Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 20 (8.3.1894)
- Date
- 1894-03-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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356 er tödtete auch ihn. Ein kleines Mädchen, das während der ganzen gräßlichen Mordscene ruhig in seinem Bette lag und Alles mit ansah, erzählte am anderen Tage der Polizei, was sie gesehen. Der Mörder wurde bald ergriffen. Warschau. Daß ein hoher Functionär der Kirche eine Verordnung erläßt, in welcher er öffentlich gegen die Juden sich erklärt, das bildet sogar in Rußland eine Seltenheit. Eine solche Verordnung hat der Metropolit von Warschau kürzlich erlassen. In der Warschauer Eparchie haben die Juden seit jeher Kirchen-, Kloster- und andere für religiöse Zwecke bestimmte Bauten ausgeführt. Juden waren stets als Unternehmer oder Arbeiter bet diesen Bauten thättg. Keiner von all den rusischen Metropoliten, die bis jetzt in Warschau waren, hat jemals Anstand genommen, Juden zu derlei Arbeiten in ihrer Dtöcese zuzulassen. Daß Juden als Unternehmer oder Arbeiter bet derartigen Bauten die vollste Zufriedenheit der obersten kirchlichen Behörde erworben haben, erhellt aus der Thatsache, daß der frühere Metropolit von Warschau, Leontij, vielen jüdischen Unternehmern seinen Dank für ihre Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit ausgesprochen hatte. Nunmehr aber hat der gegenwärtige Metropolit des Weichselgebietes verfügt, Juden zu keinerlei Unternehmungen von Kirchen- und Klosterbauten zuzulassen. Diese in den amtlichen Blättern des Weichselgebietes verlautbarte Verfügung hat denn auch nicht verfehlt, den Judenhaß zu stärken, denn viele rechtgläubige Russen, die bis jetzt den Antisemitismus nicht cultivirt haben, erblicken in dieser Verordnung eine Verurtheilung der Juden als Relgionsgenossenschaft von Seite des Hauptes der Orthodoxen in der Eparchie. Was den Metropoliten von Warschau zu dieser intoleranten Verfügung veranlaßt haben, mochte, darüber verlautet hier nichts; daß aber die kürzlich eingeweihte Synaogoze in Petersburg, der jüdische Tempel in Charkow und viele jüdische Bethäuser im Innern des Reiches von Orthodoxen erbaut worden sind, ohne daß irgend ein Rabbiner daran Anstoß genommen hätte — dies ist eine bekannte Thatsache." (Fr. Bl.) > vermischtes. München, 6. März. Die Mittheilung von dem Dahinscheiden des Herrn Dr. Perles, das Sonntag Morgen nach Zweimonatlichem schweren Leiden des Heimgegangenen erfolgte, hat Ihnen, wie ich aus der heutigen Ausgabe des „Israelit" ersehe, der Telegraph bereits gemeldet. Heute Vormittag 11 Uhr wurde in der Synagoge Trauergottesdienst abgehalten, bei welchem Herr Dr. Groß, Augsburg die Trauerrede hielt, des Verblichenen Herzensgüte, Pflichttreue und Liebe zur Familie hervorhebend. Im gleichen Sinne sprachen bei der heute Nachmittag 3 Uhr stattgehabten Beerdigung der gegenwärtige Vertreter des sel. Dr. Perles, Herr Dr. Mayer, ferner die Herren Dr. Groß, der 1. Vorstand der hiesigen Cultusgemeinde Herr Müller, Herr Dr. Cohn, Jchenhausen, Herr Dr. Frank, Köln und Herr Dr. Ehrentreu hier; ferner noch im Namen verschiedener Vereine, deren Vorstand der Entschlafene war, namentlich der „All. Jsr. Univ.", Herr R. A. Ofner und Namens der Schüler Herr R. A. Oppenheimer. Es waren noch verschiedene zur Beerdigung hier anwesende Rabbiner zu Reden vorgemerkt, die aber wegen vorgerückter Zeit nicht mehr sprechen konnten. Zu beiden Feierlichkeiten hatte sich eine überaus große Anzahl Leidtragender eingefunden, und waren u. A. anwesend, der 1. Herr Bürgermeister, Magiftratsräthe und Gemeindebevollmächtigte, Herr Polizeidirektor u. a. disting. Persönlichkeiten. Mit Herrn Dr. Perles, der zwar der Reform huldigte, dem gesetzestreueu Judenthume aber die Daseinsberechtigung nicht streitig machte, ist eine bedeutende Koryphäe auf dem Gebiete der Wissenschaft entschlafen. Petersburg. (Der Meridian von Jerusalem). In Rußland weilt gegenwärtig der Delegirte der Bologner Akademie der Wissenschaften Tondini de Kwarenp i, um in den leitenden Kreisen für den Vorschlag der genannten Akademie Propaganda zu machen, den Meridian von Jerusalem als ersten oder Anfangs-Meridian anzunehmen. Die russische Presse tritt warm für diesen Vorschlag ein. Der Meridian von Jerusalem geht fast mitten durch Rußland und theilt im Süden das Schwarze Meer, im Norden den Onega-See in 2 fast gleiche Theile. Moskau würde dann nur 2*/., östlicher Lange, Petersburg nur 5 Grad westlicher Länge haben und der Zeitunterschied zwischen Jerusalem und Petersburg nur 20 Minuten betragen. Mit Annahme des Meridians von Jerusalem würden für Rußland alle Längebestimmungen demnach in sehr kleinen Ziffern ausgedruckt werden können. Dieser Meridian, der auf der anderen Halbkugel im Stillen Ocean liege, würde auch für die Seeleute, welche Kontinental-Meridiane wenig lieben, sehr bequem sein. Wenn Rußland den Meridian von Jerusalem annähme, so würde sich zunächst unzweifelhaft Frankreich, das auf dem Washingtoner Geographen-Kongreß (durch Verwerfung des Pariser Meridians» verletzt worden, sofort anschließen und der Jerusalemer Meridian hätte dann Aussicht, die andern allmählich zu verdrängen. Czerrrowitz. Der Kaiser hat den Vorstand der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, Herrn Naftali Tittinger, zum Mitgliede des Landesschulrathes der Bukowina auf die Dauer der nächsten sechsjährigen Periode allergnädigst ernannt. Mähr Weihkirchen. Bei der am 23. Februar stattgefundenen Bürgermeisterwahl wurde Herr Salomon Schlesinger zum Bürgermeister, Herr A. B. Adler zum ersten Gememderath, Herr Moses Vogel zum zweiten Gemeinderath gewählt. Szatorallya Ujhcly, 1. März. by ton Gestern ist der Rabbinats-Affessor der hiesigen orthodoxen Cultusgemeinde, Moses Seidenfeld, im Alter von 58 Jahren gestorben. Derselbe war ein yuyi rjy und ein großer min?yx der sein größtes Vergnügen im Thorastudium suchte und auch fand. rTDSJJn Feuilleton. Im Mahne des Glücks. (20. Fortsetzung.) Lilienthal hatte seine Leute genau instruirt, daß sie nicht zu schnell und plötzlich seine Ordres