Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 17 (26.2.1894)
- Date
- 1894-02-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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297 Mit Freuden sagte Professor Südländer zu. Im Stillen hatte er sich gewundert, in den jüngsten Tagen niemals in diesem Hause mit dem Grafen zusammengetroffen zu sein, und nun fragte er, ob der Herr Graf auch an diesem Ausflug theilnehmen werde. „Nein", entgegnete Feodora, „er hat Frankfurt verlaffen und wird auch sicher nicht mehr so bald hierher zurückkehren können. Wichtige Familienverhältnisse haben ^ihn plötzlich in seine österreichische Hetmath abberufen. „Es that uns ja einerseits recht leid, daß der liebenswürdige Herr abreisen mußte, aber andererseits war ich auch fast froh darüber. Seine Unterhaltung war doch ein wenig zu schaal und leer, er vermochte es nicht zu vermeiden, daß er immer wieder dieselben Phrasen und Redensarten wiederholte." Mit einem schalkhaften Lächeln sah sie Südländer von der Seite an und sagte: „Ich, für meine Person, unterhalte mich weit lieber mit einem Gelehrten; ich glaube, das müssen Sie schon gemerkt haben, Herr Professor!" Wer war glücklicher als Südländer, sowohl durch diese Aeußerung, als auch vermöge des heimlichen Sinnes, den Feodora durch Ton nnd Gesten ihren Worten zu geben verstand. Er hatte immer das Gefühl gehabt, als ob der Graf wie ein Gespenst zwischen ihm und seinem erhofften Glücke stände, wie eine Wetterwolke, die sich irgendwann Verderben bringend entladen müßte. Und nun war er fort und würde voraussichtlich nicht wiederkehren. Jetzt fühlte der Professor schon eher den Muth in nächster Zeit einen entscheidenden Schritt zu wagen. Auch auf Fräulein Pinne war kurz zuvor die Rede gekommen und er hatte sich erstaunt, daß sie das Haus verlassen habe. Es wurde thm die Auskunft zu Theil, die Gesellschafterin sei an das Krankenlager einer Tante berufen worden, die ihr voraussichtlich ein kleines Vermögen hinterlassen würde; sie habe deßhalb nicht zaudern dürfen diesem Rufe zu folgen, und wenn die Tante, was Gott verhüte, sterben würde, so wäre Fräulein Pinne so gestellt, daß sie es nicht mehr nöthig hätte, einen Posten in einem fremden Hause zu bekleiden. Dies war dem Professor auch nicht wenig lieb zu hören, denn er konnte die gelbliche Gouvernante schon von dem Augenblick an, da er sie zum ersten Mal gesehen, nicht leiden; er hatte den Widerwillen gegen sie, den instinktiv ein guter Mensch einem schlechten gegenüber zu empfinden pflegt. So ging ihm denn alles nach Wunsch, er war herzlich froh.-Frau Berkheim und Helene beteiligten sich an dem Spaziergange. Anfangs hatte der Bankier nicht dulden wollen, daß seine jüngste Tochter schon wieder Vergnügungen nachginge. Er war vielmehr der Ansicht, daß für diese nun eine Zeit gekommen, die sie in ernster Reue und Buße über ihre Fehltritte verbringen müßte. Aber seine Frau hatte es vermocht, den Bankier zu überreden. Sie hatte geltend gemacht, Feodora sehe in der That angegriffen aus, in Folge der heftigen Aufregung, die sie durchgemacht habe, und bedürfe dringend der Erholung. Was hätte der Vater davon, wenn sein Kind ernstlich krank würde; war es nicht besser, dies zu vermeiden. Ein Ausflug sei ja eigentlich kein so besonderes Vergnügen, und daß Feodora jetzt nicht auf Bälle und in Gesellschaften gehe, damit stimme sie sebst überein. Vergleiche harmlose Vergnügungen aber müsse auch der strengste Vater gestatten. So hatte denn endlich Berkheim seine Zustimmung hierzu gegeben uud die vier Personen machten sich in heiterster Laune auf den Weg. Aber schon nach kurzer Zeit trübte sich die Stimmung Helenens außerordentlich; sie hatte sich gefreut, in Gesellschaft dieses Mannes, dessen Gelehrsamkeit sie nicht minder verehrte als seinen strengen und biederen Charakter, einen Nachmittag in angenehmem Geplauder zu verbringen. Sie wollte ihn über so vieles fragen, was sie in seinen Werken nicht ganz verstanden hatte; denn in den jüngsten Wochen war das kluge Mädchen bemüht gewesen in die wissenschaftlichen Abhandlungen einzudringen, die der Mann, den sie verehrte, verfaßt hatte und sic hatte bei diesem Studium ein hohes, geistiges Vergnügen empfunden. Jetzt aber mußte sie zu ihrem Schmerze bemerken, daß Südländer zeitweilig vollständig vergaß, daß auch sie anwesend war. Er hatte nur Augen und Ohren für Feodora und seine Blicke schienen sich förmlich fest zu saugen an den großen, tiefblauen Augen des schönen Mädchens. Als man nun im Walde ging, da zog sich Helene in schmerzlicher Resignation zurück; sie war so diskret, an der Seite ihrer Mutter in Entfernung von einigen Schritten dem jungen Paare zu folgen, daS schlickernd und lachend vor ihnen herging.- Viel und lange sprachen der Professor und Feodora über dieses und jenes. Endlich wagte es Südländer, zuerst verstohlen und ganz leise, das Gespräch auf das hinüber zu führen, was ihm so sehr am Herzen lag. „Mein Fräulein", sagt er, „ich habe bisher immer gezaudert von Max mit Ihnen zu sprechen, obgleich ich ja wußte, oder vielleicht gerade weil