Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 17 (26.2.1894)
- Date
- 1894-02-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Halberstadt, 21. Februar. Man kann es den Antisemiten niemals recht machen. Sie Wersen den Juden unausgesetzt mangelnden Patriotismus und Gleichgiltigkeit in politischen Angelegenheiten vor, hat jedoch einmal ein Jude Gelegenheit, sich in patriotischen oder politischen Angelegenheiten auszuzeichnen, dann bellt sogleich die ganze antisemitische Meute auf den Uebelthäter los. Einen solchen Fall haben wir hier erlebt. Bei Gelegenheit der Ernennung des Fürsten Bismarck zum Chef der Halberstädter Kürassiere fand hier eine große Huldigungsfeier statt, über die die „Halberstädter Zeitung" folgendes Referat brachte: H al be r st ad t. Zu einer herzerhebenden, patriotischen Kundgebung hat sich die Huldigungsfeier für den Fürsten Bismarck gestaltet, die der Verein ehemaliger Kameraden der Seydlitz-Kürassiere unter sehr reger Betheiligung seiner Mitglieder und der eingeladenen Gäste am Sonnabend in Verbindung mit der KönigSgeburtstagSfeier im festlich dekorierten „Elysium" beging. Nach einigen von dem Trompeterkorps vortrefflich gespielten Musikstücken sprach Herr Bülow den von unserem Jchenhäuser verfaßten Festprolog, der in zündenden Worten an die Bedeutung dieses hohen Tages erinnerte und mit einem Hochruf auf Se. Majestät endete, in den die Anwesenden begeistert einstimmten. Im zweiten Theil deS Programms wurden die Anwesenden durch einige hübsche humoristische Vorträge, die sehr beifällig ausgenommen wurden, überrascht. Inzwischen hatte sich das Ofstzierkorps unter Führung des Regiments-KommandeurS Herrn Grafen Klinkowström eingefunden, der weite Saal des Elysium war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das regste Interesse konzentrierte sich auf die Huldigungsfeier zu Ehren des neuernannten Regiments- Chefs, des Fürsten Bismarck, die nunmehr ihren Anfang nehmen sollte. Der Vorhang erhob sich und zeigte die Rednertribüne, die mit den preußischen Farben auSgeschlagen und aufs geschmackvollste dekorirt war. Auf drei hohen Postamenten erhoben sich die Büsten der drei deutschen Kaiser, während in gleicher Höhe mit der Brüstung deS Rednerpultes die Büste des Fürsten Bismarck Aufstellung gefunden hatte. Zu beiden Seiten stand je ein Kürassier im Küraß und kompletten Anzuge und präsentirte. Lautlose Stille herrschte, als nunmehr Herr Jchenhäuser das Podium betrat, um die der weihevollen Stimmung angepaßte Festrede zu halten. Eine solche andächtige Gemeinde hat das Elysium wohl noch selten gesehen und die Begeisterung, die die mit weithin schallender Stimme gesprochenen Worte des gefeierten Redners weckten, spottet jeder Beschreibung. Am Schluffe der meisterhaften Rede durchbrauste endloser Jubel den Saal und der Redner mußte sich wiederholt auf der Bühne zeigen, um für den stürmischen Beifall zu danken. Der Herr Kommandeur beeilte sich, Herrn Jchenhäuser mit wärmsten Worten den innigsten Dank und die aufrichtigste Anerkennung im Namen des Offizierkorps auszusprechen, indem er gleichzeitig bat, diese Festrede zu Papier zu bringen, damit er dieselbe Seiner Majestät und dem Fürsten Bismarck vorlegen könne. Da Herr Jchenhäuser dies zu thun versprochen hat, können wir uns heute versagen, den Inhalt der gedankenreichen und förmschönen Rede wiederzugeben; Herr Jchenhäuser wird— so hoffen wir — dem Drängen der Festtheilnehmer nachgeben und die Rede demnächst im Druck erscheinen lassen. Im Anschluß an die Festrede wurde das ebenfalls von unserm Jchenhäuser verfaßte Festlied gesungen, das einen nicht minder starken Beifall fand. Allen Anwesenden dürfte dieser weihevolle Abend eine bleibende schöne krrinerung sein. Die Lorbeeren des Herrn Jchenhäuser, der orthodoxer Jude ist, ließen aber die Antisemiten nicht schlafen und sie glosstrten deßhalb diesen Bericht der „Halberstädter Zeitung", die durchaus nicht in den Verdacht der „Judenknechtschaft" steht, mit folgenden bezeichnenden, geistreichen Auslastungen : So sehr uns diese Feier zu Ehren des neuen Chefs sympatisch berührt, müssen wir doch bedauern, daß auf diesem Feste ein Jude als Festredner aufgetreten ist, der nicht einmal gedient hat. Sollte eS in Halberstadt wirklich keinen deutschen und gedienten Mann geben, der imstande wäre, die Verdienste unseres RationalheroS zu feiern? Wir können es kaum glauben und auch die Mittheilung, daß Herr Jchenhäuser seitens des Kriegervereins mit dem VereinSabzeichen geschmückt wurde, ist nicht dazu angethan, uns eine ungetrübte Freude empfinden zu lassen. Hoffentlich genügt dieser Wink, um in Zukunft daS Lob deS ersten Deutschen auch aus deutschem Munde ertönen zu lassen. Wir möchten hierzu bemerken, daß Herr Hermann I. Jchenhäuser nicht nur mit dem Abzeichen der Kürassiere, sondern mit dem Ehrenzeichen sämmtlicher hiesiger Kriegervereine geschmückt ist, in Anerkennung der selbstlosen, opferfreudigen und fruchtbaren patriotischen Thätigkeit des jungen Dichters. Herrn Jchenhäuser ist wiederholt von hoher und Allerhöchster Seite aus dafür Dank und Anerkennung zutheil geworden und wir möchten Herrn Jchenhäuser von dieser Stelle aus bitten, unbeirrt von dem Gekläffe und Gezeter antisemitischer Neider und Streber auf dem bisher gewandelten Pfade zum Wohle unseres geliebten, deutschen Vaterlandes und zur Ehre des Judenthums weiter zu schreiten. —n.— Oesterr.-Ungar. Monarchie. PreHbrrrg, 16. Februar. Soeben ist der Bericht der Leitung unserer jüdischen Volksküche, die auch für unsere Jeschiba eine große Wohlthat ist, über die Thätigkeit dieser Anstalt im vergangenem Jahre erschienen. Demselben ist zu entnehmen, daß die Volksküche während dieser Zeit 163,970 Portionen Speisen verabreichte und dafür 6570 fl. vereinnahmte. Mit den ihr zugkfloffenen Spenden betrugen die Einnahmen 9032 fl. und die Ausgaben wieder 8696 fl., so daß sich ein Rest von 336 fl. ergibt. Das Vermögen der Volksküche beträgt jetzt 5264 fl. Griechenland. Athen, im Februar. Die Provinz Theffalien gehört erst seit zehn Jahren zu Griechenland und doch haben unsere Glaubensbrüder daselbst während dieser kurzen Spanne Zeit unerwartete Fortschritte in ihrer geistigen und materiellen Stellung gemacht. Sie besitzen heute schon sehr gut eingerichtete Schu-