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Der Israelit · 1894-03-05 · Heft 19 (5.3.1894) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 19 (5.3.1894)
Date
1894-03-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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339 jedes Schulkind weiß, daß er einer der edelsten, größten und verdienstvollsten Menschen war, die Deutschland hervorgebracht; ein Mann, der während des großen Freiheitskrieges 1812/13 die preußische Politik leitete und den ruhmvollen Frieden im Namen des Königs Unterzeichnete; sogar ein solcher Mann war, wie Sie von diesem — Herrn gehört haben, von Juden bestochen, weil er der Wahrheit und Pflicht gemäß auch die Opferwilligkeit der jüdischen Freiwilligen anerkannte. Das verdient vor ganz Deutschland niedriger gehängt zu werden. Wenn der Deutsche zu wählen hat zwischen einem Hardenberg und Ihnen, Hr. Vorsitzender, ich fürchte, das Urtheil würde Ihnen kein angenehmes werden. Schämen Sie sich! (Stürmischer Beifall!)" Mangel an Muth wird man dem jüdischen Redner vor einer so starken Versammlung handfester antisemitischer Männer jedenfalls nicht vorwerfen können. Daß die Stimmung der Zuhörer in Folge seiner Schlagfertigkett urplötzlich zu seinen Gunsten umschlug, konnte er nicht voraussehen. Eppingen, im Februar. Schon öfters ist in diesem Blatte und sonst von orthodoxer Seite darauf hingewiesen worden, wie unter der Consistorialverfaffung mit ihrem Schematismus das freie Entwickelungsvermögen des Judenthums, jene lebendige Kraft, die es durch die Jahrtausende erhielt, erstarren und versteinern muß. Eine Probe davon im Folgenden: Seit vielen Jahren besteht in unserer Gemeinde, Dank der Conntvenz des Synagogenraths und unseres Herrn Lehrers, der traurige Zustand, daß ein Mann, der am Samstag sein Fleisch aushackt, als Baal Tephilo am Jom Kippur fnngirt. Auf die Beschwerde eines Gemeindemitgliedes, des Herrn Seligmann E t t l i n g e r wurde zwar dem Betr. seitens des Bezirksrabbiners sowohl, wie seitens des Oberraths für die Zukunft die Vornahme religiöser Funktionen untersagt; trotzdem betete derselbe aber vor. Jahr wiederum Kol Ntdre u. a. Gebete vorig. Eine erneute Eingabe an den Oberrath blieb unerledigt und so wandte sich denn Herr E. beschwerdeführend an das Großh. Ministerium der Kultus u. s. w. Darauf ist ihm nunmehr folgender Bescheid zugegangen, der uns zu den Eingangsworten Anlaß gab: Großherzoglicher Oberrath der Israeliten. Karlsruhe, den 29. Januar 1894. Nr. 15. Beschwerde des S. Ettlinger Abr. Sohn in Eppingen betr. Herrn Seligmann Ettlinger, Abraham Sohn in Eppingen wird auf die an Gr. Mini rerium der Justiz, des Kultus und Unterrichts gerichtete, mit Erlaß vom 7. d. M. Nr. 371 zur Erledigung hierher abgegebene Beschwerde vom 5. d. M. eröffnet, daß wir nur dann gegen das aushilfsweise Vorbeten der in Ihrer Eingabe genannten Person einzuschreiten veranlaßt wären, wenn diese gottesdienstlichen Verrichtungen bei einem erheblichen Theile der dortigen Gemeinde Aergerniß erregen würden, was bis dahin nicht nachgewtesen ist. Der Ministerialkommiffär: gez. Becherer. Willstätter. — So korrekt nun dieser Bescheid auch vom Standpunkte einer Verwaltungsbehörde aus sein mag, so wenig entspricht er dem Sinne und Geiste eines jüdischen Oberraths. Für diesen sollte, nach unserer unmaßgeblichen Meinung, doch wohl der Din. die Vorschrift des Schulchan- Aruch maßgebend sein. Dieser aber erachtet jemand, der öffentlich den Samstag entweiht, ohne Weiteres für unfähig zum Vorbeten, unbekümmert darum, ob die Gemeinde an den Qualitäten des Betr. Anstoß nimmt, oder nicht. Drängt sich da nicht die Frage auf, wozu unter diesen Umständen ein geistliches Mitglied im Oberrath sitzt V Obwohl der Bescheid, wenn nur ein Ministerialkommiffär zu befinden, der von Fall zu Fall sich bei den Rabbinern Raths erholte, nicht anders ausgefallen wäre? — Uebrigens sei noch auf eins hingewiesen: Laut Verordnungsblatt des Großh. Oberraths ist Herr Willstätter durch Entschließung vom 10. Januar d. I. in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Wie kommt es nun, daß er obigen Bescheid unter dem 29. Januar als Sekretär zeichnet? Erkläre mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur! Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wie«, 1. März. Aus Graz wird gemeldet, daß in Folge einer Beschwerde der israelitischen Kultusgemeinde der Statthalter den Beschluß des Gemeinderathes, welcher das Schächten verbot, sistirt habe. Rußland. Aus Petersburg wird geschrieben: Der neue russische Justizminister, Geheimrath Nckolai Murawjew, scheint die ganze Politik seines Vorgängers, des Staatsrath es Manassetn über Bord werfen zu wollen. Schon gleich bei seinem Amtsantritte hat Murawjew offen erklärt, er werde alle Mittel anwenden, um Recht und Gerechtigkeit zum Grundprinzip des Justizwesens in Rußland zu machen. Sein erster Schritt in dieser Hinsicht galt den hier vielfach angefeindeten Geschworenengerichten. In einem dem Czar kürzlich unterbreiteten Memorandum sprach sich Murawjew für die Aufrechthaltung der Geschwornengerichte aus. Nunmehr soll der neue russische Justizminister entschloffen sein, auch den russischen Juden gegenüber Gerechtigkeit zu üben. Wie hier nämlich positiv verlautet, hat Geheimrath Murawjew eine Gesetzvorlage ausgearbeitet, welche die bekannten Beschränkungen der Rechte der jüdischen Advokaten aufheben soll. In der Gesetzvorlage wird ausgeführt, daß die Verord-

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