Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 18 (1.3.1894)
- Date
- 1894-03-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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321 Nicht, daß sie ihre Schwester beneidete, um das hohe Glück, das ihr widerfahren und das sie selbst so gerne ihr Eigen genannt hätte! Wohl schmerzte sie dies, wie das natürlich und menschlich ist, sehr tief; was sie aber weit mehr betrübte, was ihr Herz erzucken ließ vor bangem Weh,, das war der Gedanke, wie unglücklich der edle, herrliche Mensch werden mußte an der Seite eines Weibes, wie es Feodora war. Sie fragte sich einen Augenblick, ob-sie nicht verpflichtet sei, ihm alles mitzutheilen, was früher vorgefallen war. Zwar würde man geahnt haben, was in ihrem Herzen vorging; man würde es als Neid und Mißgunst, als einen Racheakt der nicht erwiderten Liebe ausgelegt haben; doch das mochte man nur thun, was lag an ihr! Gerne hätte sie dies ausgeführt, wenn sie geglaubt hätte, dadurch sein Glück begründen zu können. Ach, wie gerne hätte sie sich für ihn geopfert. Doch sie war so vernünftig, sich sagen zu müssen, daß dies den geliebten Mann nur betrübte und ihm schweres Herzeleid zufügte, ohne den edlen Zweck, den sie im Auge hatte, zu erreichen. Würde er ihr geglaubt haben? Gewiß nicht! Die Liebe ist blind und auch taub für alles das, was im Stande wäre, ste zu verringern oder zu verkleinern. So beschloß denn Helene ihren Vater aufzusordern, daß er dem Professor die völlige Wahrheit mittheilen solle. Als die kleine Gesellschaft des Abends nach Frankfurt zurückkehrte, da war Berkheim fast mehr erschreckt als erfreut von der Nachricht, die er da erfuhr. Ja, wenn der Professor um Helene angehalten hätte, das wäre nach dem Sinne des Vaters gewesen. Dieses edle Mädchen hätte er dem Manne, den er verehrte, gegönnt. Aber Feodora?! Und doch vermochte er nicht nein zu sagen, wie hätte er seine Ablehnung vernünftig begründen können? Schon nach wenigen Minuten gelang es Helene ihren Vater allein zu sprechen und sie sagte ihm in einfachen, ernsten Worten, was sie sagen mußte. Der Bankier aber war tief traurig. „Ich darf nicht, mein Kind", entgegnete er ihr. „Damals in Mainz, als ich Feodora zurückholte, habeich ihr versprechen müssen, niemals einem Menschen irgend etwas von jenen Vorgängen mitzutheilen und auch, daß ich cs verhindern würde, daß es Andere thun. „Greife nicht, Min Kind, in diese Dinge ein. Es ist ja alles Bestimmung, und Gott, der Alles weiß und Alles nach seinem Willen lenkt, wird uns schon die richtigen Wege führen. Wenn es sein Wille ist, so werden die Beiden glücklich werden; Du aber, mein Kind, lasse diesen Dingen ihren Lauf." Helene mußte ihrem Vater recht geben, sah ste doch ein, daß es unmöglich war, irgend etwas an der Thatsache zu ändern. Man brauchte nur einen Blick auf das Gesicht des Professors zu werfen, um mit Bestimmtheit zu wissen, daß er nicht so leicht von dem Mädchen ablassen würde, für das sein Herz erglühte. Onkel Daniel hätte es wohl "Helene mittheilen können, doch der alte Maun war in den jüngsten Tagen erkrankt und jede Aufregung mußte von ihm fern gehalten werden. So lebte denn der Professor, ohne den wahren Charakter seiner Braut zu ahnen, in Wonne dahin, und war über alle Maßen selig in seinem Wahne des Glücks. 6. Kapitel. Lilienth a l. Es war beschlossen worden, daß die Verlobung Feodoras zunächst noch vollständig geheim gehalten würde. Der Bankier selbst hatte dies gewünscht, denn eine leise Ahnung sagte ihm, daß vielleicht der Professor, wenn er Feodora erst näher kennen gelernt habe, sie nicht mehr so sehr lieben würde, als es jetzt der Fall war. Der Bankier sagte sich, daß Südländer ein viel zu welterfahrener und vernünftiger Mann sei, als daß er sich auf die Dauer von den äußeren Reizen Feodoras fesseln lassen könnte. Doch da irrte er. Die Liebe ist nicht logisch, und wer über sie die vernünftigsten Ansichten hat, hat am ehesten Unrecht. Da Berkheim mit aller Energie sein Verlangen stellte, so mußte das junge Paar, wohl oder übel ihm gehorchen. Aber es war doch einer, der da bald etwas merkte, obgleich er noch keine Gewißheit hatte, und das war Lilienthal, der sich ja selbst um Feodora bewarb. Wenn eine Familienangelegenheit noch so sehr geheim gehalten wird, etwas sickert davon doch in die Oeffentlichkeit. Lilienthal hatte eine gewaltige Wuth darüber, daß es ihm bisher noch nicht geglückt war, dem jungen Mädchen näher zu kommen. Er liebte in der That das bildschöne Geschöpf; noch mehr aber war es ihm darum zu thun, der Schwiegersohn eines so angesehenen Bankiers zu werden, wie Berkheim dies war. Denn war Ltlienthal sehr reich, so fehlte ihm