Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 17 (26.2.1894)
- Date
- 1894-02-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448428--38048-2486141- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
srs len und entfalten sie auch eine große Thätigkeit auf dem Gebiete der Industrie und des Verkehrs. So hat jetzt Herr Moise Josafat in Bolo eine keramische Fabrik daselbst mit den neuesten Maschinen errichtet, in der zahlreiche Personen angestellt sind. Rings um das Fabriksgebäude legte er einen herrlichen Park an, den er seinen Mitbürgern freiwillig zur Verfügung stellte. — Vom Antisemitismus ist es hier in der Hauptstadt seit dem traurigen Ereigniffe auf Korfu gänzlich stille geworden. Es gibt wohl noch Antisemiten hier, doch von einem gemeinsamen Auftreten derselben ist keine Spur vorhanden, da die Griechen, als Geschäftsleute par excellence, wohl wiffen, wie ein Land seinen Handel und seinen Wohlstand ruinieren kann, wenn es intolerant und glaubensfanatisch wird. Rußland. Im September 1891 fanden in Starodorrb Ruhestörungen statt. Das dortige Gericht hat vor kurzem sein Urtheil über 38 Personen gefällt, die während des Aufstandes sich an dem Besitz der Juden vergriffen hatten. Den Verurtheilten ist Zwangsarbeit zudiktirt worden, von 1—3'/., Jahren. Die Frauen bekamen 14 Monate Haft. Der Gerichtshof brachte die Untersuchungshaft seit 1891 nicht in Anrechnung. Der Woskhod vom 24. Dez. (5. Januar) citirt eine Stelle der Rede des Staatsanwaltes, die interessant genug ist, um sie wiederzugeben: Die Beschuldigten plünderten die Häuser und Läden der Juden, trotz Drohungen der Polizei und der Priester der russischen Kirche. Es darf nicht geduldet werden, daß in einem regulär constituirten und verwalteten Lande ein Theil der Bevölkerung sich auf den anderen werfe, um ihn zu plündern. Es ist unsinnig zu behaupten, daß die Opfer nur Juden seien; dies ist ein Vorwand. Darf man jemanden ungestraft plündern, weil er ein Jude ist? Nein! Die Juden sind Staatsbürger des Reiches; sie stehen unter dem Schutz der Gesetze, und das Gesetz gewährt ihnen denselben Schutz, wie den anderen Bewohnern des Reiches. Die Angeklagten verdienen weder Mitleid noch Nachsicht. Sie müffen ihre Misiethaten abbüßen, damit ihre Verurtheilung zu..* Beispiel diene. > Vermischtes. < Gräh (Bez. Posen), 13. Febuar. Heute feierte der Kaufmann S>mon Ehrlich mit seiner Ehefrau Minna geb. Danzinger im Kreise ihrer Kinder und Enkel das Fest der goldenen Hochzeit. Das Jubelpaar erfreut sich trotz seines vorgeschrittenen Alters einer seltenen Rüstigkeit. Gegen 12 Uhr erschien eine Deputation, bestehend aus dem Herrn Bürgermeister Beutsch, dem Vorstande und den Repräsentanten der Synagogengemeinde. Herr Bürgermeister Beutsch verlas ein Schreiben Sr. Majestät des Kaisers und überreichte dem Jubelpaare die goldene Ehemedaille. Herr Rabbiner Dr. Friedmann hielt hierauf eine ergreifende Festrepe. Möge es dem Jubelpaare vergönnt sein, sich noch recht lange einer rüstigen Gesundheit zu erfreuen. S. Feuilleton. Im Mahne des Glücks. (17. Fortsetzung.) DieVerlobung! Bon allen den Ereignissen, die im Hause des Bankiers Berkheim sich abgespielt, hatte Professor Südländer naturgemäß nichts erfahren. Die Sache war ja durch das energische Eingreifen des Vaters so schnell vorübergegangen, daß selbst alle diejenigen, die dem Hause nahe standen, auch nicht eine Andeutung der Dinge in Erfahrung gebracht hatten. Auch war an jenem Samstag Abend der Professor nicht bet Onkel Daniel gewesen, da der Bankier niemals die Gewohnheit hatte, an diesem Abend bet seinem Oheim zu studieren, denn er lag am Sabbatvormittage mehrere Stunden dem Studium der heiligen Gotteslehre ob, und wie dies bei allen Geschäftsleuten der Fall zu sein pflegt, mußte er die Samstag Abende dazu benutzen, die eingelaufene Correspondenz zu öffnen und die dringendsten und wichtigsten Geschäfte zu erledigen. Am Sabbat nämlich las Berkheim keinen der etngelaufenen Geschäftsbriefe, um durch nichts aus seiner Sabbatruhe gerissen zu werden. Am Sonntag in der Frühe, mit einem der ersten Züge, da es noch menschenftill in den Straßen war, langte der Bankier mit seiner Tochter schon wieder zu Hause an, und so war alles am Sonntag Vormittag im Hause bereits wieder in Ordnung und niemand konnte jetzt mehr etwas von den aufregenden Scenen bemerken, die sich vor Kurzem da abgespielt hatten. Am Sonntag Vormittag machte der Professor, wie gewöhnlich, einen Besuch in der Familie deS Bankiers, und er war entzückt wie liebenswürdig und entgegenkommend gerade heute Feodora ihm gegenüber war. Sie fragte ihn, warum er so selten zu ihnen komme, und weßhalb er denn, wenn er des Abends zu dem Onkel htnaufsttege, nicht auch ein halbes Stündchen Zeit für sie übrig hätte; so oft schon hätte sie sich darnach gesehnt, mit ihm in der stillen Dämmerungsstunde noch ein wenig zu plaudern. Daß der Professor von nun ab der Aufforderung pünktlichst nachkam, braucht wohl nichts besonders gesagt zu werden. Und nach einigen Tagen, als er wieder im Kreise der Familie des Bankiers war, da fragte ihn Feodora, ob er nicht am morgigen Nachmittage mit ihnen einen Ausflug in den herrlich gelegenen Taunus unternehmen wollte; das Wetter sei doch gar zu schön und einladend.