Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 18 (1.3.1894)
- Date
- 1894-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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319 wird noch eine zweite Lesung der Statutenberathung erfolgen. Berlin, 22. Febr. Aus Birnbaum in der Provinz Posen wird geschrieben: 21 der angesehensten, allen politischen Parteien angehörende Bürger unserer Stadt veröffentlichen folgenden Aufruf „In neuerer Zeit sind in unserer Stadt und nächsten Umgebung Bestrebungen aufgetaucht, welche bedauerlicherweise geeignet sind, die friedlichen und guten Beziehungen, welche unsere Bürgerschaft bisher unter sich gepflegt hat, zu stören und an deren Stelle Haß und Zwietracht zu setzen. Der Antisemitismus, welcher leider auch hier sein Haupt erhebt, hat bereits seinen Ausdruck in mannigfachen Belästigungen unserer jüdischen Mitbürger gefunden; es ist sogar schon so weit gekommen, daß jüdische Frauen und Mädchen des Abends auf der Straße in gröblicher Weise tnsultirt worden sind. Wir wenden uns unter diesen Umständen an alle diejenigen christlichen Mitbürger, welche human und tolerant genug denken, um derartige Ausschreitungen und die Gesinnungen, aus welchen dieselben hervorgehen, zu mißbilligen, mit der dringenden Aufforderung, bei jeder sich darbietenden Gelegenheit dieser Mißbilligung klar und offen Ausdruck zu geben, um damit zu bekunden, daß der überwiegende Theil der hiesigen Einwohnerschaft den antisemitischen Bestrebungen, wie sie oben gekennzeichnet sind, fern steht und auch weiterhin Friede und Eintracht zwischen den Konfessionen ausrecht zu halten gewillt ist." Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Das Verdienst der jüngsten Action des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus ist es, anderen Gesellschaften und Corporationen ein nachahmenswertes Beispiel gegeben zu haben. So leitete auch eine größere Anzahl hervorragender Genossenschaften auf Anregung des Hand.lskammerrathes Ultz eine Action ein, um die Angriffe der Antisemiten gegen die. Abhaltung des Wiener Saatenmarktes zurückzuweisen und dessen Ausrechterhaltung zu.befürworten. Es wurdet beschlossen, eine Eingabe an den Ministerpräsidenten zu richten, und dieser Beschluß bereits ausgeführt. Auf dem Rubrum ist zu lesen: „Die innen ergebenst Unterzeichneten Vorsteher gewerblicher Genossenschaften und Obmänner gewerblicher Corporationen in Wien protesttren gegen die zum Schaden des Wiener Gewerbes seit längerer Zeit verübten sogenannten antisemitischen Verhetzungen, insbesondere gegen die im niederösterreichischen Landtage mißbräuchlich im Namen der Wiener verübten Jnsultirungen gegen Fremde, die Wien anläßlich der internationalen Saatenmärkte zu besuchen pflegen, und bitten in diesem Sinne um Aufrechthaltung des internationalen Saatenmarktes." Wie«, 21. Febr. Der niederösterreichtsche Landtag hat heute seine so leidenschaftlich bewegte Session geschloffen. Vor der Schließung der Session nahm der Landtag den Bericht seines Special-Aus. schusses über die von dem antisemitischen Abgeord. neten Gregorig gegen die Donau Regulirungs- Commission und ihre Organe erhobenen Beschuldigungen entgegen. Die Anträge des Ausschusses, welchen der Landtag vollinhaltlich beitrat, sind eine vernichtende Verurtheilung Gregorig's, und dieses Verdammungsurtheil wurde noch verschärft durch die Rede des Statthalters Grafen Kielmannsegg, welcher die Thätigkeit Gregorig's als gemeinschädlich, als die reine Brunnenvergiftung charakterisirte. Herr Gregorig hatte gegen die Anträge des Ausschusses kein Wort der Abwehr. Seine heutige Haltung war die Fortsetzung seiner bisher beobachteten Taktik. Als die Donau-Regulirung- Commisston ihn etnlud, ihr sein Beweismatertal mitzutheilen, erklärte er, nur der Landtag könne ihn zur Verantwortung ziehen, und als der Landtag heute über den Bericht seines Untersuchungs-Ausschusses verhandelte, lief Herr Gregortg einfach davon. Mit ihm entfernten sich seine Parteigenossen vor der Verhandlung, welche offenbar die Absicht hatten, den Landtag beschlußunfähig zu machen und auf diese Weise die Beschlußfassung, die einer Verurtheilung Gregorig's und der ganzen antisemitischen Kampfesart gleichkommt, zu vereiteln. Lemberg, 17. Febr. (Rabbtnerwahl.) Soeben wurde Herr Oberrabb. Jsak Schmelkes aus Przemysl einstimmig zum Oberrabbiner der Lemberger israelitischen Cultusgemeinde gewählt. Die Wahl wurde vorgenommen in einer Sitzung des durch gewählte Vertrauensmänner verstärkten Cultusrathes unter Vorsitz des Präsidenten S. Horowicz. — Die Wahl des berühmten Talmudisten hat in allen Kreisen der Lemberger israelitischen Cultusgemeinde große Befriedigung hervorgerufen Reichsrathsabgeordneter Dr. Bloch hat dem Vorstande der israelit. Cultusgemeinde, sowie dem gewählten Oberrabbiner telegraphisch die Glückwünsche ausgesprochen. Auch von vielen anderen Seiten sind dem neugewählten Oberrabbiner telegraphisch Gratulationen und Zeichen innigster Verehrung übermittelt worden. Möge seine Wirksamkeit vom Segen für das Judenthum begleitet sein. Rußland. Petersburg. Der „Kraj" giebt in einem Artikel, welchen er dem kaiserlichen Ukas vom 22. November (4. Dez.) 1893 über die Ausweisungen der Juden widmet, eine ergreifende Beschreibung