabe der Physiologie besteht darin, die Lebenserscheinungen in einem durchaus gesunden Organismus zu erforschen und zu erklären; die Pathologie beschäftigt sich mit den krankhaften Veränderungen desselben: von dem Momente ab, wo der tödtliche Schlag gegen den Kopf des ThiereS geführt, oder ihm die HalSgefätze durchschnitten werden, kann sich die Physiologie mit diesem Organismus selbstverständlich nicht mehr beschäftigen, während auch die Pathologie kein Jntereffe daran hat, es zu thun, da ja nach wenigen Minuten der Tod eintreten muß. Bet oberflächlicher Beurtheiluug erscheint es in der That überflüssig, Zeit und Mühe und materielle Mittel zu vergeuden, um die Lebenserscheinungen eines Organismus zu studieren, der nach 2—5 Minuten ohnehin nur noch eine leblose Fleischmaffe darstellen wird. Nur so konnte es geschehen, daß sogar hervorragende Autoritäten der Thierarzneikunde nicht mit völliger Sicherheit anzugeben vermochten, welche Theile des Gehirns beim Nackenstiche verletzt wurden. Obgleich ich, so schließt der Verfaffer seine einleitenden Bemerkungen, drei Jahre lang diese Frage sowohl in den verschiedensten Schlachthäusern, als auch im Laboratorium speciell studiert und erforscht, obgleich ich vier Monate hindurch in Gemeinschaft mit den Mitgliedern der vom St. Petersburger russischen Central-Thierschutzverein ernannten „Kommission zur Auffindung der besten Schlachtmethode" die Frage allseitig erörtert, obgleich ich 4000 Schlachtfälle beobachtet habe, hat mir doch jeder erneute Besuch des Schlachthauses noch immer eine neue Seite der Frage offenbart. Ueber ein so reiches Versuchs-Material hat wohl noch Niemand verfügt, der sich über diese Frage geäußert hat. Zieht man zu dieser reichen Erfahrung noch den Scharfsinn und die wissenschaftliche Bedeutung des Autors, so begreift sich die Fülle überraschender Resultate, zu welchen die Ausführungen der vorliegenden Schrift gelangen. Wie sehr das Werk und sein Verfasser von der Elite der Wissenschaft anerkannt und geschätzt wird, geht schon aus der Widmung des Buches üervor, die an Prof. Du Bots-Reymond gerichtet ist. Voraus geht der Schrift ein Brief von Prof. Preyer, der es verdient, im Wortlaut hier zu folgen: An Herrn Hofrath Dr. Dembo z. Z. in Berlin. Sehr geehrter Herr! Mit lebhaftem Jntereffe habe ich von Ihrer Schrift, deren Druckbogen Sie mir zugesandt haben, Kenntniß genommen und freue mich bezüglich der Schlachtfrage mit Ihnen in der Hauptsache vollkommen übereinzustimmen. Wie ich in einem Gutachten über die beste Schlachtmethode auf Grund von vergleichenden Beobachtungen und Experimenten im Laboratorium und Schlachthaus erklärte, ist das von den Israeliten mit bemerkenswerthem Erfolge