Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 18 (1.3.1894)
- Date
- 1894-03-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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7«ffMWWWMMW?WWWWW 320 von dem Elend, welches in den südwestlichen Provinzen infolge des stetigen Zurückdrängens der Israeliten aus dem Osten und Centrum nach dem Territorium herrscht. .... In einem Lande, welchem der ökonomische Fortschritt am Herzen liegt, ist das jüdische Element nicht zu verachten. Die Einschränkungsmaßregeln sind eine zweischneidige Waffe. Man braucht sich nur von den Vorgängen in irgend einer Stadt des Territoriums zu überzeugen, um davon durchdrungen zu sein. Nehmen wir z. B. Wilna; in dieser Stadt sind die Straßen überfüllt mit Juden, die am Morgen nicht wissen, woher sie etwas zu essen hernehmen sollen, und des Abends, wo sie die Nacht zubringen sollen. Wie sollen die Neuankommenden Widerstand leisten, kämpfen, wenn die seit lange in der Stadt angesammelten Handwerker keine Arbeit finden, wenn die Kaufleute nicht ihre Kosten decken, wenn die Erwerbsquellen auf lange Zeit verstecht sind. Der Jude in Wilna ist ein lebendiger Todter, desten Anblick entsetzenerregend ist. In Sedletz sind 700 Juden ohne Arbeit, ohne Existenzmittel. Es ist unmöglich, die verzweifelte Lage dieser armen Leute zu beschreiben. In Werouchef werden täglich auf der Straße Juden aufgelesen, die vor Hunger oder Kälte sterben. Und dies ist die Lage der Tinge in allen Städten und Flecken des Territoriums. Es ist bekannt, daß der Mehr- oder Minderfleischverbrauch ein sicheres Anzeichen für die Entwickelung und das Elend eines Landes bildet. Nun wird konstatirt, daß im Territorium der Fleischverbrauch sehr wesentlich abnimmt. Die „Kiewlanine" vom 9./21. Jan. schreibt darüber Folgendes: Von allen Seiten unserer Provinzen werden Klagen laut über Viehzucht. Die Lage der Dinge ist wirklich eine sehr üble; das lebende Vieh hat einen lächerlichen Preis erreicht und die Züchter behaupten, daß die schlechten Preise daher rühren, weil die Juden niemals so wenig Fleisch verbraucht haben wie jetzt. In allen südwestlichen Städten und Flecken hat der Verbrauch an koscherem Fleisch bedeutend abgenommen, nnd die Züchter finden keine Käufer. In vielen Städten nehmen die Bewerber der Koschertaxe, die stets die bedeutendsten Käufer waren, nur noch kleine Quantitäten ab, und in vielen Ortschaften haben sie infolge der enormen schlechten Preise der Koschertare Eoncurs anmelden muffen. Um sich Rechenschaft zu geben über die unrechtmäßige Forderungen, die den Juden in Rußland auferlegt werden, muß man den Bericht über einen Prozeß lesen, der in Riga stattgefunden hat und der in Kiewlanine vom 19/31. Dez. wiedergegeben wurde: Herr Everts, Polizei-Direktor in Riga, ist vor Gericht geladen und verurtheilt worden wegen folgender Thatsachen: 1. Herr Everts hatte dem jüdischen Kaufmann Schneydes gedroht, ihn augenblicklich aus Riga ausweisen zu lassen, wenn er ihm nicht die Summe von 1200 Rubel zahle; Schneydes sah sich gezwungen, sich loszukaufen. 2. Achtzehn andere Juden waren in derselben Weise bedroht und ausgeplündert worden. 3. Everts pflegte nächtliche Haussuchungen bei den Bürgern vorzunehmen, namentlich bei den Juden, und Geldsummen von ihnen zu fordern; wer sich zu zahlen sträubte, wurde polizeilich festgenommen. Das Gericht hat gegen den unwürdigen Beamten ein strenges Urtheil gefällt. Feuilleton. Im Wahne des Glücks. (18. Fortsetzung.) „Ich habe Dich ja schon lieb gewonnen", flüsterte sie endlich, „als ich Dich zum ersten Male sah, aber mein Herz war noch erfüllt von dem Angedenken an unseren Freund." „Laß uns schweigen über ihn", sagte Südländer. Trotzdem er ja nun den letzten Willen des Freundes erfüllte, erschien es ihm in diesem Augenblicke wie eine Treulosigkeit gegen denselben. Schüchtern und mit gut gespielter mädchenhafter Scheu sah sie ihn nun an. „Wir werden so sehr, so sehr glücklich sein, — Adolf!" flüsterte sie. Wie schüchtern und lieblich tönte sein Vorname zum ersten Male von ihren Lippen. Sie reichten sich die Hände. „Und nun zu Mama, zu Helene" jubelte Feodora auf. — Es drängte sie, von ihrem Triumphe zu reden. Er blickte sie wie traumverloren an. „Bleibe bet mir!" flüsterte er mit heißem Athem. Aber schon war Feodora von seiner Seite; überall blickte sie umher nach ihrer Mutter und Helene, die noch vor Kurzem hinter ihnen gegangen waren. Jene aber waren fort; sie hatten offenbar gemerkt, was hier vorging und waren so taktvoll, sich zurückzuziehen. Mit welchen Gefühlen im Herzen dies Helene wohl gethan haben mochte! Glückstrahlend kehrte das junge Paar nun auf dem Wege zurück und sie fanden bald die beiden Anderen, die ganz in der Nähe waren. Aus den Augen des Professors strahlte das wahrhafte und große Glück der jungen Liebe, während die Augen Feodoras den Triumph ihres Erfolges wiederspiegelten. Frau Berkheim war sehr zufrieden über diese Wendung der Dinge. „Ich habe es ja immer gewußt, meine Feodora hat keine Sorgen um einen Mann", dachte sie bei sich; „an einem Tag geht ein Freier fort, und nach ein paar Tagen ist gleich wieder ein anderer da. „Professor Südländer! Gar nicht übel; recht berühmt, gelehrt und sogar fromm! Mehr kann man in der That nicht verlangen." Auch Helene vermochte es über sich, dem jungen Paare ihre Glückwünsche darzubringen. Von Schmerz und Leid zerknirscht und zerrissen war ihr Herz und doch mußte sie sich beherrschen, doch konnte sie nicht aufschreien vor Weh, wieIie es so gerne gemocht hätte.