Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 20 (8.3.1894)
- Date
- 1894-03-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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357 ausführen sollten, damit niemand etwa eine gewaltsame Mache vermuthete; denn das hätte den späteren Aufschwung der Kurse sehr gestört. Es mußte alles durchaus natürlich erscheinen. Seine Absicht gelang ihm. Die Börse verhielt sich neutral und schien nicht zu wissen, auf welche Seite sie sich neigen solle. Da kam von einer auswärtigen Börse die Nachricht, daß große Einkäufe in allen Werthen gemacht würden, eine zweite ähnliche Nachricht von einer anderen Börse folgte bald und nun wurden auch die Käufe im Siale immer häufiger. Einer der Makler lief schon umher und schrie mit lauter, weithin tönender Stimme, daß er alle Werthe zu jedem Kurse nehme. Immer eifriger und hitziger wurden die Einkäufe. Das fiel auf. das erregte Aufsehen. — Es müsse irgend eine geheime, noch unbekannte Ursache dieses so plötzlich sich erhebenden Verkehrs vorhanden sein. Man stand gespannt, man wartete und erwartete. Jeder war unruhig und heuchelte Ruhe, die Baissiers wie auch die Haussiers, die sich noch nicht recht hervorwagten. Da ging es plötzlich wie ein Zittern, ein wachsendes Wogen durch die Menge, ohne daß jemand den Grund dieser Bewegung wußte und ohne daß noch die Spekulation sich in dieser unerklärlichen, plötzlichen Umkehr zurechtzufinden wußte; manche flüsterten sich leise eine politische Nachricht zu. Man glaubte — und glaubte nicht. Es konnten Gerüchte fein, die mit Absicht von Spekulanten ausgesprengt wurden. Wer weiß es?! Die Nerven der Börsenspekulanten bebten; keiner hatte einen klaren Blick, keiner wußte, wie in dieser Noth zu handeln sei, ein Schritt so oder so konnte hohes Glück oder jähen Absturz bedeuten. Ein Nichtbörsianer kann sich solch ein Hängen zwischen Himmel und Hölle nicht vorstellen; man muß selbst so in schwebender Pein gehangen haben, um zu begreifen, wie da der Pulsschlag fliegt, das Herz zittert, die Augen schwimmen, die Kniee schlottern. Stark engagiert! Nicht allein das Vermögen, auch das Leben, die Ehre, das Leben von Frau und Kindern, die ganze physische und moralische Existenz liegt in dem Hauche, in dem Stimmungshauche, der nun über das Börsenvolk dahinweht. §3 Lilienthal fand noch Zeit neue Kaufaufträge an die Makler auszutheilen, die er bisher noch nicht beschäftigt hatte. Die Kurse stiegen und stiegen immer höher. Da plötzlich um 1 Uhr und 5 Minuten erscholl es, wie ein mächtiger Donnerschlag mitten in dem großen Gewühle und Sinne betäubendem Geschrei der Börsenleute. Die Nachricht, die in der Frühe an den russischen Consul kam. wurde plötzlich bekannt. Auswärtige Telegramme meldeten sie; Private hatten sie schon durch wohlbezahlte Büreaus und Spione erfahren. In geradezu rasenden Sprüngen begannen die Kurse zu steigen, immer höher und höher — aus der Baisse war plötzlich eine gewaltige Lausse geworden. Da gab es einen unaussprechlichen Lärm, ein wildes, verwegenes Handgemenge, eine jener wahnsinnigen Schlachten, in der jeder seine letzten Kräfte anstrengt, um auch noch an dem großen Stege theilzunehmen, oder um wenigstens noch eine gänzliche Niederlage zu verhindern und seine Haut zu retten. Wirr, betäubt, geblendet wankten die Leute umher und wurden umhergestoßen, ohne ein klares Bewußtsein der Dinge zu haben. Wer von der Gallerte herab auf dieses furchtbare Treiben niedergesehen hätte, ohne zu wiffen, wo er sei, der hätte meinen müssen, in ein Tollhaus gerathen zu sein. Alles nur Leidenschaft, Furcht, Wuth, Angst, Verzweiflung, Raserei, Wahnsinn und Alles toll und wirr durcheinander, umhergewirbelt wie die Kalktheilchen im Siedekeffel in dem Augenblicke, bevor die Dampfkraft jäh ihre Ketten zerreißt. Das schienen keine Menschen mehr zu sein; zu Dämonen waren sie geworden durch die schier wahnsinnige Nervenüberreizung. Lilienthal selbst war vollständig betäubt; er war seiner Sinne nicht mächtig; nur das eine wußte er nun, daß sein langgehegter Traum in Erfüllung gegangen war, daß er viele, viele Millionen nun sein Eigen nennen konnte, daß er von nun ab der König der Börse heißen werde und daß ihm jetzt sicherlich Berkheim die Hand seiner Tochter nicht mehr verweigern durfte. Sonst aber hörte und fühlte er Nichts; er war betäubt, wie die Andern. Die Glocke schlug wieder, die Börsenzeit war zu Ende, der Saal mußte geräumt werden, die Trunkenen stürzten auf die Straße, die meisten ziellos, zwecklos. Einer rannte wie rasend und wieder Einem schienen die Beine den Dienst zu versagen. Dieser eilte in sein Comptoir, um seine Bilanz zu machen, um zuzusehen, ob noch Rettung möglich, Jener rannte in gestrecktem Laufe zu einem Verwandten, damit dieser fein Vermögen opfere, um ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren und ein Dritter endlich ging ganz langsam, langsam; ihm eilte es nicht so sehr, scheu blickte er noch einmal um sichln dieser Welt. Der schwere EntschlußM gefaßt. —